Zum neuen Jahr kehrt die Mehrwertsteuer für die Gastronomie wieder zurück zu ihrem alten Satz von 19 Prozent. Auch in Nagolder Betrieben wächst die Sorge vor den Folgen.
Mit Beginn des neuen Jahres läuft die Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen in Restaurants aus. Während der Corona-Pandemie hatte die Bundesregierung beschlossen, die Abgabe von 19 auf sieben Prozent zu reduzieren. Angesichts der Energiekrise war diese Maßnahme bis Ende 2023 verlängert worden. Nun soll die reduzierte Mehrwertsteuer wieder zurückgenommen werden. Branchenverbände hatten bereits im Laufe des Jahres vor den drohenden Auswirkungen gewarnt und auch in Nagold wächst die Sorge der Betriebe.
Sorgen gehen über Preiserhöhungen hinaus
Thomas Strohäker, zweiter Vorsitzender der Gastronomen im Nagolder Gewerbeverein und Chef des „Bahnhof 1872“, sieht die Erhöhung kritisch. Er rechnet damit, dass noch weniger Menschen in Restaurants gehen werden. Denn: „Man wird wohl nicht drumherum kommen, die Preise zu erhöhen.“
Es sei zuvor schon nicht leicht gewesen. Mitarbeitende seien schwer zu finden. Dazu kämen die Energiekosten. Das alles führe dazu, dass man weniger Spielraum hat. „Ich weiß gar nicht, woher ich das Geld nehmen soll, das ich bräuchte“, so Strohäker. Auch die Corona-Hilfen sollen viele Betriebe jetzt zurückzahlen, ohne dass sie sich von den Folgen der Pandemie ganz hätten erholen können. Die Kombination aus all diesen Faktoren könne vielen „das Genick brechen“. Er kenne genug Kollegen, die an ihre Grenzen stoßen werden.
„Wir können nicht alles auffangen“
Für Martina Oliver-Sandhas, erste Vorsitzende der Gastronomen im Nagolder Gewerbeverein und Chefin des „Teufele“ in der Marktstraße, ist die Politik hier klar wortbrüchig geworden. Aus ihrer Sicht sei versprochen gewesen, dass der angesichts der bestehenden Krisensituation reduzierte Mehrwertsteuersatz beibehalten werden sollte – dieses Versprechen sei nun gebrochen worden. „Die Gastronomie ist am Limit“, sagt Oliver-Sandhas. Auch beispielsweise die Lieferanten müssten ja die Preise erhöhen. „Wir können nicht alles auffangen. Wir haben keine Ressourcen mehr.“
Ihre eigenen Befürchtungen gehen über etwaige Preiserhöhungen weit hinaus. Laut Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes seien 12 000 Betriebe akut von der Insolvenz bedroht. Oliver-Sandhas ist von dieser Zahl nicht überrascht. Das decke sich mit dem Eindruck, den sie aus ihrem Umfeld gewonnen habe.
Verbittert zeigt sie sich auch aus dem Grund, dass in der Gastronomie viele Menschen arbeiten würden, für die ihre Arbeit eine Herzensangelegenheit ist. „Auch ich wollte nie etwas anderes machen.“ Dass sie es heute mit so vielen Hindernissen zu tun hat, betrübt sie zutiefst.
„Wir kauen immer noch an Corona“
Denn die Situation sei so, dass die anstehende Mehrwertsteuererhöhung sich einer Reihe ineinandergreifender Krisensituationen anschließe. Allerorten herrsche Personalmangel, die Preissteigerung mache auch der Gastronomie zu schaffen und die Zahl der Gäste sei rückläufig.
Vor allem habe aber die Pandemie tiefe Spuren hinterlassen, von denen sich die Betriebe bis heute noch nicht vollständig erholen konnten. „Wir kauen immer noch an Corona“, sagt Oliver-Sandhas. Es seien in der Vergangenheit wirklich kreative Lösungen gefunden worden – doch nun habe man einfach keinen Handlungsspielraum mehr.
Mit Blick auf ihren eigenen Betrieb gibt sie an, dass auch sie ohne die Kulanz ihrer Partner-Brauerei längst schon in einer noch bedrohlicheren Situation wäre. Auf die Frage, was ihr für die Zukunft Hoffnung machen könnte, lacht sie kurz auf: „Hoffnung? Wir versuchen einfach den Kopf über Wasser zu halten.“