Die Herzdruckmassage ist das Allerwichtigste, was ein Helfer sofort einleiten muss, selbst wenn man dem Patienten dabei ein paar Rippen bricht. (Symbolfoto) Foto: Platoo Fotography/ Shutterstock

Ersthelfer sein bei einem plötzlichen Herzstillstand kann im Grunde jeder: Man muss nur rund 100-mal in der Minute die Mitte des Brustkorbs des Patienten rund fünf Zentimeter tief eindrücken. Damit das Hirn weiterhin mit Sauerstoff versorgt wird – bis der Notarzt beim Patienten eintrifft. Falsch machen kann man dabei eigentlich nichts, sagt der Freiburger Notfallmediziner Michael Müller. Außer freilich, man tut nichts. Denn dann stirbt der Patient.

Freiburg - In Deutschland passiert bei rund 50.000 Menschen im Jahr genau das, was am Wochenende vor einem Millionenpublikum mit dem dänischen Fußballer Christian ­Eriksen bei der Fußball-EM passiert ist: Sie erleiden einen plötzlichen Herzstillstand.

Die Gründe sind vielfältig. Die Folgen immer gleich: Binnen weniger Sekunden verlieren die Betroffenen das Bewusstsein. Und sterben, falls ihnen nicht beherzt und vor allem sehr, sehr schnell geholfen werden kann. Denn schon nach drei bis fünf Minuten erleidet das Hirn unheilbare Schäden, selbst wenn der Patient danach noch erfolgreich wiederbelebt wird, erklärt Müller. Deshalb ist die Herzdruckmassage das Allerwichtigste, was ein Helfer sofort einleiten muss, selbst wenn man dem Patienten dabei ein paar Rippen bricht. Eine Beatmung sollte hingegen nur vornehmen, wer fit in Erster Hilfe ist und weiß, wie man so etwas macht, rät Müller.

Im besten Fall wieder ganz normales Leben

Der plötzliche Herzstillstand ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und kommt rund zehnmal häufiger vor als ein tödlicher Verkehrsunfall. Nur etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten können derzeit durch eine rechtzeitige Herzdruckmassage gerettet werden, wie Müller berichtet. Wenn es den Ärzten, die in Deutschland im Schnitt immerhin nach 8 bis 15 Minuten beim Patienten eintreffen, im Anschluss gelingt, die Ursache des Herzversagens zu beheben, können diese Patienten im besten Fall hernach wieder ein ganz normales Leben führen.

Aber im Grunde könnten noch viel mehr Leben gerettet werden als bisher, meint Müller. Hier kommt die Aktion "Region der Lebensretter e.V." ins Spiel, deren erster Vorsitzender der Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Freiburger Josefskrankenhaus Michael Müller ist: "Das Überleben der Patienten hängt vom schnellen Beginn der Herzmassage ab. Die entscheidenden ersten vier Minuten nach einem Herzstillstand können die Notärzte aber im Grunde nie schaffen."

Couragierte Ersthelfer sind wichtig

Deshalb seien couragierte Ersthelfer vor Ort so wichtig. Derzeit werde die Wiederbelebung in rund 40 Prozent der Fälle in Deutschland eingeleitet, bevor der Rettungsdienst da ist. Und diese Prozentzahl will die "Region der Lebensretter" verbessern, am liebsten flächendeckend in ganz Baden-Württemberg, wie Müller betont. "Unsere Vision ist es, das erste Bundesland mit einer flächendeckenden Versorgung mit Lebensrettern zu werden", erklärt der Mediziner. Viele Landkreise seien aber derzeit vor dem Hintergrund der Corona-Krise noch zögerlich, sich dem System anzuschließen. Deshalb wolle man möglichst viele Retter mit Rucksäcken für ihre Einsätze ausrüsten, die Beatmungsbeutel und Schutzausrüstung enthalten.

Was aber tut der Verein konkret, um Leben zu retten? "Wir organisieren Erste Hilfe Maßnahmen über eine Handy-App, mit der wir registrierte, geschulte Helfer orten und aktivieren, wenn sie sich in der Nähe des Notfallortes befinden. Zwei Helfer werden zum Patienten geschickt, ein Helfer holt einen öffentlich zugänglichen Defibrillator (AED), ein vierter Helfer weist am Einsatzort die Kräfte des Rettungsdienstes ein", erklärt Müller. Rund 1100 Ersthelfer im Raum Freiburg machen mit und haben im Jahr rund 1200 Einsätze, bei denen sie in der Nähe eines Patienten "angepiepst" werden.

"Das ist extrem wertvoll, da die Ersthelfer in mehr als der Hälfte der Fälle rechtzeitig zum Patienten eilen können", betont Müller. Plötzliche Herzstillstände könne man nicht vorhersehen. Aber mit einem flächendeckenden Helfernetz und einer engmaschigen Versorgung mit Defibrillatoren, für die der Verein dringend Spenden benötigt, könne man oft rechtzeitig zur Stelle sein und das Schlimmste vermeiden.

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