Wie divers sind die Programme? Nicht jeder fühlt sich im deutschen Fernsehen ausreichen repräsentiert. Foto: imago/Cavan Images

Wie vielfältig ist das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen? Die Medienwissenschaftlerin Susanne Marschall aus Tübingen sieht noch viel Potenzial nach oben.

Tübingen - Susanne Marschall (57) hat Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Köln und Mainz studiert. Sie ist Professorin für Medienwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und Direktorin des Zentrums für Medienkompetenz. Die Wissenschaftlerin forscht insbesondere in den Bereichen Audiovisuelle Medien, Film und Fernsehen

 

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass Netflix-Produktionen vielfältiger sind als andere umsatzstarke Filme. Ist Netflix auch vielfältiger als das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen?

Ja. Im deutschen Fernsehen wird teilweise krampfhaft versucht, eine Nebenrolle mit einer dunkelhäutigen Person zu besetzen. Diese Bemühungen gehen im Ergebnis oft total schief, weil dann wieder Stereotypen bedient werden. Das ist bei Netflix zunehmend anders: Hier gibt es schon viele kulturell komplexe und ernst zu nehmende Charaktere und Rollen. Ohne Netflix hätte ich zum Beispiel nie Trevor Noah und Hannah Gadsby kennengelernt. Es werden allerdings auch in Deutschland viele gute Filme realisiert, die dann aber häufig keinen Sendeplatz im Fernsehen bekommen. Hier wäre ein Umdenken in den Sendeanstalten sehr hilfreich.

Die Studie sagt außerdem, dass Diversität hinter der Kamera die Vielfalt vor der Kamera positiv beeinflusst. Was bedeutet das für Filmproduktionen?

Wir haben aktuell eine Schieflage: Männliche Produzenten machen Filme für ein weibliches Publikum und erzählen Geschichten, von denen sie denken, dass sie für alle Menschen relevant sind. Oft sind die Themen und auch die Figurenkonstellationen dann sehr einseitig ausgerichtet. Solche Geschichten werden zwar manchmal vom Publikum angenommen, weibliche Erfahrungen gehen dabei aber verloren. Es wird Zeit, dass Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen mehr unterstützt werden. Das lässt sich mit einer Studie noch nicht erreichen, aber jeder Denkanstoß in die richtige Richtung ist gut.

Müssten Männer nicht genauso in der Lage sein, Filme zu drehen, die von Diversität handeln?

Ja und das können sie auch. Die Branche sollte aus eigenem Antrieb vielfältigen Geschichten und komplexen Figuren den Vorzug geben. Ich finde es bedenklich, wenn es dafür den Druck von außen braucht. Hier muss aber noch einiges passieren.

Woran liegt das?

An einer systembedingten Blindheit und an einer Hörigkeit in Bezug auf Quoten. Die Sendeanstalten trauen sich zu wenig, was ich nicht verstehen kann. Nebenbei bemerkt, gibt es zu viele Talkshows, bei denen man froh sein muss, wenn überhaupt eine Frau dabei ist. Und oft kommen weibliche Gäste gar nicht oder erst ganz am Schluss der Sendung zu Wort, wenn das Publikum schon ins Bett gegangen sind.

People of Color werden oft in Klischee-Rollen gesteckt, zum Beispiel als Geflüchtete oder Drogendealer. Oder sie müssen mit starkem Akzent spielen, obwohl sie eigentlich akzentfrei Deutsch sprechen. Wie bewerten Sie das?

Die betroffenen Schauspielerinnen und Schauspieler erfahren dadurch Ablehnung aufgrund ihres Äußeren, das ist verletzend. Und auch auf der Seite des Publikums lösen diese Klischees etwas aus: Filminhalte kultivieren Welt- und Menschenbilder. Das ist zum Beispiel bei Krimis gut erforscht: Wer viele Krimis schaut, aber eigentlich in einer ländlichen Gegend wohnt, in der wenige Straftaten verübt werden, kultiviert trotzdem Ängste. Wenn dunkelhäutige Schauspielerinnen und Schauspieler ständig Drogendealer oder Kriminelle verkörpern, erzeugt dies Vorurteile. Eine Konsequenz besteht dann unter anderem in der Tendenz zu Racial Profiling.

Warum wird so etwas dann immer noch praktiziert?

Es ist wie eine Art Teufelskreis. Die Macher und Macherinnen setzen etwas in Gang, wovon sie denken, dass es von der Mehrheit akzeptiert wird, bekräftigen vorhandene Vorurteile und alte Strukturen bei dem Publikum, dass diese Vorurteile immer wieder bestätigt haben will. Die einzige Chance, da raus zu kommen, ist es, diesen Kreislauf bewusst zu durchbrechen. Beide Seiten, die Produzentinnen und Produzenten und das Publikum, müssen daran etwas ändern.