Das Risiko, dass junge Menschen beim sogenannten Gaming mit rechtsextremen Inhalten konfrontiert werden, ist real. Der Experte Flemming Ipsen erklärt, wo die Gefahren liegen und wie Eltern ihre Kinder schützen können.
Flemming Ipsen ist Referent für Rechtsextremismus bei jugendschutz.net. Im Interview mit unserer Redaktion macht er deutlich, wie Rechtsextreme im Internet gezielt junge Menschen ansprechen und Hass verbreiten.
Herr Ipsen, auf welche Weisen nutzt die rechtsextreme Szene Computerspiele?
Rechtsextreme nutzen den gesamten Themenkomplex Gaming für ihre Propaganda und zur Ansprache junger Menschen. Das geht von rechtsextremen Memes in der Ästhetik beliebter Videospiele wie etwa GTA, über das gemeinsame Zocken bei online Gaming-Events und die Entwicklung eigener Videospiele bis hin zur direkten Ansprache junger Spielerinnen und Spieler im Gaming-Kontext. Die Strategie dahinter ist, junge Menschen in ihren alltäglichen Lebenswelten online abzuholen und an ihre Hör-, Seh- und Nutzungsgewohnheiten anzudocken. Neben den großen Social-Media-Diensten gehören auch Gamingplattformen wie Steam oder Kommunikationsräume wie Discord zum rechtsextremen Betätigungsfeld im Netz. Hier finden sich Nutzerinnen und Nutzer mit einschlägigen Profilen oder Kommunikationsräume, die geprägt sind von Menschenverachtung und Hasspropaganda.
Im Internet gibt es zahlreiche Computerspiele, die größtenteils kostenlos heruntergeladen werden können. Müssen Eltern sich Sorgen machen, dass ihr Kind sich aus Versehen mal eins runterlädt, in dem rechtsextreme Inhalte verbreitet werden?
Neben vereinzelten Videospielen, die von Rechtsextremen selber entwickelt wurden und entsprechende Propaganda beinhalten, sind es vor allem die Möglichkeiten nutzergenerierter Inhalte, die Rechtsextreme für ihre Agitation instrumentalisieren. So finden sich immer wieder in Profilangaben wie etwa Namen, Beschreibungen oder Profilbilder rechtsextreme Bezüge. Aber auch die spieleinterne Kommunikation wie etwa Text- oder Voicechats werden zur Verbreitung von Hass und Menschenfeindlichkeit missbraucht. Ein weiteres Einfallstor sind Spieleplattformen, die darauf ausgelegt sind, dass User eigene Spiele entwickeln. Besonders beliebt ist hier Roblox. Hier fand jugendschutz.net auch sogenannte „Erlebnisse“, die nationalsozialistische Symbole beinhalteten, in denen man rechtsterroristische Anschläge nachspielen oder in die Rolle einen KZ-Aufsehers schlüpfen konnte. Das Risiko, dass junge Menschen mit entsprechenden Inhalten im Gaming-Kontext konfrontiert werden, besteht also definitiv.
Was mache ich, wenn ich in einem Internetspiel auf rechtsextreme Inhalte stoße?
Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie auf rechtsextreme Inhalte im Gaming-Kontext reagiert werden kann. Entsprechende Inhalte können, je nach Dienst oder Plattform unterschiedlich, gemeldet werden. Auch an jugendschutz.net können mögliche Verstöße gemeldet werden. Wir prüfen diese und gehen dagegen vor, wenn wir Verstöße gegen den Jugendmedienschutz feststellen. Auch direkter Widerspruch gegen menschenverachtende Aussagen beispielsweise im Chat kann eine Möglichkeit sein, um deutlich zu machen, dass Rechtsextremismus im Gaming keinen Platz hat. Nicht zuletzt sollten sich Kinder und Jugendliche Hilfe holen, etwa im Freundeskreis oder bei Eltern, wenn sie direkt angegangen oder mit belastenden Inhalten konfrontiert werden. Schutzmaßnahmen wie etwa das Blocken von Usern oder das Abschalten spieleinterner Kommunikation können hier zudem entlastend wirken.
Wie können Eltern ihre Kinder schützen?
Wichtig ist vor allem, sich mit ihnen über ihre Lebenswelten, die zu einem großen Teil eben auch Online-Lebenswelten sind, auszutauschen und hierüber im Kontakt zu bleiben. Daneben bieten Onlinedienste und Spieleplattformen häufig auch strukturelle Schutzmaßnahmen wie etwa Altersfilter, einen Elternbereich oder die Möglichkeit, Nutzungsvarianten zu begrenzen. Hier gilt es, sich über entsprechende Schutzmöglichkeiten zu informieren und diese zu nutzen. Vergessen darf man aber auch nicht die Verantwortung der Anbieter, für entsprechende Schutzmaßnahmen Sorge zu tragen. Immer wieder stellt jugendschutz.net hier eindeutige Mängel fest.
Welche Verantwortung sollten Schulen in diesem Zusammenhang übernehmen?
Junge Menschen für mögliche Risiken im Zusammenhang mit Social Media im Allgemeinen sowie Online-Gaming im Besonderen zu sensibilisieren, sie altersgerecht über rechtsextreme Propaganda aufzuklären und ihnen ein Ansprechpartner zu sein, trägt wesentlich zu ihrer Resilienz bei. Die Schule spielt hier in der Vermittlung nicht nur notwendiger Medienkompetenz, sondern auch mit Blick auf die politische Bildung eine wichtige Rolle.
Gibt es Zahlen, die den Umfang rechtsextremer Inhalte beim Gaming deutlich machen?
Mit Blick darauf, dass Gaming längst keine Nischenbeschäftigung mehr ist, ist eine Quantifizierung schwierig. Alleine in Deutschland spielen laut dem Verband der deutschen Games-Branche 34 Millionen Menschen Videospiele. Und insbesondere bei jungen Menschen ist Gaming beliebt: Laut JIM-Studie 2023 spielen 73 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen regelmäßig digitale Spiele. Die Studie „Hate is No Game“ der Anti-Defamation League von 2022 kann einen Hinweis darauf geben, wie grassierend Hassinhalte im Gaming sind: 77 Prozent der Befragten gaben an, bereits Hass im Zusammenhang mit Videospielen erlebt zu haben. Wenngleich es sich also um eine Minderheit handelt, die rechtsextreme und menschenverachtende Inhalte verbreiten, so handelt es sich um eine relativ laute Minderheit. Und auch unsere Beobachtungen, dass Gaming längst ein Betätigungsfeld für rechtsextreme Online-Subkulturen geworden ist, zeigt dies immer wieder.
Kinder und Jugendliche im Internet schützen
Zur Person
Flemming Ipsen studierte Soziologie mit den Schwerpunkten Antisemitismusforschung, Sozialpsychologie und Kritische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist Referent für Rechtsextremismus und stellvertretender Leiter des Bereichs politischer Extremismus bei jugendschutz.net.
Kompetenzzentrum
Die Organisation jugendschutz.net gibt es seit 1997. Sie ist ein gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet und sichtet Angebote im Netz, prüft diese auf Verstöße gegen den Jugendschutz, nimmt Beschwerden entgegen und recherchiert selbst, welche Risiken für Kinder und Jugendliche bestehen.
Kontakt
Hinweise auf illegale, jugendgefährdende oder entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte im Netz nimmt jugendschutz.net unter https://www.jugendschutz.net/verstoss-melden entgegen.