Ganz viel Zuspruch erfährt der Schwenninger Kinderarzt Stefan Röser nicht nur in den sozialen Medien – Tausende unterzeichnen auch die Petition für ihn. Foto: Marc Eich

Der Kinderarzt Stefan Röser aus Schwenningen erhält breite Unterstützung von Familien im Schwarzwald-Baar-Kreis. Nachdem er bekannt gemacht hat, dass ihm „wegen überlanger Arbeitszeiten“ Rückzahlungen an die Kassenärztliche Vereinigung drohen. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht derweil von einer Überversorgung der Region.

Tagtäglich über hundert Kinder zu behandeln, das braucht Zeit. Arbeitstage von mehr als zehn Stunden sind für den Mediziner deshalb eher die Regel als die Ausnahme. Doch deswegen drohen ihm jetzt Konsequenzen, die Stefan Röser so nicht mehr will: Er kündigte deshalb seine Verträge als Kassenarzt – „ein für mich schwieriger und schmerzlicher Schritt“, wie er sagt.

 

Jetzt wurde eine Petition gestartet, um ihn in seinem ungewöhnlichen Kampf in einem kranken Gesundheitssystem zu helfen.

Alarmierende Abnahme

„Ich hoffe, dass engagierte Ärzte wie Dr. Röser eher belohnt als bestraft werden“, schreibt Daniela L. Und Sigrid R. findet: „Gesundheit sollte nicht durch Bürokratie gefährdet werden.“ Sie sind zwei von tausenden Unterstützern, die diese Online-Petition bereits unterzeichnet haben.

Manuela S. hat die Petition gestartet, „aus persönlicher Betroffenheit“, wie sie schreibt. „Wie viele andere Familien im Schwarzwald-Baar-Kreis, Baden-Württemberg, Deutschland, sind auch meine Kinder Patienten von Herrn Dr. Röser, einem engagierten und leidenschaftlichen Kinderarzt. Leider sehen wir uns mit einer beunruhigenden Realität konfrontiert – die Anzahl der Fachärzte, insbesondere Kinderärzte, nimmt stetig ab. Dies gefährdet langfristig die gesundheitliche Versorgung unserer Kinder. In den letzten Jahren haben wir eine alarmierende Abnahme der Fachärzte erlebt. Laut dem Marburger Bund gibt es in Deutschland einen Mangel an rund 5000 Ärzten (Quelle: Marburger Bund).“

Eltern werden aktiv

Stefan Röser, der Schwenninger Kinderarzt, sei „nicht nur Mediziner – es ist seine Berufung und Leidenschaft“, schreibt die Mutter. „Er setzt sich unermüdlich für das Wohl unserer Kinder ein und trägt damit zur Gesundheit der nächsten Generation bei.“ Aber trotz seiner wichtigen Rolle werde er seitens der Kassenärztlichen Vereinigung „mit Strafzahlungen für überlange Arbeitszeiten konfrontiert, die nun seine Arbeit behindern und ihn zum Schließen zwingen“.

Das will Manuela S., ebenso wie offenbar viele andere Eltern in der Doppelstadt und darüber hinaus, nicht hinnehmen. Sie startete eine Online-Petition für den Kinderarzt aus der Alleenstraße: „Wir fordern daher die Kassenärztliche Vereinigung auf, diese ungerechten Strafen zu überdenken und stattdessen Maßnahmen zu ergreifen, um mehr Ärzte anzuziehen und so die Gesundheitsversorgung unserer Gemeinschaft sicherzustellen.“ Und sie hofft, dass viele mitmachen – „unterzeichnen Sie bitte diese Petition zum Schutz unserer Kinder und zur Unterstützung unserer engagierten Ärzte“, fordert sie andere auf – ein Ruf, der nicht ungehört bleibt.

Viele kennen das Problem

Per Whatsapp, in Elterngruppen und auf sozialen Netzwerken geteilt, gewinnt die am Donnerstag gestartete Petition rasch an Dynamik – schon am frühen Donnerstagabend hatten mehr als 300 weitere User sie unterzeichnet, über Nacht kletterte die Anzahl der Unterschriften stetig weiter – am Freitag knackte die Petition bereits die 2000er-Marke.

