Preußen-König Friedrich der Große: Der Ungehorsam seines Offiziers von Marwitz soll ihn empört haben. Foto: dpa/Patrick Pleul

Darf ein Offizier einen Befehl verweigern, weil er ihn für unmoralisch hält? Ein Oberst in Diensten von Friedrich dem Großen soll es getan haben. Er gilt bis heute als Vorbild.

Preußen in Not. Feindliche Truppen haben Berlin genommen, die Stadt geplündert und auch Schloss Charlottenburg heimgesucht. Vor allem die Sachsen sollen sich dabei hervorgetan haben.

 

Die kostbare Antikensammlung des Königs: zerschlagen und zerdeppert. Friedrich II. sinnt auf Rache, und wenige Monate später ergibt sich die Gelegenheit dazu. Als preußische Truppen 1761 wieder in Sachsen einmarschieren, gibt Friedrich II. Order, Schloss Hubertusburg zu plündern.

Ausführen soll den Befehl Johann Friedrich Adolph von der Marwitz, Kommandeur des angesehenen Kürassierregiments Gensdarmes. Die Beute gebührt dem Offizier, ein Gunstbeweis. Doch Marwitz tut – nichts.

Fontane greift die Geschichte auf

Als ihn Friedrich nach einigen Tagen fragt, warum er seinen Befehl nicht ausgeführt habe, entgegnet der Oberst: „Weil sich dieß allenfalls für Offiziere eines Freibataillons schicken würde, nicht aber für den Commandeur Seiner Majestät Gendarmes.“

Friedrich ist empört, Marwitz fällt in Ungnade. So jedenfalls erzählt es Theodor Fontane in seinen rund 100 Jahre später erschienenen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Dabei bezieht er sich auf die 1852 veröffentlichten „Nachrichten aus meinem Leben“ von einem Enkel des Offiziers.

Jener Enkel ist es auch, der auf den Grabstein seines Ahnen im brandenburgischen Vierlinden-Friedersdorf schreiben lässt: „Sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in all seinen Kriegen. Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.“ Ein Satz wie Donnerhall.

„Er will nicht reich werden“

In einer ähnlichen Anekdote verweigert General von Saldern den Befehl, das Schloss zu plündern. Wenn es gegen den Feind gehe, „so werde ich herzhaft gehorchen, aber wider die Ehre, Eid und Pflicht kann ich nicht, darf ich nicht“, erklärt er. Woraufhin Friedrich II. geseufzt haben soll: „Saldern, Er will nicht reich werden.“

In Erinnerung bleibt aber vor allem Marwitz. Seine Grabinschrift in der Dorfkirche im brandenburgischen Vierlinden-Friedersdorf lässt aus einer Geschichte Geschichte werden, wird zur Handlungsanweisung für nachfolgende Generationen. Zwar glaubt der Historiker Werner Meyer, dass die Geschichte eher „Legende als verbürgtes historisches Geschehen“ ist, beweisen kann er es freilich nicht.

Ob Fakt oder Legende ist ohnehin nicht entscheidend, entfaltet die Geschichte der Befehlsverweigerung doch eine ungeheure Wirkung. So berufen sich einige der Attentäter des 20. Juli 1944 wie etwa Carl-Hans Graf von Hardenberg explizit auf den preußischen Offizier, um das Attentat auf Hitler zu rechtfertigen. Hin- und hergerissen zwischen Eid und Gewissen, dient ihnen Marwitz als Hinweis auf die Grenzen des Gehorsams und zeigt auf, wo Loyalität in Willfährigkeit mündet.

Den Verteidigern von Preußens Gloria wie Marion Gräfin Dönhoff gilt der Oberst als Beweis, dass Preußen mehr war als blinder Kadavergehorsam. Bundespräsident Richard von Weizsäcker preist Marwitz 1986 mit den Worten: „Es war gerade seine Hochachtung vor den Maßstäben Preußens, die es ihm vorschrieb, auf sein Gewissen zu hören.“

Geplündert wird Hubertusburg am Ende dennoch. Von einem Freibataillon unter dem Kommando des Quintus Icilius. Der macht reiche Beute, lässt selbst die Tapeten und das Kupferdach entfernen.

So gründlich ist die Plünderung, dass Stühle aus den Kneipen der Umgebung herangeschafft werden müssen, als just in Schloss Hubertusburg 1763 Frieden geschlossen wird. Icilius ist fortan ein gern gesehener Gast an Friedrichs Tafel – auch wenn der König ihn als Plünderer verspottet und seine Taschen mit den Händen bedeckt, sobald der Offizier eintritt.

Als Friedrich ihn nach dem Krieg einmal fragt, was er für einen Gewinn bei der Plünderung gemacht habe, soll dieser geantwortet haben: „Das müssen Euer Majestät am besten wissen, wir haben ja geteilt.“