Die Schwenninger Wilhelmspflege, die seit 1851 besteht, wird Geschichte sein, sobald der Kindergarten in der Bürkstraße neu gebaut ist. Wann das sein wird, ist noch unklar. Foto: Mareike Kratt

Der Neubau eines städtischen Kindergartens in der Bürkstraße nimmt allmählich Gestalt an. Was heißt das künftig für die evangelische Wilhelmspflege? Und was ist überhaupt mit dem maroden Pauluskindergarten, bei dem schon lange die Frage nach der Zukunft im Raum steht?

Mit gemischten Gefühlen nimmt Klaus Gölz, interims-geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Schwenningen, mittlerweile die Neuigkeiten um den Kindergarten in der Bürkstraße, der als Ersatz für die evangelische Wilhelmspflege gilt, auf.

 

Denn eigentlich ist er froh, dass nach so vielen Jahren, gar Jahrzehnten, eine endgültige (Alternativ-)Lösung für das marode, mehr als 170 Jahre alte Gebäude in der Metzgergasse gefunden zu sein scheint – jedoch mit einem bitteren Beigeschmack.

Viele Versuche gescheitert

Ein Blick zurück: Immer wieder hatte es Anläufe vonseiten der evangelischen Gemeinde als Träger sowie der Stadt gegeben, um die Zukunft der Wilhelmspflege zu sichern. Denn eines ist schon seit langem klar: Nicht zuletzt durch Schimmelbefall im Keller des Hauses ist eine Weiterführung des Kindergartenbetriebs längerfristig nicht mehr möglich. Zwischenzeitlich, im Jahr 2017, war der Neubau eines Familienzentrums mit Eingliederung des Kinderschutzbundes eigentlich schon in trockenen Tüchern, bis die Finanzierung das Projekt schließlich zum Scheitern brachte. 2019 hieß es dann, stattdessen einen Kindergarten im ehemaligen Fabrikgebäude in der Alleenstraße zu errichten – diese Lösung wurde allerdings wiederum verworfen.

Vor rund drei Jahren brachte die Verwaltung einen Vorschlag ins Spiel, die im Februar 2022 besiegelt wurde und durch den jüngsten Gemeinderatsbeschluss im März konkretere Formen angenommen hat: der Neubau einer Kita am Standort Bürkstraße 1. Hier soll auf drei Etagen eine fünfgruppige Kita als Ersatz für die Wilhelmspflege entstehen – allerdings in städtischer Trägerschaft. „Es war klar, dass die evangelische Kirchengemeinde die Trägerschaft nicht mehr weiter übernehmen kann“, sagt Klaus Gölz als Reaktion. „Wir wollen, wir können aber nicht.“ In den vergangen Jahre habe die Gemeinde ein großes – finanzielles – Engagement im Bereich Kindergarten zeigen können, damit sei jetzt aber Schluss. Von der evangelischen Landeskirche würden sechs Kindergartengruppen vorausgesetzt – die Schwenninger Gemeinde habe aber inzwischen schon 16. „Irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf“, erklärt der Pfarrer.

Muss die Kirche selber die Reißleine ziehen?

Unbestreitbar sei, dass das Gebäude, das 1851 entstanden ist, nicht mehr länger haltbar ist, meint Klaus Gölz mit Rückblick auf die Odyssee, die die Kirchengemeinde in Sachen Weiterführung der Wilhemspflege hingelegt hat. So sei man irgendwann vor die Frage gestellt worden, ob man als Träger weiterhin die Verantwortung für Kinder und Mitarbeiter übernehmen kann oder selber – ohne Mitwirken der Stadt – die Reißleine ziehen muss.

Die Übergangslösung beziehungsweise das anvisierte Ersatzmodell vonseiten der Stadt ist also mehr oder weniger befriedigend. „Jetzt geht es in erster Linie darum, ein neues Kindergarten-Gebäude zu erstellen und für die Kinder und das Personal eine gute Lösung zu finden“, mahnt Klaus Gölz an.

Und wie geht es mit der Wilhelmspflege erst einmal weiter? „Sie wird weitergeführt, bis eine neue Kita in der Bürkstraße entstanden ist“, sagt Christian Thiel, Pressesprecher der Stadt Villingen-Schwenningen, auf Anfrage unserer Redaktion. Einen Zeitplan für den Neubau gibt es allerdings noch nicht. Danach würden die Gruppen der Wilhelmspflege am neuen Standort in der Bürkstraße unterkommen, die Platzvergabe verlaufe wie gehabt regulär über die zentrale Vormerkstelle der Stadt.

Doch eine Einschränkung gibt es, wie Pfarrer Gölz berichtet: Aus Personalmangel werde eine Gruppe der Wilhelmspflege zumindest vorübergehend schließen müssen. Man hoffe, auch noch für den Interimszeitraum neue Mitarbeiter zu finden. Der Gebäudezustand sowie die unsichere Zukunft des Kindergartens mache die Stelle für potenzielle Bewerber aber zumindest auf den ersten Blick unattraktiv. „Man merkt aber schnell, dass darin gute Arbeit gemacht wird“, betont Gölz.

Zweites Sorgenkind

Ein weiteres Sorgenkind der evangelischen Kirchengemeinde ist seit mehreren Jahren der Pauluskindergarten im Neckarstadtteil, ein ebenfalls altes, marodes Gebäude. Der Ruf nach einer Lösung war vor allem im Jahr 2016 zu hören, als mehrere Eltern eine Petition für den Erhalt gestartet hatten. Inzwischen ist zumindest der notwendige Brandschutz ertüchtigt, die Bausubstanz sei nach wie vor, wie sie ist, sagt Klaus Gölz. „Der Zustand lässt zu wünschen übrig, es gibt deutliche Mängel.“

Kirche kommt wieder an ihre Grenzen

Eine grundlegende Instandsetzung sei aber zu teuer. In der Verwaltung habe es tatsächlich Überlegungen zu einem vier- oder fünfgruppigen Neubau gegeben, das Thema sei inzwischen aber „auf der Agenda nach hinten gerückt“, bedauert der Pfarrer – auch mit Blick auf eine Aufstockung der so notwendigen Plätze. Denn es gehe zunächst auch darum, möglichst viele Plätze hinzubekommen. „Wir sehen die Not der Eltern und die Not der Stadt bei der Vergabe, es ist ein enormer Druck da.“

Für den Pauluskindergarten im Schwenninger Neckarstadtteil muss ebenso eine längerfristige Lösung her. Foto: Mareike Kratt

Zunächst müsse das Thema Wilhelmspflege zu einem guten und baldigen Ende kommen, dann müsse man überlegen, wie es mit dem Pauluskindergarten weitergeht.

Und auch hier stelle sich wieder die Frage, wie lange die Kirchengemeinde den Weg zusammen mit der Stadt gehen und die bestehende Interimslösung unterstützen kann. „Irgendwann kommen wir auch hier an unsere Grenzen.“