Könnte es nicht immer so sein? Bei leckerem Essen blüht die Gastfreundschaft und die Kulturen rücken zusammen. Foto: Karina Eyrich

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie aus Geschichte eine Erfolgsgeschichte werden kann, wenn alle mithelfen, meint die Kolumnistin – und ein Ereignis in Albstadt, wie es sie öfters geben dürfte.

’S könnte so schön sein, wenn’s immer und überall so wäre: Beim Fastenbrechen des „Vereins für Jugendarbeit“ aus Albstadt und des Vereins „Dialog und Bildung Hohenzollern“ aus Hechingen haben am Dienstag in der Festhalle Ebingen Muslime und Christen, Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, Herkunfts- und Wahl-Albstädter miteinander geschmaust, geredet, gelacht und sich bestens verstanden – kein Wunder bei einem so guten Essen, mit dem sich die gastfreundlichen Veranstalter wahrlich selbst übertroffen haben.

 

An Ostern einfach mal vorbeischauen

Da wäre es doch wunderbar, wenn wir Albstädter diese Gastfreundschaft zurückgäben – nicht nur an jene, die hierher gezogen sind, um dauerhaft in Albstadt zu leben, zu arbeiten und die Stadt mit ihrem Können, Wissen und Einsatz zu bereichern. Sondern auch an jene, die herumgeschubst werden von Diktatoren, die flüchten vor Kriegen und Verfolgung. In diesen Tagen ziehen sie ein in die Container-Bauten auf dem Thalia-Parkplatz und ins frühere Gasthaus „Grüne Au“. Ob die Nachbarn sie mit Brot und Salz begrüßen oder mit bösen Blicken – das wird ihr Bild von Albstadt für lange prägen. Der erste Eindruck zählt bekanntlich – und er bleibt haften.

Meßstetten lebt es eindrucksvoll vor

Wie man Menschen, die es ohnehin schon schwer genug, die Leid und Verlust erlebt haben, wirklich willkommen heißt, haben die Meßstetter nun schon zum zweiten Mal eindrucksvoll vorgelebt. Zuerst waren es mehrere tausend Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und afrikanischen Autokratien, die auf dem Geißbühl eine Heimat auf Zeit und unendlich viele helfende Hände der Einheimischen vorgefunden haben, aktuell sind es Menschen, die vor dem barbarischen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine geflohen sind, um nicht im wachsenden Bombenhagel umzukommen und wenigstens ihr Leben zu retten.

Von Meßstetten kann Albstadt nicht nur lernen, wie man solide Haushaltspolitik betreibt, sondern auch, was Mitmenschlichkeit ist. Machen wir es ihnen doch einfach nach!

Jetzt, da die Karwoche beginnt, besteht dazu die beste Gelegenheit. Eier färben wir sowieso, und manche Familien mit Kindern werden von Omas und Opas, Onkeln und Tanten, Patinnen und Paten mit Süßigkeiten, süßem Gebäck und Osterbrot geradezu überschwemmt. Warum nicht mal teilen mit jenen, für die ein kleines Osternest mehr bedeutet als eine unerwartete Leckerei – vielmehr eine Geste, dass sie sich hier angenommen fühlen und dazugehören.

Viele Tailfinger haben ihr Leben verloren

In der bis 1974 selbstständigen Stadt Tailfingen hat das übrigens beste Tradition, wie Axel Pflanz, der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsbaugenossenschaft Tailfingen und vormalige Erste Bürgermeister der Stadt Albstadt beim kleinen Festakt „75 Jahre WBG“ eindrucksvoll mit Zahlen belegt hat: 10 900 Einwohner hatte die Trikot-Stadt im Jahr 1939. 2498 Männer aus Tailfingen mussten in den Zweiten Weltkrieg ziehen. 471 von ihnen haben darin ihr Leben verloren, 351 blieben vermisst und weitere 410 waren im Jahr 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, noch in Gefangenschaft. Wie kommt es also, dass Tailfingen im Jahr 1950 bereits 12 700 Einwohner hatte? Ganz einfach: Nicht weniger als 3190 Flüchtlinge kamen nach Kriegsende in die Stadt.

Sie haben an der Erfolgsgeschichte mitgeschrieben

Wer die Namen im Telefonbuch studiert, wird schnell merken, dass viele von ihnen geblieben und heimisch geworden sind, an der Erfolgsgeschichte der Stadt Tailfingen und später der Stadt Albstadt mitgeschrieben haben.

Migration hat es immer gegeben und wird es immer geben – es kommt nur darauf an, was wir daraus machen. Ein gemeinsames Essen wie beim Fastenbrechen am Ende des Ramadan macht da zwar noch keinen Sommer – aber einen ziemlich guten Anfang.