Kein Wunder, denn „der Kinderarztmangel im Schwarzwald-Baar-Kreis ist ein Riesenproblem“, schreibt Andrea H. – es könne doch nicht sein, „dass ein engagierter Arzt mit Strafzahlungen wegen zu langer Arbeitszeit konfrontiert wird. Wahrscheinlich wäre ihm Freizeit auch lieber“. Und Valeria R. kann die Misere nachfühlen – sie selbst sucht vergeblich nach einem Kinderarzt.

Das sagt die KV

Unterdessen beschäftigt man sich mit Sicherheit auch bei der KV mit dem Fall – auch wenn man sich öffentlich äußerst zugeknöpft gibt: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns grundsätzlich nicht zu Einzelfällen äußern“, schreibt Pressereferentin Martina Tröscher nämlich, betont aber, dass die KV zu den vorgenommenen Prüfungen „gesetzlich verpflichtet“ sei. Die KVBW habe vom Gesetzgeber klare Vorgaben „und keinen Handlungsspielraum“. Der gesamte Ablauf einer Prüfung sei keine Erfindung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, sondern gesetzlich so vorgegeben.

Holperiger Start

Dass das „Miteinander“ schon lange krankt, davon kann Röser ein Lied singen. Sein Einsatz sei der Kassenärztlichen Vereinigung von Beginn an nicht willkommen gewesen, diesen Eindruck gewann Röser bereits zum Jahreswechsel 2003/2004.

Zum 1. Januar 2004 habe er die Praxis in Schwenningen von seinem Vorgänger Henning Lichte übernommen – bei der Übergabe habe Lichte als Dank eine Kiste Wein bekommen, ihn hingegen hätten die damaligen Verantwortlichen der KV bei der Übergabe in Freiburg abgespeist mit dem Hinweis, ihm werde die Zulassung nun erteilt, „aber ich sage es Ihnen, wir tun das ungern, weil wir die Praxisanzahl eigentlich reduzieren möchten“, erinnert sich Stefan Röser im Gespräch mit unserer Redaktion zurück.

„Mit diesen Worten habe ich die Praxis damals in Freiburg im Zulassungsausschuss übernommen.“

Gibt es ein Umdenken?

Heute jedoch gibt Martina Tröscher zu: „Zur Versorgungssituation: Die kinderärztliche Versorgung bereitet uns im ganzen Land große Sorgen und wir haben großes Verständnis für die Nöte der Eltern.“

Die Schuld daran weist sie jedoch von der KV: „Wie viele Ärzte sich in einer Region niederlassen dürfen, regelt die gesetzliche Bedarfsplanung.“ Und wie schon in der Vergangenheit weist man bei der KV in Freiburg auf eine angebliche Überversorgung hin: Aktuell liege der Versorgungsgrad bei den Kinder- und Jugendärzten im Schwarzwald-Baar-Kreis bei 105,4 – „Soll ist 100 Prozent“, macht Tröscher deutlich. Aber: Der Planungsbereich sei für die Niederlassung offen „und momentan könnte sich zusätzlich eine Kinderärztin oder ein Kinderarzt niederlassen“.

Das rät man dort jetzt

Ein schwacher Trost für Eltern in der Region, wo die Schließung einer einzigen Praxis meist sogar in den umliegenden Städten und Gemeinden ein Riesenloch reißt und empfindlich spürbar wird, weil Eltern regelmäßig an der Suche nach einem Kinderarzt verzweifeln.

Die KV empfiehlt ihnen Folgendes: „Bei der Suche nach einem Kinderarzt oder einem Termin unterstützt auch die Terminservicestelle (TSS) der KVBW. Die TSS ist tagsüber unter der 116117 zu erreichen. Für Eltern ist auch unsere Online-Sprechstunde docdirekt eine gute Möglichkeit, um ärztlichen Rat von erfahrenen Kinder- und Hausärzten zu bekommen.“ Zu erreichen sei docdirekt immer montags bis freitags von 9 und 19 Uhr, am einfachsten über die docdirekt-App oder telefonisch über die Rufnummer 116117.

Petition

Die Petition im Internet
Zu finden unter https://www.change.org/p/stoppen-sie-strafzahlungen-f%C3%BCr-engagierte-kinder%C3%A4rzte/c