Die Polizei ist in elf Bundesländern gegen mutmaßliche Reichsbürger vorgegangen – sie sollen auch Ärzte bedroht haben. Foto: dpa/Bodo Schackow

Unter den mutmaßlichen Reichsbürgern, gegen die die Polizei am Mittwochmorgen vorgegangen ist, sollen auch Impfgegner und Coronaleugner sein. Sie sollen Ärzte massiv angegangen sein – auch in Baden-Württemberg.

Die bundesweite Großrazzia gegen eine Gruppierung von Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern hat nach Informationen unserer Zeitung weitere Hintergründe. So sollen die bisher 25 Festgenommenen und ihre Unterstützer nicht nur den Umsturz der Regierung und die Machtübernahme in Deutschland geplant haben. Offensichtlich waren Personen aus ihrem Umfeld in der Vergangenheit auch aktiv bei der Hetze gegen Ärzte, die Impfungen gegen Corona anbieten. Diverse Mediziner sollen massiv bedroht worden sein.

 

Besonders ins Visier geraten war dabei ein Kinderarzt in Bruchsal. Die Täter hatten ein Foto von ihm in eine Art TÜV-Plakette gesetzt und mit herabwürdigendem Text versehen. Das Ganze landete dann als Aufkleber an zahlreichen Laternenmasten in der gesamten Umgebung. Der Staatsschutz nahm die Ermittlungen auf – wegen einer mutmaßlich politisch motivierten Straftat.

Besonders pikant: Offenbar stammen einige der Tatverdächtigen, bei denen es am frühen Mittwochmorgen Durchsuchungen gegeben hat, selbst aus dem medizinischen Umfeld. Nach Informationen unserer Zeitung gab es auch in Baden-Württemberg entsprechende Zugriffe.

Der Arzt, gegen den sich die Attacken gerichtet haben, berichtet gegenüber unserer Zeitung, die Lage habe sich inzwischen etwas beruhigt. „Weitere Plakat- oder Aufkleberaktionen gegen mich hat es nicht mehr gegeben. Ich bekomme allerdings immer noch freundliche Post“, sagt er. Der bekannte Bruchsaler Kinder- und Jugendarzt meint damit vor allem Postkarten mit Beschimpfungen. Der erfahrene Mediziner hat sich von den Vorfällen nicht unterkriegen lassen, betreibt die Praxis wie zuvor, muss auch keine dadurch bedingten Abgänge beim Personal beklagen. Verstehen kann er die Attacken noch immer nicht, doch er versuche, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

Die Bundesärztekammer hat zur Bedrohung von Medizinern eine klar Meinung. „Ärztinnen und Ärzte sowie andere Gesundheitsberufe werden immer häufiger Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt. Sie erhalten Drohanrufe, Anfeindungen über Briefe, SMS, Social Media oder E-Mail“, sagt Sprecher Samir Rabbata. Besonders beliebt seien auch gefälschte Bewertungen im Internet – etwa dann, wenn Mediziner Patientinnen und Patienten darauf hinweisen, die Coronaregeln einzuhalten, oder sie nach ihrem Impfstatus befragen. „Mitunter erfordert dies sogar Polizeischutz für Praxisteams oder Klinikambulanzen. Auch in den Notfallambulanzen kommt es immer wieder zu Übergriffen auf das Personal. Solche Übergriffe führen zu Verunsicherung und Angst. Sie gefährden nachhaltig die vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung“, so der Sprecher.

Ärztekammer fordert bundesweites Meldesystem

Zur Gewalt gegen Ärzte im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gibt es keine genauen Zahlen. „Aber die Berichte aus den Kliniken und Praxen häufen sich“, so der Sprecher der Bundesärztekammer. Das Bundeskriminalamt schätzt Impfgegner und Coronaleugner als „relevantes Risiko“ für mit der Impfung betrautes medizinisches Personal ein. Bei der Kammer fordert man weitere Schritte: „Um das Problem angehen zu können und in den Griff zu bekommen, muss man um dessen Größe wissen. Wir brauchen ein Meldesystem, um die Fälle zahlenmäßig zu erfassen“, sagt Rabbata.

Mittlerweile hat der Gesetzgeber in Deutschland reagiert und das Strafrecht verschärft. Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte sowie Angehörige anderer Gesundheitsberufe können jetzt wirkungsvoller sanktioniert werden. „Hinzu kommen vielfältige Beratungs- und Fortbildungsangebote bei den Ärztekammern. Das alles sind gute und wichtige Ansätze, doch sie allein reichen nicht aus“, so Rabbata. Man brauche darüber hinaus „breit angelegte Aufklärungskampagnen, die verdeutlichen, dass Ärztinnen und Ärzte allen kranken Menschen helfen wollen“. Gerade in Zeiten wie diesen seien der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Solidarität mit den Beschäftigten im Gesundheitswesen wichtiger denn je.

Die mutmaßlichen Mitglieder und Unterstützer der jetzt ausgehobenen Terrorgruppe dürften darauf keinen Wert gelegt haben. Die Ermittlungen gehen weiter – und dürften noch viele weitere Details ans Licht bringen.