Rückkehr an den Ort des Schreckens: Sieben jüdische Überlebende des Calwer KZ-Außenlagers folgten 1989 der Einladung der Stadtverwaltung und kamen zurück nach Calw. Ihre Zeitzeugenberichte sind nun virtuell zugänglich. Foto: Kreisarchiv

Auf dem heutigen Bauknecht-Areal in Calw fand sich in der Nazi-Zeit ein KZ-Außenlager. 1989 kehrten sieben Überlebende an diesen Ort zurück. Ihre Interviews von damals sind nun für die Öffentlichkeit zugänglich.

Calw - Nichts erinnert an dem großen Gebäudekomplex in Calw heutzutage an das dunkelste Kapitel seiner Vergangenheit. Auch als das ehemalige Bauknecht-Areal an der B 296 in Richtung Stammheim jüngst in die Schlagzeilen geriet, weil in einer der Lagerhallen Cannabis-Plantagen entdeckt wurden, blieben die Ereignisse von vor fast 80 Jahren unerwähnt.

 

Im vor einigen Monaten erschienenen Buch "Jüdisches Leben im Nordschwarzwald" beschreibt Martin Frieß die kaum mehr bekannte Geschichte der Fabrikanlage am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der bis Ende September als Kreisarchivar tätige Autor hat sich intensiv mit den historischen Zeugnissen und den Augenzeugen-Berichten beschäftigt und zeichnet das wesentliche Geschehen in seinem Beitrag nach.

Für Luftwaffe produziert

1941 gründete der Calwer Unternehmer Fritz à Wengen die Luftfahrtgeräte-GmbH an der Straße Richtung Stammheim. Die Produktion in der landläufig als Lufag bezeichneten Anlage begann bereits im Frühjahr 1942 und stellte Bauteile her – vor allem Arbeits- und Verstellzylinder für Kampfflugzeuge der Luftwaffe.

1944 waren in der Lufag 725 Personen beschäftigt, davon 288 ausländische Zwangsarbeiter. Um den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken, wurden jüdische Häftlingsfrauen nach Calw geholt, die am 15. Januar 1945 eintrafen. Die 199 Frauen waren zuvor als Zwangsarbeiterinnen in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern eingesetzt worden. Nur dank ihrer relativ guten körperlichen Konstitution haben sie überlebt, und nur deshalb konnte Frieß sein Buchkapitel mit "Von der Hölle zum Glücksfall?" überschreiben. Denn tatsächlich kamen die Frauen in schlechter Verfassung im Calwer Außenkommando des KZ Natzweiler an, aber "Fritz à Wengen ergriff etliche Maßnahmen, um den Zustand der Frauen zu verbessern", so Frieß in dem Buchkapitel.

Dennoch: Die Frauen mussten elf bis zwölf Stunden täglich arbeiten und erlitten Herabwürdigungen und Beleidigungen. Sie wurden streng bewacht und erblickten kaum das Tageslicht. Zwei Wochen vor der Besetzung von Calw wurde der Großteil der Frauen am 2. April 1945 "evakuiert". Unter Aufsicht von SS-Chef Robert Hochhaus wurden sie zu Fuß über Tübingen und Ulm nach Füssen geführt, wo sie von amerikanischen Soldaten befreit wurden. Unternehmer à Wengen soll angeblich Geld für Verpflegung mitgegeben haben, so war die Evakuierung kein Todesmarsch, auf dem Häftlinge vor Erschöpfung starben. Dennoch war der 400 Kilometer lange Weg anstrengend, auszehrend und von ständiger Angst geprägt.

Mahnmal besichtigt

Nach einer Initiative des Lehrers Norbert Weiss wurde von 1983 an das Geschehen in Calw aufgearbeitet. 1989 lud dann schließlich die Stadtverwaltung die früheren Häftlingsfrauen ein. Sieben Besucherinnen folgten der Einladung und konnten das ehemalige Außenkommando mit Mahnmal und Inschrift besichtigen. Auch Begegnungen mit Jugendlichen standen auf dem Programm. Über die Frauen und ihr Schicksal strahlte der damalige Süddeutsche Rundfunk, der inzwischen im SWR aufgegangen ist, am 27. Juli 1990 eine Radiosendung aus, die auch Ausschnitte aus den mit den Frauen geführten Interviews enthielt.

Vortrag am 24. November

Der Gebäudekomplex hat inzwischen mehrmals den Besitzer gewechselt, das Mahnmal wurde ausgelagert, die Erinnerung ist wieder verblasst. Frieß endet in seinem Artikel mit der Aufforderung: "Es wird Zeit, dies zu ändern und ein öffentlich sichtbares Gedenken am authentischen Ort zu ermöglichen". Mit der Wiederveröffentlichung der 30 Jahre alten Radiosendung auf der Unterrichtsplattform www.papierblatt.de will das Projektteam um Schuldekan Thorsten Trautwein dieses Gedenken wenigstens virtuell ermöglichen.

Zudem wird Frieß am Mittwoch, 24. November, ab 14.30 Uhr im katholischen Gemeindehaus Calw-Heumaden bei der Nachmittagsakademie einen bebilderten Vortrag über das Calwer KZ halten.

Info: Vom Mittelalter bis zu den Nazis - Calw und seine jüdischen Einwohner

Eine jüdische Gemeinde gab es in Calw wohl nie. Laut der im österreichischen Vorarlberg ansässigen Arbeitsgemeinschaft Alemannia Judaica, die die jüdische Geschichte in Süddeutschland erforscht, könnten im Mittelalter aber einzelne jüdische Personen in der Stadt gelebt haben. 1281 bis 1284 werden Calwer Juden als Gläubiger des Klosters Hirsau genannt. Eine weitere historische Spur: Zwischen 1434 und 1438 wird in Aufzeichnungen eine Person namens Jud Kalmann von Calw genannt.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich wenige jüdische Personen und Familien wieder in Calw nieder. Ihre Zahl blieb laut Alemannia Judaica aber gering: 1871 gab es vier jüdische Einwohner, 1895 drei, 1900 drei, 1905 elf, 1910 zehn und 1925 zwölf.

Bis nach 1933 bestanden laut Alemannia Judaica an Gewerbebetrieben in jüdischem Besitz in Calw: das Manufakturwarengeschäft Otto Michelson (Marktplatz 24), der Gasthof zur Linde (Inhaber Georg, später Rosa Creuzberger; Lange Steige 2) und die Viehhandlungen Max und Rubin Löwengart aus Rexingen (Burgsteige 6).

1933 wurden noch sechs jüdische Einwohner in Calw gezählt. Alemannia Judaica hat ihre Schicksale aufgearbeitet: Das Ehepaar Otto und Setty Michelson verzog 1939 nach Pforzheim, nachdem es sein Manufakturwarengeschäft aufgeben musste (bereits am 1. Oktober 1936, danach noch Hausierhandel). Von dort wurden beide am 22. Oktober 1940 bei der Deportation der badischen und pfälzischen Juden in das Lager Gurs nach Südfrankreich verschleppt. Otto Michelson starb am 7. Dezember 1941 in einem in Aix-en-Provence errichteten Lager. Setty Michelson wurde im August 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. In Auschwitz ist auch der Calwer Jude Helmar Spier umgekommen, der nach Berlin verzogen war. Gleichfalls in Auschwitz starb Rosa Creuzberger. Sie wurde im September 1943 nach dem Tod ihres nichtjüdischen Ehemannes deportiert.