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Nagold Landrat: Keine Zeltstädte für Flüchtlinge

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Landrat Helmut Riegger (rechts) sucht immer wieder das Gespräch mit den Flüchtlingen. Michael (links) kommt aus Nigeria. Foto: Kunert

Nagold - Eigentlich ist Calws Landrat Helmut Riegger ein heiterer Mann. Deshalb war es so bemerkenswert, wie erschöpft und beinahe traurig er zeitweise bei einem extrem kurzfristig angesetzten Pressetermin in der Nagolder Flüchtlingsunterkunft Haus Waldeck wirkte.

Eigentlich sei es nur ein ganz normaler Inspektions-Besuch, wie ihn ein Landrat immer wieder einmal mache. Nicht lange angekündigt, damit es vor Ort keine Inszenierungen für ihn geben kann. "Ich will den echten, authentischen Eindruck, wie die Situation in unseren Einrichtungen ist." Aber natürlich fand der Besuch vor dem Hintergrund der gerade noch einmal explodierenden Flüchtlingszahlen im Land stand. Allein am Vortag waren über 600 Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle Karlsruhe registriert worden. Und es ist klar, dass diese Welle unmittelbar auch in die Landkreise weiter fluten wird.

Im gesamten vergangenen Jahr seien 25.000 Asylbewerber nach Baden-Württemberg gekommen. Jetzt seien es allein in diesem Monat August schon 15.000 Menschen, die Aufnahme, Schutz und Unterhalt bei uns suchten. "Es ist eine echte Krisensituation", sagt Landrat Riegger. Eine Krisensituation, die außergewöhnliche Maßnahmen erfordere. Um all den Menschen – "und wir dürfen nie vergessen, es geht hier immer um ganz konkrete Menschen und ihre Schicksale" – auch gerecht zu werden und menschenwürdige Unterbringungsmöglichkeiten zu bieten, werde der Landkreis bürokratische Hürden "herabsetzen". Baugenehmigungen für neue Unterkünfte wird es im Eilverfahren geben. Regeln und auch Bauvorschriften würden ab jetzt großzügiger ausgelegt. Es gilt, schnell handeln zu können. Denn: "Zeltstädte und Unterbringung in Turnhallen wird es im Landkreis Calw mit mir nicht geben", sagt Landrat Riegger.

Und noch sei der Landkreis auch in der auf einmal seltsam glücklichen Lage, "über genug brachliegende touristische Infrastruktur" zu verfügen, um aus alten Hotels und Pensionen in Rekordzeit neue Wohnmöglichkeiten für Flüchtlinge zu machen. Wo genau, das wolle er erst einmal mit den betroffenen Kommunen und Rathäusern besprechen, bevor er Konkretes nenne. Aber auch weitere Neubauten werde es geben, wie jenen in Nagold, wo ab dieser Woche 75 neue Plätze direkt neben dem Haus Waldeck entstehen sollen.

Eigentlich rechne man mit 1600 Flüchtlingen im Kreis bis Ende des Jahres. Bis Ende 2016 sollen die Zahlen auf 2600 steigen. Aber Riegger sagt auch, dass er selbst nicht glaube, dass diese Zahl ausreichen werde. "Wir sind alle vollkommen überrascht worden, wie groß diese Flüchtlingswelle tatsächlich ist." Es stehe aber nicht zur Disposition, den Flüchtlingen aus echten Krisenregionen wie Syrien oder Zentralafrika die Zuflucht zu verweigern. "Wir stehen da als extrem reiche Nation mit unserer besonderen Geschichte in der Pflicht." Und er, Riegger, wisse sich eines breiten Rückhalts in der Bevölkerung seines Landkreises sicher in dieser Frage. "Aber ich habe Sorge, dass auch bei uns diese Geduld und Solidarität jetzt an ihre Grenzen stößt." Da ist er, der Grund für Rieggers sichtbar tiefe Traurigkeit und sehr greifbare Sorge: "Das Horrorszenario sind brennende Flüchtlingsunterkünfte auch bei uns." Soweit dürfe es niemals kommen.

Zumal die ganze Flüchtlingssituation auch noch eine andere Seite der Medaille hat: "Da sind viele, gutausgebildete Menschen dabei." Die auf dem heimischen Arbeitsmarkt mit seiner "gefühlten Vollbeschäftigung" dringend benötigt würden. Schnellere Arbeitserlaubnisse, der Abbau bürokratischer Hürden auch hier soll dafür sorgen, dass Flüchtlinge und Asylanten schneller in passende offene Jobs dürfen. Der Landkreis selbst geht da mit einem guten Beispiel voran: 20 bis 30 Flüchtlinge werde dieser kurzfristig auf seine Lohnliste nehmen – für Hausmeisterdienste, Sicherungsaufgaben und als Dolmetscher.

Auch im Dialog mit den Bewohnern im Haus Waldeck wird schnell deutlich: Es gibt eine große Dankbarkeit für die Hilfe durch Deutschland. Aber es gibt auch viel Ehrgeiz, die gebotene Chance für den Aufbau einer eigenen Existenz hier unbedingt zu nutzen. "Wir wollen niemanden auf der Tasche liegen", sagt beispielsweise Michael (32) aus Nigeria – noch auf Englisch. "Wir wollen eure Sprache lernen. Und wir wollen arbeiten."

Was auch bei der Rechnung mit den Flüchtlingen zu berücksichtigen ist: Die Flüchtlinge müssen versorgt werden, bekommen dafür Bargeld – dass sie in den Kommunen, in denen sie leben, ausgeben. Dazu die Erstausstattung mit Hausrat, Kleidung – die ebenfalls, wenn die Spenden nicht reichen, vor Ort im Handel eingekauft werden. Und all die Baumaßnahmen für die Unterkünfte, die dem regionalen Handwerk reichlich Lohn und Brot geben. "Die Flüchtlinge bringen echte Kaufkraft in die Städte und Gemeinden", sagt Johannes Henseler vom Asylbewerber-Sozialdienst des Landkreises. Ganz abgesehen von den Schlüsselzuweisungen aus der Einkommenssteuer, die die Kommunen für jeden bei ihnen gemeldeten Flüchtling erhalten. Manche Kommune im Land saniert damit gerade ihre grundsätzliche Haushaltslage.

Beim gemeinsamen Rundgang durch die Unterkunft Haus Waldeck merkt man Landrat Riegger dann auch an, dass ihm der hier ganz konkret sichtbare, menschliche Erfolg all der gewaltigen Anstrengungen in der gigantischen Logistik-Aufgabe "Flüchtlingsbetreuung" seine gewohnte und bekannte Fröhlichkeit wiedererlangen lässt. Und als er hört, dass draußen ein paar Hausbewohner aus Pakistan gerade ein Cricket-Match eröffnet haben – der Nationalsport in Pakistan –, lässt Riegger es sich nicht nehmen, nun doch wieder auch herzlich lachend ein paar Schläge spontan selbst auszuführen. Und Riegger scheint Talent zu haben – er trifft den kleinen Ball auf Anhieb gleich mehrfach. Zumindest für den Moment hat die Flüchtlings-Situation im Kreis Calw – trotz der ganz enormen Herausforderungen – also ein Happyend.

Ihre Redaktion vor Ort Nagold

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