Seitdem die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, bangen Künstler um ihr Leben. Foto: dpa/Saifurahman Safi

Die Kontakte zwischen Museen in Afghanistan und Deutschland sind abgebrochen. In Deutschland lebende Afghanen erhalten Hilferufe von Künstlern. Wir haben mit Kontaktpersonen in Stuttgart über die Lage von Künstlerinnen und Künstlern in Afghanistan gesprochen.

Stuttgart - Es kann vorkommen, dass Künstler ihre Arbeiten zerstören. Wenn man derzeit von Künstlerinnen und Künstlern aus Afghanistan hört, die ihr Werke vernichten, geht es jedoch nicht um Qualitätsfragen, sondern um das pure Überleben.

 

Seitdem die Taliban die Macht übernommen haben, hat man immer wieder von Musikern und Sängerinnen gehört, die nicht auftreten dürfen. Aber auch bildende Künstler sind offenbar in Gefahr.

Die Freunde schreiben: „Wir brauchen Hilfe“

Es vergeht kein Tag, an dem Mohammad Faisal Aleefi nicht Dutzende Nachrichten bekommt. Meist sind es Hilferufe von einstigen Freunden und Bekannten, die in Afghanistan festsitzen. Der 32-Jährige arbeitet in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen im Besucherservice und unterstützt in seiner Freizeit afghanische Familien und engagiert sich in diversen Projekten.

Er selbst ist seit 2015 in Deutschland und versucht, gerade auch zu Künstlern in der Heimat den Kontakt zu halten. „Manche haben sich irgendwo in Kabul versteckt“, sagt Aleefi, „oft haben sie keinen Strom oder kein Internet.“ Wenn sie ihm schreiben, so ist die Botschaft stets: „Wir brauchen Hilfe“.

Kunst findet nicht mehr statt

Das Kulturleben in Kabul ist komplett zusammengebrochen, an Ausstellungen ist nicht mehr zu denken. Viele Galerien habe es ohnehin nicht gegeben, erzählt Aleefi, aber sehr wohl Künstlerinnen und Künstler. „Für sie gibt es keine Möglichkeit mehr weiterzumachen“, sagt er. Auch an der Fakultät für Kunst an der Universität von Kabul sei der Betrieb eingestellt . „Alles auf Null“, meint Aleefi, „es ist nicht mehr möglich, weiterzustudieren.“

Auch Susanne Annen, die in Kabul als Beraterin des afghanischen Kulturministeriums tätig war, hat kürzlich in einem Interview des NDR ihrer Sorge über die Künstler und gerade auch die junge Generation zum Ausdruck gebracht, die Veränderungen gewollt hätten, zum Teil im Ausland waren und mit zeitgenössischer Kunst befasst, nun aber keine Chance mehr hätten, noch vor Ort zu arbeiten.

In den vergangenen Jahren gab es unzählige Kooperationen zwischen europäischen und afghanischen Kulturinstitutionen. Auch die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und das Linden-Museum in Stuttgart standen im Austausch mit Kollegen in Kabul. Damit könnten sich die afghanischen Kulturschaffenden zu Feinden der neuen Machthaber gemacht haben und müssen fürchten, dass sie und ihre Angehörigen Opfer von Racheaktionen werden. Deshalb hatte auch Annette Krämer vom Linden-Museum dem Direktor des Nationalmuseums von Kabul zunächst nicht geschrieben. Eigentlich hätte er im vergangenen Jahr im Rahmen eines Afghanistan-Projekts nach Stuttgart kommen sollen. Das ging wegen Corona nicht.

Kontakte in den Westen könnten sich jetzt rächen

Derzeit weiß man am Linden-Museum nicht, wie es um die Kollegen in Kabul steht. Einige der in Stuttgart lebenden Afghanen, die am Projekt „Entangled“ des Linden-Museums beteiligt waren, haben dagegen Kontakte – wie Mohammad Faisal Aleefi, der für die kleine Ausstellung Objekte aus der Afghanistan-Sammlung gesichtet hat. Er hofft, im nächsten Jahr eine Ausstellung mit afghanischen Künstlern organisieren zu können – mit jenen, die es geschafft haben, das Land zu verlassen, aber möglichst auch mit denen, die derzeit in Kabul festsitzen und um ihr Leben bangen. Lieber wäre es ihm freilich, nicht nur deren Werke aus seiner Heimat herauszuholen. „Wir werden alles versuchen, dass die Künstler vielleicht doch eine Chance haben, das Land zu verlassen.“

Ausstellung Entangled: Stuttgart – Afghanistan. Verflechtungen von Geschichte, Sammlung, Menschen, Linden-Museum, Dienstag bis Samstag, 10-17 Uhr, Sonn- und Feiertage, 10-18 Uhr, weitere Infos unter www.lindenmuseum.de