Da hilft kein Klagen, so wird’s laufen: Die Rottweiler Narren gehen neue Wege. Foto: Rörsch/Schnekenburger

Geänderte Strecke des Montagssprungs sorgt für Entrüstung. Jetzt noch weniger Platz für die Zuschauer?

Rottweil - Den Rottweiler Narren geht es an die Tradition – und der Aufschrei lässt nicht lange auf sich warten: "Schwachsinn", "peinlich", "Man muss sich schämen" – das sind noch die harmloseren Reaktionen auf die Ankündigung der Zunftoberen, die Route des Narrensprungs am Montag zu ändern (wir berichteten).

D’Stadt nab, d’Stadt nuff, d’Stadt naus – was seit gefühlten Ewigkeiten gilt, ist passé. Die Sprung dauert mittlerweile viel zu lang, fürs Aufsagen bleibt keine Zeit, meint die Zunft. Künftig geht’s nur noch "nab" bis zum Hauptstraßenkreuz, dann "naus" bis zur Volksbank, quer durch die Gassen zum Spital und dann erst "nuff" Richtung Fried­richs­platz. Das gleicht einer Revolution und ist jetzt im Städtle Thema Nummer eins. Schließlich steht die Fasnet vor der Tür – und die neue Routenführung, die für alle drei Tage gilt, scheint manchem Narr die Vorfreude nun ordentlich zu vergällen.

"Eine Schand’ für Rottweil", kommentiert Lukas P. auf unserer Facebook-Seite Schwarzwälder Bote Rottweil, wo die Nachricht hohe Wellen schlägt. 5200 Leute haben sich den Beitrag über die Streckenänderung schon angeschaut, viele kommentieren und diskutieren – und manch einer kann es schier nicht fassen. "Haltet hoch die Tradition!", fordert Michael P. und lässt die Argumentation der Zunft, dass durch die Verkürzung der Sprungroute mehr Zeit fürs Aufsagen bleiben soll, nicht gelten. "Ein echter Rottweiler Narr geht auch nach einem langen Sprung noch durch die Gässle."

"Man kann die Fasnet auch mit Gewalt kaputt machen", bedauert Gabriele R. den Schritt. Und viele wundern sich, dass die gerade die Rottweiler Zunft diesen Schritt geht. "Da soll die Narrenzunft noch einmal sagen, sie will unbedingt die Tradition aufrechterhalten", sagt Martina K., und erntet dafür viel Zustimmung.

Bedenken werden vor allem auch deshalb laut, weil die verkürzte Strecke auch weniger Platz für die Zuschauer bedeute. Schließlich führte der Montagssprung bisher über die Hochbrücke hinaus, um den "Möbelwagen" herum und wieder zurück. Vor allem das Zurück in die Stadt, wenn die alten Bürgerhäuser bei schönem Wetter von der Sonne angestrahlt werden, so sagt ein altgedienter Narr gegenüber unserer Zeitung, habe bei ihm stets für besonderes Kribbeln im Bauch gesorgt.

"Ich bin sehr gerne über die Hochbrücke gelaufen", schreibt auch Daniela K. auf unserer Facebook-Seite, und formuliert ihre Bedenken so: "Gässlefasnet ist toll, aber die wird durch die Verkürzung des Sprungs nicht vermehrt. Im Gegenteil, es sind bisher noch einige Zuschauer auf der Hochbrücke bzw. vor der Duttenhofer Villa. Die fallen dann alle weg oder müssen sich irgendwo in die fünfte Reihe an der Hochbrücktorstraße stellen. Und mit eingeschränktem Gesichtsfeld unter der Larve sieht man vielleicht bekannte Gesichter in der fünften Reihe nicht." Und Roan v. E. meint: "Was die Narrenzunft unter Tradition versteht, ist für mich nicht zu verstehen. Ich schüttle verwundert und doch leicht angewidert den Kopf."

Deutliche Reaktionen, mit denen die Narrenzunft aber in gewisser Weise schon gerechnet hat. "Uns war klar, dass das nicht geräuschlos abgehen wird", sagt Narrenmeister Christoph Bechtold gestern auf Nachfrage unserer Zeitung. Er versichert, dass man in der Narrenzunft selten eine Entscheidung zuvor so ausführlich diskutiert habe. "Wir mussten etwas tun und sehen keine Alternative zu dieser Lösung", sagt Bechtold. Und das Ganze sei auch keineswegs als Testlauf zu sehen. Man habe in den beiden vergangenen Jahren ja schon am Dienstag gesehen, dass es funktioniert. Spielraum zur "Optimierung" müsse man sich aber natürlich lassen.

Beim Abstauben an Dreikönig habe es in den Häusern der oft altgedienten Narren übrigens hauptsächlich positive Resonanz gegeben. "Endlich macht ihr was", sei oft zu hören gewesen angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre. Sechs Stunden Sprung am Montag, das mache eben auch dem größten Narr keinen Spaß mehr.

Mit der neuen Strecke soll nun gegen 12 Uhr Schluss sein. Dann hätten auch die Zuschauer Zeit, um zu Mittag zu essen und anschließend nochmal ins Städtle zu gehen. "Das lohnt sich dann auch wieder", argumentiert Bechtold. Viele, die bislang erst um 14 oder 15 Uhr nach Hause gekommen sind, seien dann nämlich gleich daheim geblieben. Jetzt bleibe Zeit fürs Aufsagen, ist der Narrenmeister überzeugt. Die Angst, dass für die Besucher an der Strecke nicht genügend Platz bleibt, hält er außerdem für unbegründet. "Wir verzeichnen in den vergangenen Jahren einen Besucherrückgang", sagt er. Und in der Unteren Hauptstraße sei noch ausreichend Kapazität. "Von fünfter Reihe kann da nicht die Rede sein."

Was die zunehmende Menge der Narren angehe – hier müsse man eher ansetzen, meinen Kritiker der neuen Streckenregelung – gebe es auch hier viele Ideen, erklärt Bechtold. Allein die Umsetzung, die Kontrolle, sei noch schwierig. Man müsse sich aber in den nächsten Jahren darüber verstärkt Gedanken machen. Das würde Ute W. sehr entgegen kommen, die fordert: "Alle raus, die nicht rein gehören! Habe letztes Jahr sogar Asiaten im Kleidle gesehen! Hier mehr Kontrolle und der Sprung wird kürzer!"

Michael R. versteht die ganze Aufregung nicht recht. Schließlich hänge so eine Tradition ja nicht nur von einer Umzugsstrecke ab. Es gebe ja auch noch den Narrenmarsch und die vielen "Figuren". Man merkt es gleich: Er ist halt, wie er selber einräumt, ein "Zugereister".

Auch auf unserer Facebook-Seite Schwarzwälder Bote Rottweil wird rege diskutiert: 

 
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