Kuren für Verschickungskinder gab es in vielen deutschen Kurstädten nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis teilweise in die 1980er Jahre hinein. Man wendete zweifelhafte Methoden an und Kinder von damals gehen als Erwachsene heute damit an die Öffentlichkeit. Das Land startet nun ein Projekt zur wissenschaftlichen Aufklärung.
Bad Dürrheim - Vor einigen Jahren haben einzelne auf die Praktiken in Kinderkurheimen aufmerksam gemacht. Sie tauschen sich aus in Internetforen und es kristallisiert sich heraus, dass zwar nicht alle nur schlechte Erfahrungen gemacht haben, aber: Über Bestrafungen, Erniedrigungen und psychische Grausamkeiten berichtet eine ganz große Mehrheit – teilweise mit Traumata, die sie bis heute ins hohe Alter nicht losließen. Für das Kindersolbad beispielsweise gibt es eine eigene Internetgruppe, in der sich Betroffene austauschen können. Baden-Württemberg hat nun nach eigenen Angaben als einziges Bundesland über die Landesstiftung Geld bereitgestellt, um Licht in dieses dunkle Kapitel der Kurgeschichte zu bringen. Das Projekt ist beim Landesarchiv in Stuttgart angesiedelt, leitender Betreuer ist Christian Keitel, stellvertretender Abteilungsleiter im Landesarchiv, der seine Promotion in mittelalterlicher und neuerer Geschichte an der Universität Tübingen ablegte.
Erfahrung mit dieser Forschung
Die Projektmitarbeiterinnen stehen seit kurzem nun auch fest, dies sind Nora Wohlfarth und Corinna Keunecke. Sie haben Erfahrungen mit dieser Art der Geschichtsaufarbeitung, denn sie waren auch federführend bei dem Dokumentationsprojekt zur Zwangsunterbringung in Baden-Württemberg 1949 bis 75, das gerade abgeschlossen wurde. Der Abschlussbericht wurde diese Woche in Stuttgart präsentiert. Das Landesarchiv hat in solchen Forschungen somit gewisse Erfahrung. Die Nachricht, dass von staatlicher Seite die Aufklärung ins Rollen gebracht wird, wurde in den Internetforen von den Betroffenen begrüßt und man erhofft sich insgesamt gesehen viel davon.
Christian Keitel erklärt im Interview mit unserer Redaktion, welche drei wichtigen Zielsetzungen innerhalb des Projekts gesteckt sind: Es geht darum, ehemalige Verschickungskinder, die auf der Suche nach Informationen sind, zu unterstützen; die Forschung zu unterstützen und die Projektergebnisse personenunabhängig und unter der Wahrung des Datenschutzes am Ende zu veröffentlichen und im gesellschaftlichen Diskurs zu verankern. Für Letzteres nennt Christian Keitel das Beispiel der Stolpersteine, es wurde geforscht und in einem Projekt in die Gesellschaft hineingetragen und das Bewusstsein dafür geschaffen.
Am Schluss steht öffentliche Präsentation
Wie nach Abschluss der Recherchearbeit das Kinderverschickungsprojekt der Öffentlichkeit präsentiert wird, steht noch nicht fest. Für die Aufarbeitung der Zwangsunterbringung gibt es ein Themenmodul auf www.leo.bw. Möglich wären aber auch ein Film – auch dieser wurde zu dem Projekt der Zwangsunterbringung gemacht und, damit viele einen Zugang haben, mit Gebärdendolmetscher ausgestaltet, da Kinder und Jugendliche aus dem Personenkreis mit diesem Handicap sehr betroffen sind.
Finanziert wird das Projekt über die Landesstiftung Baden-Württemberg mit 400 000 Euro. Finanziert werden die beiden Stellen auf zwei Jahre, zuzüglich Sachmittel, beispielsweise für Archivreisen und die Recherche. Es muss jedoch nicht alles neu recherchiert werden, denn aus dem Zwangsunterbringungsprojekt und den Heimkindern gibt es bereits Unterlagen, die auch Schnittmengen mit der Kinderverschickung haben. Man habe beispielsweise jetzt schon eine Liste der "so genannten Erholungsheime, in denen die Verschickungskinder waren", erläutert Keitel. Diese Liste wird auch von anderen genutzt, so bei einer bundesweiten Konferenz zum Thema Heimerziehung, die vor drei Jahren in Berlin stattfand. Dort sprach man von 1000 Heimen in ganz Deutschland, gut die Hälfte stammte von der baden-württembergischen Liste.
Kinderkurheime privat geführt
"Wir in Baden-Württemberg haben einen guten Wissensstand zur Erforschung der Einrichtungen", erläutert Christian Keitel. Doch es gibt da eine Schwierigkeit: Viele der Kinderkurheime waren privat geführt, Unterlagen gibt es darüber oftmals keine mehr, da sie schon lange geschlossen sind. Deswegen gestaltet sich die Suche mitunter etwas schwierig. Unterlagen können bei staatlichen Aufsichtsbehörden liegen oder bei Nachfolgeinrichtungen. "Wir versuchen Unterlagen, die noch nicht in Archiven sind, möglichst zu finden und fragen uns dann auch, ob es ein Archiv geben könnte, das die Unterlagen übernehmen könnte." Als Beispiel nannte er Stadtarchive, Kreisarchive oder auch das Landesarchiv. Das wird aus der Situation heraus entschieden. In den bisherigen Projekten kam es ebenfalls schon zu solchen Notübernahmen, da teilweise die Gefahr bestand, dass die Unterlagen verlustig gehen.
Herzensangelegenheit für Manfred Lucha
Zusätzlich wurden 30 000 Euro für den Verein Aufarbeitung Kinderverschickung Baden-Württemberg im Jahr 2021 zur Verfügung gestellt und auch 2022 wird dieses Geld durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg bezahlt. Das geht aus einer Anfrage der FDP hervor, die vom Landtagsabgeordneten Niko Reith aus Donaueschingen gestellt wurde. Und er versichert: Für Sozialminister Manne Lucha ist das Thema eine Herzensangelegenheit.
Anlaufstelle Kinderverschickung
Eine Anlaufstelle für Betroffene ist der Verein Kinderverschickungen Baden-Württemberg (AKVBW). Erreichbar ist er über seine Homepage www.verschickungsheime-bw.de, die E-Mail-Adresse mail@verschickungsheime-bw.de, oder telefonisch über die Mobilnummer 0178/7 36 28 24