Der Angeklagte versucht, die Verhandlung zu seiner Bühne zu machen. Foto: dpa

Ein Mann findet seine Frau ermordet und mit einem Kruzifix in der Hand im Bett. Jetzt steht ein 27-jähriger Pakistaner vor Gericht. Er bestreitet die Tat und spricht von einem Komplott. Die Hintermänner will er töten.

Heilbronn/Bad Friedrichshall - Der Mann geht durch die Wohnung. Türen stehen offen, die eigentlich abgeschlossen sein müssten. Auf dem Regal fehlt das Smartphone. Aus dem Geldbeutel in der Anrichte hat jemand die Scheine herausgenommen. Innerlich beginnt der Mann zu kochen. „Schatz, jemand ist hier gewesen“, ruft er. Doch die Tür zum Schlafzimmer seiner Frau, die wegen seines Schnarchens alleine schläft, ist zu.

Ohnehin kann sie ihn nicht mehr hören. Als er ihre Decke zurückschlägt, blickt er in seltsam aufgerissene Augen. An der Stirn hat sie eine Platzwunde, die Hände sind gefesselt, zwischen den Armen der 70-Jährigen steckt ein Kruzifix. Er will die Polizei rufen, doch er hat die Nummer vergessen. Er fingert nach dem Telefonbuch, mehrfach fällt es ihm aus der Hand. Als die Polizei endlich eintrifft, weht im Garten noch die Geburtstagsfahne. Die Enkelin, die mit ihren Eltern in der unteren Etage wohnt, war am Vortag 18 Jahre alt geworden.

Der Angeklagte fläzt auf dem Sitz

Während der 74-jährige Mann vom schlimmsten Morgen seines Lebens berichtet und in Tränen ausbricht, fläzt sich der Angeklagte demonstrativ auf seinem Stuhl im Großen Strafkammersaal des Heilbronner Landgerichts. Er trägt einen blauen Trainingsanzug und Vollbart. Auf dem Kopf hat er eine Wollmütze. Immer wieder muss der Richter ihn auffordern, sie auszuziehen, und gibt es schließlich auf.

Schon bei der Feststellung der Personalien versucht der Angeklagte, die Verhandlung zu seiner Bühne zu machen. Er sei in Saudi-Arabien geboren, sagt er immer wieder, sei 27 oder 28 Jahre alt. Das Gericht geht allerdings davon aus, dass er aus Pakistan stammt. Dort sei er „unter vielen Namen bekannt“, prahlt der Mann. Er habe neun Berufe erlernt und arbeite sich schnell ein. „Wir können gern den Platz tauschen, dann würde ich es bestimmt nicht schlechter machen als Sie“, bietet er dem Vorsitzenden Richter an.

Arabische Schriftzeichen an der Schlafzimmerschrank

Doch der lässt lieber die Anklageschrift verlesen: Aus Habgier soll der Mann in der Nacht zum 19. Mai des vergangenen Jahrs in das Haus im Bad Friedrichshaller Ortsteil Untergriesheim (Kreis Heilbronn) eingedrungen sein und die schlafende Seniorin erdrosselt haben. Aus den Umständen des Raubmordes erkennt die Staatsanwaltschaft allerdings ein weiteres Motiv, das überregionale Medien von „Stern“ bis „Spiegel“ und mehrere Fernsehreporter nach Heilbronn gelockt hat: Ein Kruzifix in den Armen der Seniorin, dazu arabische Schriftzeichen am Schlafzimmerschrank sprächen eine eindeutige Sprache: Der Angeklagte habe eine Ungläubige töten wollen, heißt es in der Anklageschrift.

„Wir sind gut katholisch“, sagt der Mann des Opfers derweil. Die Familie sei in der Kirchengemeinde aktiv, seine Frau eine treue Kirchgängerin gewesen. Wie gläubig der Angeklagte selbst ist, bleibt unklar. Entsprechende Nachfragen beantwortet er wort- und gestenreich, aber ausweichend. Die Hälfte seiner Familie könne den Koran auswendig zitieren, sagt er. Ob auch er dazu gehört, sagt er nicht. Dafür doziert er darüber, dass gewisse Dinge durchaus mit einer Kugel zu erledigen seien, zum Beispiel, wenn jemand eine Frau mit falschen Augen anstarre. Als sein Verteidiger versucht, ihn zu bremsen, zischt er ihn an, ihn nicht zu stören.

Mit dem Jägermeister am Neckar

Keineswegs ernst nimmt er es mit dem islamischen Alkoholverbot. In der Tatnacht will er am Neckar gesessen und eine Flasche ausgetrunken haben, „auf der ein Tier mit Hörnern“ gewesen sei. In Untergriesheim sei er weder damals noch sonst wann gewesen. Dass Fußspuren, DNA-Proben und das Bewegungsprofil seines Handys eine andere Version nahelegen, ficht ihn nicht an. Das Geld, ein Smartphone und Schmuck aus dem Raub habe er zufällig in einer Plastiktüte am Heilbronner Bahnhof gefunden. Alles sei ein großes Komplott. Egal ob er zehn oder 20 Jahre bekomme – er werde alle Beteiligten umbringen.

Diese Drohung lässt der Richter ins Protokoll aufnehmen. Dann kündigt er ruhig für die nächsten Verhandlungstage eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen im Gerichtssaal an. Einige angebliche Verschwörer stehen auf der Zeugenliste des bis Ende Februar angesetzten Prozesses. Die Verteidigung will auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren.

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