Der 21-jährige Paris Siaperas ist Jugendguide der KZ-Gedenkstätte Bisingen. Über ein Seminar im Rahmen seines Studiums der Empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen ist er auf die Ausbildung gekommen. Wir begleiten ihn bei einer Führung und sprechen über seine Motivation.
Paris Siaperas steht vor einer leeren Wiese. Hier stand einst ein Konzentrationslager, das die Inhaftierten auf sumpfigem Gelände selbst aufbauen mussten, sagt er. Um ihn herum stehen Jugendliche in kurzen Hosen und Shirts. Es ist sehr heiß, rundum steht nichts, was Schatten spenden könnte. „Wer sich krank melden wollte, wurde von dem Blockführer so geschlagen und misshandelt, dass niemand sich mehr traute, sich beim Appell krank zu melden“, liest einer der Jugendlichen die Zeugenaussage eines KZ-Überlebenden von der Gedenktafel vor. „Es gab sehr sehr krassen psychischen und körperlichen Missbrauch“, fasst Siaperas das Leben im Konzentrationslager (KZ) zusammen.
Weg erinnert an Häftlinge
Siaperas spricht ruhig und langsam vor der 9. Klasse der Geschwister-Scholl-Schule Tübingen, die im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts zur KZ-Gedenkstätte Bisingen gekommen ist. Er sagt, dass die KZ-Insassen im Rahmen des „Unternehmen Wüste“ Ölschiefer abbauen mussten. Zwischen dem Steinbruch und dem KZ führte ein Weg entlang, der heute im Dorf immer noch „Zebrawegle“ genannt wird – wegen den schwarz-weiß gestreiften Häftlingsanzügen der ehemaligen KZ-Insassen. „Ihr könnt mal überlegen, wie ihr das findet, dass der Weg heute noch so heißt“, gibt Siaperas den Schülern als Impuls mit.
Da sein Vater den Völkermord der Roten Khmer in Kambodscha miterlebt hatte und in den 1980er-Jahren schließlich nach Deutschland floh, beschäftigt Siaperas das Thema von Genoziden persönlich, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. Er arbeite mit seinen Cousins das Thema der Elterngeneration in Kambodscha langsam auf. „Ich habe gelernt, dass viele Leute nicht gern darüber reden“, sagt er.
Guide spricht junge Generation an
So versucht er bei dem schwierigen Thema besonders auf die Körpersprache der Menschen, mit denen er spricht, zu achten und „ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann es einfach zu viel ist“. Seine ersten Jugendguide-Einsätze hatte er dieses Jahr im Mai. Jeder Guide setze bei den Führungen seinen eigenen Schwerpunkt. Für ihn selbst sind Involviertheit des Dorfes und gelebte Erinnerungskultur zentrale Themen.
Anstatt mit vielen Zahlen zu hantieren, legt er den Fokus auf den Alltag im KZ und das „absurde mörderische Töten“. Zudem reduziert er sich auf das Wesentliche: Die Aufmerksamkeitsspanne der Generation, die mit Social Media aufgewachsen ist, sei in der Regel geringer als bei früheren Generationen. Siaperas spricht ihre Sprache, kennt eher ihre Interessen. „Die Schüler hören mir eher zu als sie ihren Lehrern zuhören würden“, sagt Siaperas.
Dorfbewohner mussten Leichen transportieren
Eine Frau aus dem Dorf habe sich damals einen Mantel von einem Schneider im KZ herstellen lassen, die Dorfbewohner tauschten das Zahngold der Insassen gegen Lebensmittel und freundeten sich mit den KZ-Aufsehern an, sagt Siaperas. Einige Dorfbewohner, die große Karren hatten, mussten Leichen der ermordeten KZ-Insassen anfangs quer durch den Ort zum Bahnhof transportieren – und später zu einem Massengrab außerhalb des Dorfes. Eine Teilnehmerin der Gedenkstätten-Führung habe erzählt, dass ihr Opa einer der Männer war, die die Leichen wegkarrten, ergänzt Siaperas.
Die Führung geht weiter. Siaperas steht am Rand eines Waldpfades vor einem recht großen, flachen und mit Moos und Gräsern bewachsenen Betongebilde, das hüfthoch aus dem Erdboden ragt – das letzte, was vom ehemaligen KZ übrig geblieben ist. Es war der Behälter, indem das von den KZ-Arbeitern unter Peitschenhieben – und oft auf Kosten ihres Lebens – gewonnene Öl aus dem Schiefer aufbewahrt wurde. Siaperas erzählt, auf diesem Behälter seien in den 2000er-Jahren, obwohl direkt daneben ein Informationsschild steht, „sehr viele Partys gefeiert“ worden.