Der Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg geht einen unkonventionellen Weg – mit einer Aktion für 1500 Impfwillige am Sonntag. Dabei kooperiert das Künzelsauer Unternehmen mit niedergelassenen Ärzten.
Künzelsau - Vor dem Start der betrieblichen Impfkampagne zum 7. Juni macht sich neue Enttäuschung bei den Firmen breit, weil der erwünschte Impfstoff noch nicht verfügbar ist: Einige Betriebsärzte, die bis zum Stichtag, dem vorigen Freitagmittag, ihre erste Bestellung aufgegeben hatten, haben schon eine Absage erhalten. Die stünden in der ersten Runde mit leeren Händen da, heißt es aus Arbeitgeberverbandskreisen.
Es geht auch völlig anders: Der Künzelsauer Motoren- und Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg hat nicht nur seine eigene Belegschaft durchgeimpft – er bietet jetzt auch der Bevölkerung an, sich an diesem Sonntag gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. 1500 Impfdosen des Herstellers Astrazeneca stehen zur Verfügung.
Die Terminvergabe läuft automatisiert ab
Die Anmeldung ist ausschließlich über ein Online-Tool möglich, das an diesem Freitagmorgen um 6 Uhr auf der Internetseite des Unternehmens freigeschaltet wird. Damit soll eine unkontrollierbare Menschenansammlung vermieden werden. Die Terminvergabe läuft automatisiert ab. Teilnehmen dürfen nur Erwachsene. Die Zweitimpfung ist für den Samstag, 7. August, vorgesehen.
Genutzt wird das Ganze auch zur PR-Aktion: „Jetzt geben wir bei der Corona-Bekämpfung richtig Gas“, sagt Vorstandschef Peter Fenkl. Es handele es sich nicht um ein Modellprojekt. Vielmehr agiert das nicht verbandsgebundene Familienunternehmen „aus eigener Kraft“, so wie es sich schon seit mehr als einem Jahr bei der Bekämpfung der Pandemie engagiert. Ziehl-Abegg hat eine Impfstraße aufgebaut und bereits am 10. Mai begonnen, seine Belegschaft, deren Angehörige und Mitarbeiter umliegender Firmen zu impfen. Auch Kräfte von Hotels und des städtischen Bauhofs in Künzelsau haben davon profitiert. Bei fünf Terminen wurden insgesamt 1300 Menschen immunisiert.
Schneller und günstiger als in Praxis und Impfzentrum
Der Trick: Während die Betriebsärzte erst am 7. Juni richtig loslegen dürfen, nutzt Ziehl-Abegg die Möglichkeit, dass ein niedergelassener Hausarzt in Baden-Württemberg ohne eine Priorisierung von Impfwilligen durchstarten kann. Am Sonntag sind drei Ärzte einer Hausarztpraxis am Start, die das über ihr eigenes Kontingent georderte Vakzin mitbringen. „Wir impfen im 60-Sekunden-Takt mit drei Ärzten“, kündigt ein Unternehmenssprecher an. „Das heißt, alle 20 Sekunden verlässt ein Geimpfter unser Unternehmen.“
Den Staat koste die Impfung bei Ziehl-Abegg – abgesehen vom Vakzin – 20 Euro. So viel zahlt der Bund pro Injektion an die Kassenärzte. Dafür stellen diese – im Normalfall – ihre Praxis zur Verfügung. Kleinere Wartezimmer lassen dort nur einen geringen Durchlauf zu, zumal für jeden Geimpften noch 15 Minuten Beobachtungszeit einzuplanen sind. Bei der Aktion von Ziehl-Abegg ist der Platz kein Problem, und der Arzt muss sich auch nicht Zeit nehmen für das Patientengespräch – das hohe Impftempo lässt die Aktion für ihn auch wirtschaftlich attraktiv erscheinen. Im Impfzentrum kostet eine Impfung den Staat deutlich mehr als 150 Euro. „Wir helfen auch noch sparen“, sagt der Firmensprecher. Die Infrastruktur werde vom Unternehmen finanziert – und die Helfer seien ehrenamtlich tätig.
Engagiert gegen die Pandemie
Das Sozialministerium sieht die Aktion positiv: „Wir begrüßen dieses Vorgehen, da dadurch das Impfen vor Ort vorangebracht wird und es hilft, den vorhandenen Impfstoff möglichst schnell zu verimpfen“, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. Die Arztpraxis bestelle den Impfstoff ja direkt über den Pharmagroßhandel und die Apotheken. „Nach der Aufhebung der Priorisierung für Astrazeneca gibt es für Hausarztpraxen bei der Bestellung keine Mengenbegrenzungen mehr“, sagte sie. „Die Lieferungen für die Impfzentren bleiben davon unbeeinflusst.“