Vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen im Land sollen von einem neuen Impfkonzept der IHK Region Stuttgart profitieren. Demnach können die Firmen von Juni an auch die Impfzentren mitnutzen. Viele Fragen sind aber noch ungeklärt.
Stuttgart - Um die noch schleppende Impfkampagne des Landes voranzubringen, hat sich das Sozialministerium personell verstärkt: Arne Kirchhoff, seit genau zwei Jahren Leiter des Bereichs Aviation am Stuttgarter Flughafen, wurde von dort ausgeliehen und koordiniert nun das betriebliche Impfen im Südwesten – die sogenannte dritte Säule. Der erfahrene Luftverkehrsexperte nahm am vorigen Freitag wie auch Uwe Lahl, der Amtschef von Sozialminister Manfred Lucha, an einer Besprechung mit dem Projektteam der IHK Region Stuttgart um Hauptgeschäftsführer Johannes Schmalzl teil, das federführend ein Impfkonzept vonseiten der Wirtschaft erarbeitet hat.
Die Betriebsärzte sollen fleißig ordern
Die Bestellfrist für den Impfstart ab 7. Juni ist schon abgelaufen. Einem internen Schreiben von Schmalzl zufolge werden die Betriebsärzte zu Beginn wahrscheinlich ohnehin weniger Impfstoff bekommen als geordert. Da Baden-Württemberg über eine hohe Wirtschaftsdichte mit guten werks- und betriebsärztlichen Strukturen verfüge, so die Erwartung von Ministerialdirektor Lahl, werde das Land in der dritten Säule voraussichtlich aber überproportional gut mit Impfstoff versorgt, was wiederum manche Länder ohne Betriebsarztstrukturen argwöhnisch beobachteten. Voraussetzung sei, dass wirklich jeder Betriebsarzt jede Woche Impfstoff ordere. Eine gewisse Menge Impfstoff sei garantiert, notfalls werde die Verteilung zu Lasten der Hausärzte vorgenommen, die dann dann weniger bekämen. Wichtig sei allen Ländern gewesen, dass die Impfstofflieferungen an die Betriebsärzte nicht zu Lasten der Impfzentren gingen, die immer noch nicht unter Volllast liefen.
Größere Firmen sollen kleinere mitbetreuen
Mit Lob werden die über die Industrie- und Handelskammern ausgewählten zwölf Modellversuche bedacht. Minister Lucha besucht immer wieder Projekte, an diesem Dienstag die Firma Schmalz im Nordschwarzwald. Im Handwerksbereich sollen zwei weitere Modellversuche noch vor dem 7. Juni gestartet werden. In Frage kommt ein Projekt zum dezentralen Impfen für die Bauwirtschaft und das Reinigungsgewerbe durch den Arbeitsmedizinischen Dienst der Berufsgenossenschaft – mit Impfmobilen auf Baustellen. Zudem ein Projekt der Autohausgruppe Hahn mit Betriebsärzten und Hausärzten. Das Unternehmen würde demnach Räumlichkeiten an seinen Standorten zur Verfügung stellen, um alle Mitarbeiter und engste Familienangehörige zu impfen.
Die beiden Projektvorschläge sind Teil eines unserer Zeitung ebenso vorliegenden Impfkonzeptes der IHK. Dazu gehört auch die Leitlinie, dass Werks- und Betriebsärzte von größeren Unternehmen die Mitarbeiter kleinerer Firmen (Kunden, Lieferanten, Partner- und Nachbarbetriebe) mitbetreuen, sobald genügend Impfstoff da sei. Örtliche Kammern sollen die Unternehmen entsprechend dazu anhalten. Der Bund wiederum soll ermuntert werden, ein Anreizsystem zu schaffen, wonach die betreffenden Werks- und Betriebsärzte etwa durch eine höhere Bestellmenge honoriert werden.
Pop-Up-Impfzentren zur Nachahmung empfohlen
Zugesagt hat das Sozialministerium, dass kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) die Infrastruktur der Impfzentren mitnutzen können. Damit würden Gruppenimpfungen für einzelne Belegschaften dort zugelassen. Das Vakzin solle aber aus der Bestellmenge der Betriebsärzte beim Großhandel kommen, um den Impfzentren kein Vakzin wegzunehmen. Ein Steuerungskreis beim Ministerium will Detailfragen klären.
Zur Unterstützung der KMU werden auch sogenannte Pop-Up-Impfzentren für Juni/Juli angedacht. Die IHK plant dazu sehr bald in ihrem Stuttgarter Haus ein Projekt mit dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, um Servicekräfte der Gastronomie zu impfen. Später soll der Handel folgen. Nachahmer bei den IHK seien erwünscht, heißt es. Das Sozialministerium unterstützt zudem mobile Lösungen wie einen Impf-Truck des Rems-Murr-Kreises, der ab Juni auch Gewerbegebiete anfahren soll. Weil diese Fahrzeuge als mobile Impfteams gelten, sei die Finanzierung über das Land gesichert.
Astrazeneca eher unerwünscht
„Geben wir gemeinsam beim Impfen in der 3. Säule Vollgas!“, ermuntert Schmalzl. Als Voraussetzung für die Umsetzung des Konzeptes wird auch die Mitbetreuung aller impfwilligen Angehörigen aus dem Haushalt der Mitarbeiter genannt. Zudem solle nur Vakzin verwendet werden, „der unbestritten für alle Beschäftigten gut verträglich ist“. Dies sind demnach Biontech/Pfizer, Moderna und ab Zulassung Curevac – nicht jedoch Astrazeneca. Zudem solle Impfstoff und Zubehör vom Bund kostenlos bereitgestellt werden. Das Land solle sich finanziell beim Impfen in KMU beteiligen.