Wolfgang Schlund hat seinen Traum von der Weltumsegelung unterbrochen, um erneut die Leitung des Nationalparks Schwarzwald zu übernehmen. Im Interview spricht er über die Gründe für seine Rückkehr, Eindrücke von seiner Tour und über Butterbrezeln.
Seit dessen Gründung hat Wolfgang Schlund gemeinsam mit Thomas Waldenspuhl den Nationalpark Schwarzwald geleitet. 2021 verabschiedete er sich überraschend, um mit seinem Sohn und später auch mit seiner Ehefrau die Welt zu umsegeln. Nach Waldenspuhls Wechsel in den Ruhestand ist er ebenso überraschend wieder zurück und tritt erneut als Leiter des Parks an.
Herr Schlund, vor zweieinhalb Jahren haben Sie sich zur Segeltour aus dem Job verabschiedet. War Ihre jetzige Rückkehr geplant?
Nein, ich habe keine Sekunde daran gedacht, bis der Anruf des Ministeriums aus Stuttgart kam, und wir dann als Familie intensive Gespräche über die Möglichkeit eines Wiedereinstiegs geführt haben. Zeitlich hat es gut gepasst. Meine Frau hatte ohnehin vor, nach einer gewissen Auszeit wieder zurück zu ihrem Job im Nationalpark zu kehren, und unser Sohn hat die Tour unterbrochen, um eine dreijährige Ausbildung zum Bootsbauer zu beginnen.
Und was hat Sie dazu bewogen, den Karibikstrand gegen den Nordschwarzwald zu tauschen?
Das sind mehrere Gründe: Zum einen war die Anfrage vom Umweltministerium in Stuttgart dringend. Mir wurde geschildert, wo der Park gerade steht, und welche offenen Punkte es in der Umsetzung der Dinge gibt, die Thomas Waldenspuhl vor seinem Ruhestand noch angestoßen hat. Im Ministerium war man der Meinung, dass meine Erfahrung bei der Weiterentwicklung des Parks sehr hilfreich sein könnte, bis in zwei oder zweieinhalb Jahren ein jüngerer Kollege oder eine Kollegin die Leitung übernehmen kann. Zum anderen waren die Verantwortlichen in Stuttgart mir immer sehr wohl gesonnen, und jetzt habe ich die Möglichkeit, etwas davon zurückzugeben. Und drittens: Der Nationalpark war ohnehin immer eine Herzensangelegenheit für mich und den Park wieder mit zu gestalten und in diesem tollen Team zu arbeiten, das war verlockend.
Ihr Einsatz ist also zeitlich begrenzt. Gibt es denn schon einen möglichen Nachfolger oder ist die Stelle ausgeschrieben?
Nein, die Stelle ist auch nicht ausgeschrieben. Die Frage der Nachfolge obliegt allein dem Ministerium in Stuttgart. Und dort gab es eben den Gedanken, dass ich helfen kann, die angeschobenen Prozesse im Nationalpark zu einem Punkt zu bringen, an dem die Leitung dann gut übergeben werden kann.
Aber eine Doppelspitze, wie Sie und Herr Waldenspuhl sie jahrelang gebildet haben, wird es dann nicht mehr geben?
Ich gehe davon aus, dass es die nicht mehr geben wird.
Was haben Sie von Ihrer Reise für die Arbeit hier mitgebracht?
Was ich mir vorgenommen habe mitzubringen, ist eine große Portion Gelassenheit, die man häufig in Ländern findet, die am Meer liegen. Das heißt, öfter mal inne zu halten und die Wichtigkeit der Probleme zu überdenken. Mitgebracht habe ich auch die Erkenntnis, dass die Welt wunderschön ist und wir sie gerade kaputt machen. Wir müssen mit Hochdruck umsteuern. Dazu dient auch ein kleiner Nationalpark wie der hier im Schwarzwald. Auf unserer Tour haben wir die jeweiligen Schutzgebiete vor Ort besucht und festgestellt: Diese Gebiete sind eine große Chance für uns, weil sich dort die Ökosysteme wieder erholen und Arten wieder verbreiten können. Eine weitere Aufgabe der Schutzgebiete ist es, die Menschen über die Wichtigkeit des Naturschutzes zu informieren und sie dafür zu begeistern. Diese Aufgabe leisten wir hier im Schwarzwald ganz gut.
