Jesus-Darsteller Michele Annunziata Foto: privat

Die italienisch-katholische Gemeinde führt seit 1979 in vier Szenen den Leidensweg Christi in einer Prozession auf. Michele Annunziata fühlt sich dabei Jesus von Nazareth besonders nah.

Stuttgart - Menschen drängen sich dicht aneinander, um das Schauspiel zu sehen. Sie wollen erleben, wie dieser Mann, einst bejubelt, nun tief gefallen, zur Hinrichtung geleitet wird. Pure Sensationsgier. So stehen sie dort und gaffen. Mitleid hat kaum einer mit diesem Mann, der von seiner Folter gezeichnet ist und eine Dornenkrone trägt. Auch dass er dieses große Kreuz auf seinen Schultern trägt, obwohl er total geschwächt ist, kümmert keinen. Nein, sie spotten eher noch. Es ist die Straße, auf der Jesus nach seiner Verurteilung durch die Römer vom Amtssitz des Statthalters Pontius Pilatus bis zur Hinrichtungsstätte auf den Hügel Golgatha ­geführt wird.

Diese Geschichte ist über 2000 Jahre her. Aber sie wird an Karfreitag (15.30 Uhr) in Bad Cannstatt am Kursaal wieder neu in Szene gesetzt. Natürlich mit dem Sohn Gottes. Genauer: mit dem „Jesus von Cannstatt“, wie ihn der Südwestrundfunk (SWR) in einem Filmbeitrag nennt.

Jesus wohnt im Westen, ist verheiratet, arbeitet beim Daimler als Elektromechaniker und heißt Michele Annunziata (52). Zusammen mit 45 Darstellern der italienisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart spielt er die Leidensgeschichte Jesu am Kursaal nach. Inzwischen wird der Kurpark so zum 35. Mal zu einer Via Dolorosa. Aber was sind schon Zahlen? Sie bedeuten Michele Annunziata nichts. Fünfmal hat er schon das Kreuz auf seine Schultern geladen. Fünfmal spielte er die Hauptrolle. Aber es will sich partout keine Routine einstellen.

„Es wird auch jetzt wieder so sein wie beim ersten Mal“, sagt Annunziata, „da ist so ein komisches Gefühl im Bauch.“

In das Martyrium von Karfreitag eintauchen

Es ist kein Lampenfieber im klassischen Sinn. So etwas kennt der bei Neapel geborene Stuttgarter. Dann, wenn er für das italienische Ensemble Le Maschere auf der Bühne steht. Aber an Karfreitag lastet mehr auf seinen Schultern als das 50 Kilogramm schwere Holzkreuz. Es ist mehr als Nervosität. „Es ist wie ein Angstgefühl“, sagt Annunziata und vermeidet das Wort Todesangst: „Als spürte ich in diesen Stunden, was Jesus gedacht hat.“

Er muss es wissen: Bis auf Pontius Pilatus hat er schon alle Rollen übernommen. Den Soldaten, den Apostel und den Hohepriester Kaiphas. Aber keine bewegt mehr als die des Jesus. Die vielen Tausend Menschen, die am Karfreitag in Bad Cannstatt den Weg säumen. Und den Jesus-Darsteller selbst.

Schon Tage vor der Prozession taucht Michele Annunziata in das Martyrium von Karfreitag ein. Er spricht ruhig, bedächtig, ja fast andächtig. Über die wertvolle Unterstützung seiner Frau Teresa und seinen tiefen Glauben. Darüber, dass er diese Aufführung seinen kürzlich verstorbenen Eltern widme. Und darüber, dass man diese Rolle „nur mit Herz, Seele und Leidenschaft“ spielen darf. Nur mit dieser Passion wecke man bei den Zuschauern echte Ergriffenheit.

Und damit das Mitleid.

Michele Annunziata schafft das immer wieder. Es kommt vor, dass Menschen ihn spontan umarmen oder küssen. In diesen Momenten verschwimmen für alle die Dimensionen. Zeit und Raum lösen sich auf. Die Zuschauer wähnen sich in Jerusalem. Annunziata wird eins mit seiner Rolle.

Jesus legt seine Seele in Gottes Hände

„Es ist Wunder“, sagt er über diese Verwandlung. Anders kann er sich’s nicht erklären: „In dem Augenblick, in dem ich nackt dastehe und das Gewand des Heilands überstreife, wird ein anderer aus mir. Es ist, als könnte ich spüren, was Jesus damals durchgemacht hat.“ Den Schmerz, die Angst, die Verlassenheit. „Schritt für Schritt denke ich dann, dass ich derjenige bin, der jetzt in den Tod geht.“

Kurz vor der Kreuzigung scheint er vollkommen der realen Welt entrückt zu sein. Er schleppt sich dahin und blickt apathisch ins Nichts. Jesus erlebt alles wie in einem Tunnel. Fixiert auf das Ende am Kreuz, das im christlichen Sinn zum Neuanfang wird: die Auferstehung am Ostermorgen. Doch bis dahin herrschen tiefe Not und Verzweiflung. Erst mit den Worten „Padre nelle tue mani consegno il mio spirito“ löst sich alles auf. Übersetzt: Jesus legt seine Seele in Gottes Hände.

Der „Jesus von Cannstatt“ ist tot.

Aber das von Annunziata beschriebene Wunder von Cannstatt nimmt weiter seinen Lauf: „Erst jetzt, wenn alles fertig ist, alles von mir abfällt, verwandle ich mich wieder zurück in Michele.“

Wegen Bauarbeiten auf dem Cannstatter Marktplatz ändert sich der Streckenverlauf. Die vierte Station (Jesus vor Pontius Pilatus) findet im Hof des Johannes-Kepler-Gymnasiums statt. Die Prozession startet um 15.30 Uhr im Kurpark und endet gegen 18 Uhr ebenfalls im Kurpark.