Faszination Medizintechnik. Thomas Bogenschütz zeigt auf die Herzklappenprothese, die in diesem Laborapparat zu Testzwecken im Dauerbetrieb pulsiert. Foto: Stopper

Das kleine Ding – Haut, mit Faden auf Drähte genäht – könnte auch in einem Menschenherz stecken, aber es pulsiert in einer Plexiglasröhre im Labor. Thomas Bogenschütz steht zufrieden davor und sagt: "Was wir hier machen, kann Leben retten."

Hechingen - Wir sind in einem der Labore des Medical Valley, wo neue Produkte in einer verblüffenden Mischung aus Hightech und Handarbeit entwickelt werden. Medira, das Start-Up-Unternehmen von Thomas Bogenschütz, entwickelt Herzklappen-Prothesen, die Miniaturdrachen ähneln.

 

Leder aus Herzbeuteln von Tieren

Die Stäbe bestehen aus hauchdünnen Drähten, die Bespannung aus Spezialleder. Die Konstruktion wird zusammengefaltet durch Kanülen über die Hauptschlagader in ein Herz geschoben. Dort spannen die Drähte wie von Zauberhand die Haut zu einer Röhre, die sich an die Adernwand schmiegt und durch die Herzblut fließt. Allerdings nur in eine Richtung. Diese Funktion übernehmen sonst gesunde Herzklappen. Erkranken sie, können sie das nicht mehr.

Das Spezialleder wird aus Herzbeuteln von Tieren gewonnen. An die Drahtkonstruktion wird es von Hand unter der Lupe mit dünner Nadel und feinem Faden auf die Drähte genäht. Eine Woche pro Implantat. Jeder Stich muss sitzen.

"Das Material ist schwierig zu nähen", erklärt Thomas Bogenschütz. Die Häute, die eine Spezialfirma herstellt, müssen feucht bleiben und damit auch völlig lapprig.

Produkt rettet Leben und lindert Beschwerden

Viele Jahre Forschung stecken in diesem Produkt. Millionen Euro werden investiert, bevor hoffentlich irgendwann einmal der erste Euro verdient wird. Das gilt zwar für viele Industrieprodukte. Was die Medizintechnik besonders macht: Jedes Produkt rettet Menschenleben oder lindert heftige Beschwerden. Eine schwere Herzklappenschwäche kann meist nur in einer stundenlangen, riskanten Operation am offenen Herzen behandelt werden. Das Implantat von Medira wird einfach über eine dicke Ader ins Herz geschoben. Dem Patient geht es dann sofort besser.

Drähte ›erinnern‹ sich an ihre ursprüngliche Form

"Tricento" heißt die Herzklappenprothese von Medira, die schon zugelassen ist, aber noch in geringer Stückzahl eingesetzt wird. Sie legt sich wie ein Schlauch innen an eine Herzader, ein Seitenarm lappt ins Herz hinein, bläst sich auf, wenn Blut in eine Richtung fließt, klappt zusammen, wenn es in die andere Richtung will. Ein frappierend simples Ventil, das die Pumpleistung des Herzens erst sinnvoll macht. Schwerstarbeit. Ein Herz schlägt etwa 100 000 Mal pro Tag, 36 Millionen mal pro Jahr.

Derzeit wird von Medira ein zweites Herzklappen-Modell für einen anderen Einsatzzweck entwickelt. Eine Art Korb, der an Fäden an einer Stelle der Herzwand befestigt wird. Ebenfalls aus der Spezialhaut, ebenfalls mit Nadel und Faden auf Drähte genäht. Auch diese Konstruktion muss durch einen engen Katheter werden können. Wie das geht? Ingenieurskunst. Die Drähte aus einer Nickel-Titanlegierung werden so vorgebogen, wie sie im Herz entfaltet aussehen, und dann durch Druck und Hitze so zu behandelt, dass sie zusammengedrückt werden können und sich erst später in der Wärme des Herzens wieder an ihre alte Form erinnern. Man nennt das Memory-Effekt.

Versuche an Schafen sind vielversprechend

Im Labor wird viel an Computern berechnet. Aber das buchstäbliche Herz ist hier ein Plexiglas-Rohr, das zwischen komplizierten Apparaten steckt. Hier wird die neueste Version der Herzklappenprothese getestet, mitten im Strom einer Flüssigkeit, die eine Pumpe hin- und her pulsieren lässt. Ein Plexiglasherz.

Erste Versuche an Schafen waren schon vielversprechend. Sechs Wochen hielt die Prothese. "Länger, als wir erwartet haben", freut sich Bogenschütz. Aber es gab Ablagerungen. Nun wird überlegt, wie diese vermieden werden können. Vielleicht durch eine noch kompliziertere Nähtechnik? Es wird Jahre dauern, bis dieses Produkt eine Zulassung erhält. Aber wenn es funktioniert, wird es Menschenleben retten helfen. Und das motiviert.

Über Medira

Die Medira GmbH ist ein Start-Up-Unternehmen und Mitglied des Medical Valley Hechingen. Medira entwickelt, produziert und vermarktet innovative Technologien für die Behandlung von Herzklappenerkrankungen. Dabei wird mit Herzchirurgen und Kardiologen zusammengearbeitet. Mit der Neugründung im Februar 2020 hat Medira ein leer stehendes Industriegebäude in Balingen erworben und saniert.

Neben Laboren und Büros wurde hier auch ein High-Tech Reinraum für die Entwicklung und Produktion Katheter-basierter minimalinvasiver Herzklappen gebaut. Derzeit besteht das Team aus 30 Mitarbeitern. Wachstum ist t eingeplant. Für die Zulassung als Medizinprodukt müssen die Entwicklungen zunächst im Labor grundlegenden Tests unterzogen werden und klinische Studien durchlaufen. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.medira.com.

Über den Gründer

Thomas Bogenschütz ist Vorstandsvorsitzender des Medical-Valley-Vereins, in dem Medizintechnikfirmen und ihrer Zulieferer in und um Hechingen organisiert sind. Er war fast 20 Jahre Geschäftsführer der von Lars Sunnanväder gegründeten Firma Jotec in Hechingen. Seinen Berufsweg begann er bei Jostra in Hirrlingen, ebenfalls eine Gründung von Lars Sunnanväder. Sein Start-Up Medira ist in Balingen angesiedelt, da sich nur hier auf die Schnelle ein Gebäude für diesen Zweck fand. Aber der Hechinger kann sich gut vorstellen, später mit der Firma nach Hechingen zurückzukehren. Geeignete Grundstücke dafür vorausgesetzt.