Eine Bedarfsplanung legt ein Arzt-Einwohnerverhältnis fest.Der tatsächliche Bedarf der Bevölkerung spiegelt sich darin laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg nicht wider. Die Folge unter anderem: teils lange Wartezeiten für einen Arzttermin. Foto: dpa/Stephan Jansen

Die Orts-Check-Teilnehmer im Zollernalbkreis wählen die Gesundheitsversorgung auf den letzten Platz. Unsere Redaktion hakte in Sachen Bedarfsplanung, Zahl der freien Arztsitze und zur Lage in den Praxen nach – ein Überblick.

Die Gesundheitsversorgung schneidet im ländlichen Raum häufig schlecht ab – das zeigt auch der Orts-Check des Schwarzwälder Boten.

 

Magere 5,14 von 10 möglichen Punkten stehen am Ende der Bewertung. Auffällig: Die ärztliche Versorgung schneidet deutlich schlechter ab als die Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen wie Physiotherapie oder Pflegediensten.

So viele Hausarztsitze sind unbesetzt

Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zeigen: Kreisweit gibt es 31,5 freie Hausarztsitze (Stand laut KVBW vom 21. Februar 2024). Davon entfallen 10 auf den Mittelbereich Albstadt (der Versorgungsgrad liegt bei rund 88 Prozent), 11,5 auf den Mittelbereich Balingen (rund 78 Prozent) und 10 auf den Mittelbereich Hechingen (rund 84 Prozent).

Ärzte in ländliche Regionen zu locken, gelingt seit Jahren nicht im ausreichenden Maß – zahlreichen Programmen, die die Attraktivität für eine Praxis steigern sollen, zum Trotz.

So viele Facharztsitze sind frei

Anders sieht es bei der fachärztlichen Versorgung aus. Hierzu zählen: Augenärzte (Versorgungsgrad rund 113 Prozent; 10,5 Stellen), Chirurgen und Orthopäden (116 Prozent; 14,5 Stellen), Frauenärzte (127 Prozent; 19 Stellen), HNO-Ärzte (111 Prozent; 6,5 Stellen), Hautärzte (116 Prozent; 5,5 Stellen), Kinderärzte (99 Prozent; 11,25 Stellen), Nervenärzte (106 Prozent; 8,5 Stellen), Psychotherapeuten (152 Prozent; 48 Stellen) und Urologen (121 Prozent; 5 Stellen).

Freie Arztsitze gibt es nur bei Kinderärzten (1,5) und bei Nervenärzten (0,5). Und das, obwohl gesetzlich Versicherte auf einen Termin im Zollernalbkreis, beispielsweise beim Orthopäden, teils Monate warten müssen. Wie passt das zusammen?

Ärzte im Zollernalbkreis: die Bedarfsplanung

„Wie viele Ärzte sich wo niederlassen können, regelt die gesetzlich vorgegebene Bedarfsplanungsrichtlinie“, berichtet eine KVBW-Sprecherin unserer Redaktion. Die Bedarfsplanung folge einer Vorgabe der Bundesregierung, „wonach aus Kostengründen die Zahl der ambulant tätigen Ärzte begrenzt wird“.

Das bedeutet: Es wird ein Arzt-Einwohnerverhältnis festgelegt, das eine 100-Prozent-Versorgung bedeutet.

Ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent werde ein Bereich gesperrt. „Das bedeutet, dass keine neue Praxis eröffnet werden darf und eine bestehende Praxis sich nicht vergrößern darf“, erklärt die Sprecherin.

Der Bedarf der Bevölkerung

Der tatsächliche Bedarf der Bevölkerung spiegle sich darin nicht wider. „Die Bedarfsplanung ist ein Instrument, um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen im Griff zu behalten“, so die Sprecherin. Daher sei es möglich, dass etwa Kinder- oder Augenärzte rein rechnerisch einen guten Versorgungsgrad aufweisen, dass sich Patienten aber dennoch schwertun, einen Termin zu bekommen.

Inzwischen geht es also ums Geld. Doch ursprünglich hatte die Bedarfsplanung einen anderen Zweck. Laut Bundesgesundheitsministerium wurde sie Anfang der 90er-Jahre eingeführt, um wegen „der hohen Ärztezahl eine Überversorgung zu verhindern“.

Mittlerweile habe sich die Situation verändert, vor allem in strukturschwachen Regionen komme es zunehmend zu Problemen bei der Nachbesetzung von Arztpraxen. Im Jahr 2012 sei daher die Bedarfsplanung flexibilisiert und regionalisiert worden.

Kreisärztesprecher Mohr: Die Lage ist nicht gut

Doch das hat offenbar nicht gereicht. Kreisärztesprecher Ullrich Mohr sagt unserer Redaktion: „Die Lage ist nicht gut, um nicht zu behaupten: schlecht.“ Und: „Die Politik verspricht den Patienten Vollkasko-Medizin, zahlt aber nicht einmal für Teilkasko.“

Das Gesamteinkommen der niedergelassenen Allgemeinmediziner auf dem Land gehe zurück, berichtet er. Immer mehr Bürokratie werde Ärzten aufgebürdet, vermehrt seien Haftungsfragen ein Thema. Ist in Sachen Ärzteversorgung keine Besserung in Sicht? Mohr vermutet: eher nicht. Selbst die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) kämpften damit, die Kosten zu stemmen.

Bei akuten Erkrankungen bleibe Patienten nur, zum Allgemeinarzt oder direkt ins Krankenhaus zu gehen – und in jedem Fall Geduld mitzubringen.

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Die Kategorie: Gesundheitsversorgung

Orts-Check
 Wie gut lebt es sich in den 25 Kommunen des Zollernalbkreises? Das wollte der Schwarzwälder Bote in der großen Orts-Check-Umfrage in Zusammenarbeit mit der Agentur co-mind von seinen Lesern wissen und fragte in insgesamt 14 Kategorien nach.

Die Fragen
 Diese lauteten: Wie bewerten Sie das Angebot an Arztpraxen und Kliniken in Ihrer Stadt/Gemeinde? Wie gut ist die Versorgung mit anderen Gesundheitsdienstleistungen (Reha, Physio, Pflegedienste etc.)? 

Die Ergebnisse
 Die Gesundheitsversorgung wird insgesamt in der Region am schlechtesten bewertet und belegt laut co-mind mit einem Durchschnittswert von 5,14 den letzten Platz im Kategorie-Ranking. Einig sind sich die Befragten nicht: Die Bewertung fällt sehr unterschiedlich aus. Die ersten Plätze belegen Winterlingen mit 7,82 sowie Rangendingen mit 7,52 Punkten. Weit abgeschlagen mit nur 1,57 Punkten liegt Hausen am Tann auf dem letzten Platz.