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Inklusion umgekehrt ist in Stuttgart die Ausnahme Sonderschule will Schule für alle werden

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Basketball macht den Schülern der Margarete-Steiff-Schule Spaß, auch im Rollstuhl. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Inklusion ist in aller Munde. Doch in Stuttgart könnte sie in Zukunft noch ganz anders aussehen. Die Mutter eines schwer behinderten Sohnes beantragt das gemeinsame Lernen von beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Kindern im Bürgerhaushalt der Stadt Stuttgart. Genauer: sie beantragt, doch endlich die seit langem geplanten Sanierungen an der Margarete-Steiff-Schule in Stuttgart-Möhringen umzusetzen, damit dort, an der Schule für Körperbehinderte, auch Inklusion möglich wird – sozusagen Inklusion umgekehrt.

Die Antragstellerin heißt Anne Siepmann und ist Elternbeiratsvorsitzende der Schule. Ihr Sohn Theo ist 15 und schwer behindert. Er sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen, ist in allen Bereichen des Lebens auf Hilfe angewiesen – „aber er hat einen wachen Geist“, sagt seine Mutter. „Er kommuniziert mit Mimik und Blicken und Lautieren, er kann Unmut und Freude äußern und ja und nein mimisch ausdrücken“, erklärt sie. Und: Theo ist Klassensprecher. Ein Sprachcomputer und eine Betreuerin helfen ihm dabei. Seine Mitschüler haben sich dran gewöhnt, dass sie ihm Fragen stellen müssen. Doch Anne Siepmann fände es gut, wenn Theo in der Schule auch nicht behinderte Kameraden hätte. Da Theo und viele seiner Mitschüler jedoch auf die besondere pflegerische und räumliche Infrastruktur der Schule für Körperbehinderte angewiesen seien, könnten sie nicht als Inklusionskinder an Regelschulen gehen. Sondern dann müsse es eben andersherum laufen und die Regelkinder an die Sonderschule kommen.

Erst nach der Generalsanierung wäre auch Platz für Regelschüler

Hinter dem Vorschlag von Anne Siepmann steht auch die Schule. „Wichtig ist die Begegnung und das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung“, sagt Schulleiter Peter Otto, der den Info-Flyer mit der Bitte um Unterstützung beim Bürgerhaushalt ebenfalls unterschrieben hat. „Man müsste sich auf den Weg machen und Erfahrungen sammeln“, schlägt er vor. Kooperationen mit Regelschulen gebe es bereits, etwa mit der benachbarten freien evangelischen Schule – aber eben keine Inklusion. Platz dafür hätte die Steiffschule schon, allerdings erst, wenn die anstehende Generalsanierung des Gebäudes Hengstäcker 5 abgeschlossen sei. Doch für dieses Vorhaben, für das der Technikausschuss des Gemeinderats im Rahmen eines Masterplans bereits 2014 einen Vorprojektbeschluss gefasst hat, müsste der Gemeinderat zunächst Planungsmittel bewilligen. Wenn dies im Doppelhaushalt 2018/19 erfolgen würde, dann könnte im Doppelhaushalt 2020/21 die Umsetzung beschlossen werden – sofern die Finanzierung steht. Derzeit liefen mit allen Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, wie die Sonderschulen neuerdings heißen, Gespräche über die Entwicklung inklusiver Angebote, berichtet Karin Korn, die Leiterin des Schulverwaltungsamts.

Platz für künftige Regelschüler könnte es an der Steiffschule geben, weil zumindest derzeit von deren 176 Sonderschülern 30 Kinder als Inklusionskinder an Regelschulen abgewandert sind – und mit ihnen 18 der 80 Sonderschullehrer. „Wir sind selber erstaunt über den Anstieg an Inklusionskindern“, sagt Otto. Aber schließlich sei die Weiterentwicklung der Inklusion „unser offizieller Auftrag“, ergänzt er.

