Aileen Bügler hat 2018 im Nagolder Krankenhaus ihr FSJ absolviert. Alleine war sie damals nicht – zwölf FSJler sind es dort auch in diesem Jahr. Foto: Schneider Foto: Schwarzwälder Bote

Bildung: Versunken in Bücher oder fasziniert von der Kunst / Freiwilliges Soziales Jahr entfacht Leidenschaft

Freiwillige, soziale Arbeit – und das für ein ganzes Jahr. "Warum eigentlich nicht", denken sich scheinbar viele Jugendliche in der Umgebung, denn die meisten FSJ-Stellen im Raum Nagold sind besetzt – und das nicht nur in den klassischen FSJ-Betrieben.

Nagold. Sorgfältig nimmt Ted Elias Buch für Buch von dem Stapel auf dem Bücherei-Wagen und stellt sie ins Regal. Als alle Exemplare eingeräumt sind, beschriftet er die Neuen. "Signaturen schreiben nennt man das", erklärt er.

Seit September widmet sich Elias tagtäglich der grenzenlosen Welt der Bücher in der Stadtbibliothek Nagold. Die Faszination für das Medium, ist bei ihm schon immer da gewesen. "Ich lese total gerne. Das geschriebene Wort begeistert mich einfach", erzählt der FSJler im Gespräch. Eigentlich hatte der 18-Jährige nach der Schule eine Ausbildung zum Buchhändler angestrebt, hatte jedoch bei der Bewerbung kein Glück. Durch das FSJ kann er seiner Leidenschaft trotzdem nachgehen.

Neben der Arbeit in der Bücherei, gehören auch die Seminare des Internationalen Bundes (IB) Freudenstadt zu Elias Sozialem Jahr. 25 Bildungstage müssen in einem FSJ absolviert werden, bei einem halben Jahr sind es 15 Tage. Aufgeteilt werden die Freiwilligen dabei in thematische Seminargruppen: eine pädagogische und eine therapeutische Gruppe.

Gleichgesinnte bei Seminaren kennenlernen

Neben den spezifischen Themen, gibt es auch Bereiche, die für alle auf dem Lehrplan stehen. "Kommunikation und Körpersprache beispielsweise", erklärt Kristin Schrägle, Seminargruppenleitung des IB Freudenstadt. Hier steht jedoch nicht nur das Fachliche im Mittelpunkt, auch das Menschliche spielt eine Rolle. So können FSJler wie Elias bei den Seminaren Gleichgesinnte kennenlernen, mit denen sie sich über ihre Erfahrungen austauschen können.

Jana Baur beispielsweise. Sie ist ebenfalls FSJlern, widmet sich aber statt der Welt der Bücher, lieber den Facetten der Kunst. An der Jugendkunstschule kann die gelernte Foto- und medientechnische Assistentin ihre Leidenschaft ausleben.

Ob in Kursen, in denen sie gemeinsam mit Kindern Kunstwerke erstellt, oder der Verwaltungsarbeit im Büro – gelernt hat Baur in ihrer Zeit an der Jugendkunstschule schon so einiges. "Man ist einfach näher am Geschehen und lernt mit der Praxis umzugehen", betont die 19-Jährige. Durch die Verantwortung, die ihr übertragen wird, sei auch ihr Selbstvertrauen gestärkt worden.

Doch nicht nur für die FSJler selbst, auch für die Betriebe hat das Anbieten eines Freiwilligen Sozialen Jahres Vorteile: "Es ist eine junge Frische, die die FSJler mitbringen. Und vor allem von den Kindern ist da ein ganz anderes Vertrauen da", erklärt Dorothee Müller, Leiterin der Jugendkunstschule, die Vorteile des Programms. Um sicherzugehen, dass sowohl die Freiwilligen als auch ihre Betreuer sich in dem Programm wohlfühlen, besuchen die FSJ-Verantwortlichen vom IB Freudenstadt rund um Schrägle jeden Freiwilligen nach seinen ersten drei Monaten im Betrieb.

Aufgaben schaffen Vertrauen zu Menschen

Zu Baurs Aufgabenbereichen gehören neben den verwaltungstechnischen Aufgaben, wie der Organisation von Kursen, auch die Betreuung der Kursteilnehmer und die Ganztagesbetreuung in Grundschulen. Dadurch entstehe ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den Kindern.

Vertrauen zu ihrem Gegenüber, das ist auch für Aileen Bügler wichtig. Im Nagolder Krankenhaus hat sie 2018 ihr FSJ absolviert. Alleine war sie mit dieser Entscheidung nicht – zwölf FSJler sind es beispielsweise auch in diesem Jahr, die sich in den Nagolder Kliniken engagieren. Denn Pflegeeinrichtungen wie Krankenhäuser und pädagogische Betriebe wie Schulen oder Kindergärten – das sind laut Schrägle die beliebtesten Einrichtungen für ein FSJ.

Mittlerweile befindet sich Bügler in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Eigentlich hatte sie sich für diese Ausbildung bereits vor zwei Jahren beworben. Weil sie allerdings erst 16 Jahre alt war, schlug ihr das Krankenhaus ein FSJ vor. Gehört hatte Bügler davon zuvor noch nie. "Es gibt so viele Möglichkeiten nach der Schule, die einem gar nicht vorgestellt werden", bedauert sie.

Ihrer Meinung nach werde das Soziale Jahr unterschätzt und von vielen als schlecht bezahlte Aushilfe angesehen. Dass das nicht stimmt, betont Bügler ganz besonders. "Man sammelt so viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen." Das sei nicht nur für den Berufsalltag von Bedeutung, sondern auch für die persönliche Entwicklung. So habe sie beispielsweise gelernt, offener zu sein. Außerdem könne man auf diese Weise testen, ob einem der Beruf wirklich liege. "Deshalb haben fast alle unsere Auszubildenden davor ein FSJ gemacht", erklärt Lea Heinberger, Dozentin an der Akademie des Krankenhauses. Auch als Möglichkeit das Fachabitur zu machen oder den Notenschnitt aufzubessern, wird das Soziale Jahr gerne benutzt. "Vor allem Medizinstudenten machen das", weiß Schrägle.

Doch ein Soziales Jahr kann auch hilfreich sein, wenn man noch nicht weiß, wohin die berufliche Reise gehen soll. So wie im Fall von Xenia Herwanger. Seit September ist die 20-Jährige Teil des Youz-Teams, betreut in diesem Rahmen Grundschulklassen der Zellerschule und Freizeitangebote des Youz. Etwas Soziales wollte sie eigentlich studieren, war sich jedoch nicht sicher was. Während ihrer Zeit im Youz wurde ihr klar: "Das macht mir total viel Spaß hier, aber es ist nichts, was ich mein Leben lang machen will." Deshalb befinde sie sich jetzt im Bewerbungsprozess, für den dualen Studiengang BWL mit der Vertiefung Hotel- und Tourismusmanagement.

Rundum zufrieden sind alle vier Freiwilligen mit ihrer Wahl – egal ob im pädagogischen oder therapeutischen Bereich. Für Elias, Baur, Bügler und Herwanger steht fest: Für ein FSJ würden sie sich jederzeit wieder entscheiden.

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