Haben Sie beim Besuch dieser Schutzgebiete Dinge erfahren, die Sie im Nationalpark Schwarzwald gerne umsetzen würden?
Ja, tatsächlich hat mich an manchen Orten das „Wir-Gefühl“ beeindruckt, das die Menschen in der Schutzgebiet-Region entwickelt haben. Dieses Miteinander und die hohe Wertschätzung der Schutzgebiete würde ich mir für unsere Nationalparkregion auch wünschen. Wenn es allerdings Defizite in der Kommunikation gab, habe ich aber auch viel Kritik an den betroffenen Schutzgebieten gehört. Diesen Fehler dürfen wir nicht machen. Wir müssen mit den Menschen im Gespräch bleiben, bei Problemen nach Lösungen suchen und die Dinge klar kommunizieren.
Was hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?
Negativ: Egal wo wir waren – es gab keinen Ort, an dem man keinen Plastikmüll findet. Das ist erschreckend, denn da wird augenscheinlich, mit welcher Leichtfertigkeit wir mit dieser Welt umgehen. Positiv: Die Freundlichkeit und die Offenheit der Menschen, die man unterwegs trifft. Das stimmt mich dann wieder hoffnungsvoll.
Welches sind die wichtigsten Punkte, die Sie nach Ihrer Rückkehr im Nationalpark Schwarzwald angehen werden?
Was wir auf der Agenda haben, ist die Besucherlenkung im Park zu verbessern und die Frage, wie wir die Anregungen einbauen können, die im Rahmen des Beteiligungsprozesses der Bevölkerung an uns herangetragen wurden. Ein weiterer Punkt ist die engere Zusammenführung der Arbeit der fünf Fachbereiche des Nationalparks. Das ist ein wichtiger Baustein, um die vielfältigen Herausforderungen besser meistern zu können.
Bisher ist der Nationalpark geteilt und besteht aus den Gebieten um den Hohen Ochsenkopf und den Ruhestein. Dazwischen liegen rund 3000 Hektar, die nicht zur Parkfläche gehören. Ist die Zusammenlegung des Parks zu einer Einheit auch ein Thema, das Sie beschäftigen wird?
Die Zusammenlegung der Parkgebiete ist eine rein politische Entscheidung. Da diskutiert die Nationalparkverwaltung nicht mit. Wenn die Entscheidung zu einer zusammenhängenden Parkfläche kommt, ist es eine große Aufgabe für uns – aber auch die Chance, uns aus naturschutzfachlicher Sicht zu verbessern. Natürlich immer in guter Abstimmung mit der Region, auch da können wir uns noch verbessern. Ich bin optimistisch, dass wir das gemeinsam hinbekommen könnten. Aber: Die Politik entscheidet und wir setzen entsprechend um.
Werden Sie nach dem Zwischenstopp im Nationalpark wieder in See stechen?
Wenn mein Sohn es nach seiner Ausbildung noch möchte und ich es gesundheitlich noch kann, würde ich die Reise mit ihm gerne fortsetzen. Aber das entscheidet mein Sohn.
Was haben Sie auf ihrer Tour am meisten vermisst?
Butterbrezeln, die gab es unterwegs leider nirgendwo.
Zur Person
Wolfgang Schlund
ist promovierter Biologe. Er ist Experte für wildlebende Säugetiere und war von 1997 bis 2013 Leiter des Naturschutzzentrums Ruhestein. Ab 2014 leitete er gemeinsam mit Thomas Waldenspuhl als Doppelspitze den Nationalpark Schwarzwald. Unter seiner Regie entstand das neue Nationalparkzentrum Ruhestein mit der Dauerausstellung. 2021 entschied er sich für eine berufliche Auszeit, um die Meere der Welt auf seinem Segelboot zu erkunden.