Gesunde Kinder an einer Sonderschule sind bisher in Stuttgart die Ausnahme

Wie diese künftig an der Sonderschule aussehen soll, steht noch nicht fest. Heterogenität gehört an der Steiffschule schon immer zum Alltag. Dort wird nach den Bildungsplänen für geistig Behinderte, Förderschüler, Grundschüler, Haupt- und Werkrealschüler und Körperbehinderte gelernt – je nachdem, was für das einzelne Kind passt. „Unsere Schüler sind alle Individualisten.“ Zunächst könne man ja im Rahmen der Grundschule mit der Inklusion anfangen, meint Otto. Anne Siepmann könnte sich als Einstieg eine Außenklasse einer regulären Grundschule vorstellen. Aber sie sagt auch: „Toll wäre eine zieldifferente Beschulung.“ Also wenn Kinder mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen in einer Klasse gemeinsam lernen. Doch Regelkinder an Sonderschulen, das gibt es in Stuttgart bei den Schulen in städtischer Trägerschaft bisher nur an der Ernst-Abbé-Schule in Zuffenhausen/Rot. Dort nützen derzeit vier nichtbehinderte Realschüler die Möglichkeit, den Realschulabschluss gemeinsam mit sehbehinderten Mitschülern anzupeilen – und profitieren von den kleinen Gruppen mit maximal zehn Schülern und der intensiveren Betreuung.

Doch sie sind bisher die Ausnahme. „Umgekehrte Inklusion ist grundsätzlich möglich und im Schulgesetz verankert“, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Sie räumt aber ein, eine Verordnung im Detail gebe es noch nicht, man stehe am Anfang – „es ist ein lernender Prozess“. Michael Hirn, der Geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Sonderschulen und Leiter der Helene-Fernau-Hornschule, einer Sprachheilschule, hält diese Entwicklung für ein „Potenzialthema“. Er sagt aber auch: „In Baden-Württemberg wurde die Diskussion bis 2011 verschlafen – oder aus politischen Gründen nicht gewollt.“ Anders als in anderen Bundesländern gebe es auf Landesebene noch keine Planungsgrundlage dafür. „Da herrscht noch Unsicherheit“, so Hirn. Dies scheint auch im Staatlichen Schulamt so zu sein. Dort fragt man sich: „Gibt es überhaupt Bedarf für die umgekehrte Inklusion?“ Derzeit müssten interessierte Schulen erst einmal eine Konzeption dafür einreichen, erklärt Schulrätin Dörte Pelz. Allerdings: „Nachfragen sind so gut wie keine da.“ Schließlich hätten Eltern die Wahl, ob sie für ihr Kind ein inklusives Angebot beantragen oder nicht. „Im Moment“, so Pelz, „sind wir damit beschäftigt, zieldifferent die Inklusion an den Regelschulen auf die Beine zu stellen“. Also zu ermöglichen, dass Sonderschüler mit Zusatzförderung an Regelschulen unterrichtet werden.

Sehende und sehbehinderte Kinder lernen zusammen

An der von der Nikolauspflege getragenen Betty-Hirsch-Schule am Kräherwald gibt es bereits seit 2011 eine gemeinsame Klasse für Sehbehinderte und Sehende. Sie wurde im Rahmen der Modellregion Stuttgart eingerichtet. Doch auch dort lernen Schüler mit ähnlichen Bildungsvoraussetzungen miteinander. Von den insgesamt 120 Schülern haben 27 keinen Förderbedarf, die meisten hiervon sind in der Grundschule. „Wir machen Werbung in Elternzeitschriften und in Läden in Botnang und im Westen“, sagt Schulleiter Peter Greiner. „Vier haben wir aufgenommen und drei oder vier zurückgewiesen“, berichtet er. Bei einem Schupper-Schultag mit Elterngespräch entscheide die Schule, welche Kinder am besten in die Gruppe passen. Beim sozialen Lernen profitierten sehende und nicht sehende Kinder gleichermaßen – auch wenn beim Ranzenverstecken oder Schneeballwerfen Nichtsehende im Nachteil sind.

Auch an der Steiffschule zweifelt man nicht am Bedarf der umgekehrten Inklusion. Anne Siepmann erinnert sich noch gut an Theos Zeit im Kindergarten Sonnenblume, den er gemeinsam mit nicht beeinträchtigten Kindern besucht hat: „Damals haben auch einige Eltern gesagt, schade, dass das auseinander geht.“

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