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Hechingen Regionale Metzgereien profitieren von Tönnies-Corona-Skandal

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Nicht nur bei Fleischwaren Maier um Ulrich Maier (rechts) wird Wert darauf gelegt, dass die Tiere aus näheren Umgebung kommen. Foto: Renner

Hechingen - Die massenhaften Corona-Infektionen beim Schlachthof Tönnies in Nordrhein-Westfallen haben zu einem Umdenken bei den Leuten geführt. Sie kaufen nun öfters beim Metzger um die Ecke ein, anstatt Massenware aus dem Supermarkt zu konsumieren.

Diese Erfahrung hat nicht nur Ulrich Maier von Fleischwaren Maier gemacht. "Die Leute honorieren, dass es ein besseres Produkt ist und legen inzwischen mehr Wert auf Qualität", stellt Maier fest. Er schiebt den schwarzen Peter allerdings der Regierung zu, die offensichtlich keine kleinen Schlachthöfe haben will. Vor Jahren gab es auch noch einen in Hechingen, doch dann wurden die Auflagen erhöht. Inzwischen ist Balingen die erste Anlaufstelle.

Dass bei Tönnies Leiharbeiter angestellt sind, verwundert Maier nicht. "Das machen die Großen alle." Dass die Arbeiter auf wenigen Quadratmeter zusammengepfercht sind (von wohnen wohl kaum die Rede sein), lässt Maier ratlos zurück. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem ist. Das ist nicht mehr zeitgemäß." Tönnies warmen Worten, an der Situation künftig etwas ändern zu wollen, schenkt Maier wenig Glauben. "Was soll er umkrempeln?", fragt Maier. Wahrscheinlich werde es zwar ein Vorzeigewohnheim geben, die Ursachen werden aber nicht behoben. Das sei unter anderem die schlechte Bezahlung. "So viele Fachmetzgereien ohne Filialen wie in Hechingen gibt es wohl nirgendwo", ist Maier stolz auf den Status Quo.

Wirken sich mögliche Änderungen auf Preise der Discounter aus?

Während Maier seine Rinder aus Bisingen, Weilheim oder Hemmendorf, die Schweine aus Bösingen bei Rottweil und Schafe aus Bodelshausen bezieht, kommt bei der Metzgerei Weiler im Maierhof das Rindfleisch aus Weilheim und das Schweinfleisch aus Sigmarswangen und Nellingsheim. "Ich glaube schon, dass beim einen oder anderen ein Umdenken stattgefunden hat und der Kunde überlegt, wo und was er einkauft", sagt Inhaber Thomas Weiler. Für einen Kleinbetriebe, wie sein e Metzgerei es ist, seien die Negativschlagzeilen positiv. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie läuft das Geschäft bei ihm gut. "Wir haben zwar weniger Kunden im Laden, aber die kaufen dafür mehr ein", berichtet Weiler. Seit zwei Jahren lässt er die Tiere in Balingen – jener Schlachhof, der womöglich Ende 2022 geschlossen wird – schlachten, der Chef des dortigen Bertriebs habe ihm offengelegt, was dessen Leiharbeiter – drei an der Zahl – verdienen.

Für Tönnies bringt Weiler keinerlei Verständnis auf. "Schon vor zwei, drei Wochen gab es Negativschlagzeilen. Ich habe nichts gegen Werkverträge, kann aber nicht verstehen, warum Clemens Tönnies mit den Arbeitern nicht vorsichtiger umgegangen ist. Das war nicht korrekt und hätte er anders machen müssen", hat Weiler dazu eine klare Meinung. Tönnies’ Aussagen wirken für ihn wenig glaubhaft. "Er ist doch derjenige, der diese System mit Leiharbeitern aufgebaut hat. Jetzt will er sich geschickt herausreden", so Weiler, der gespannt ist, wie sich die möglichen Veränderungen auf die Preise der Discounter auswirken werden.

In der Kaufland-Filiale in der Gammertinger Straße hat der Reutlinger Metzger Oskar Zeeb eine von 28 Filialen. "Wir haben in Hechingen seit dem Tönnies-Skandal 20 Prozent mehr Umsatz", sagt Geschäftsführer Jürgen Zeeb. Über alle Filialen zog das Geschäft seit Corona um 20 bis 30 Prozent an. Die Kunden würden jetzt nachfragen, woher das Fleisch kommt und ob in den Schlachtbetrieben auch Leiharbeiter zum Einsatz kommen. Dies kann Zeeb, der seine Schweine aus Obermarchtal bezieht und in einem kleinen Schlachthof in Mengen schlachten lässt, verneinen.

Zeeb: Die Ware ist zu frisch und verliert an Saftigkeit

Die meisten Erzeuger für Rind & Co. kämen von der Schwäbischen Alb, aber auch Fleisch von Tieren aus Weilheim, Wachendorf oder Empfingen wird in den Filialen verkauft. "Den Qualitätsunterschied merkt man am Aussaftverlust. Bei Tönnies läuft das Schwein morgens um 5 Uhr lebendig rein und 15 Uhr kommt das Schnitzel verpackt raus. Die Ware ist zu frisch und verliert dadurch an Saftigkeit", klärt Zeeb auf.

Dass die Verhältnisse bei Tönnies irgendwann aufgedeckt werden, hat Zeeb nicht überrascht. "Ich kenne die Zustände, die Leiharbeiter hausen unter menschenunwürdigen Bedingungen." Für den Aufsichtsratsvorsitzenden von Schalke04 bringt er Verständnis auf: "Tönnies steht unter Druck, er hat Lieferverpflichtungen, wenn er die nicht einhält, drohen ihm Vertragsstrafen."

Für Zeeb ist jetzt die Politik gefragt, die andere Voraussetzungen schaffen muss. Zum Beispiel die Abschaffung von Werkverträgen. "Das würde die Preise erhöhen, dann wäre die Differenz zum örtlichen Metzger nicht mehr so groß und die Leute würden es sich noch mehr überlegen, wo sie einkaufen." Andererseits könne aber auf Leiharbeiter nicht verzichtet werden, um Spitzen – wie während der Grillsaison – abdecken zu können. Und zu Tönnies Aussagen vor dem TV-Kameras? "Er muss ja reagieren, denn er steht am Pranger und muss versuchen, die Wogen einigermaßen zu glätten. Der kann sich aber nirgendwo mehr blicken lassen."

Die Metzgerei Huber (Hechingen und Geislingen) kann ebenfalls bestätigen, dass ein Umdenken schon seit Corona Mitte März stattgefunden hat. Man sei gefragter, dass aber auch wichtig, um dauerhaft überleben zu können. Ein positiver Trend sei schon bemerkbar. Die Metzgerei hofft, dass der Balinger Schlachthof erhalten bleibt, er sei für den Betrieb überlebenswichtig.

Nicht gegenüber der Presse äußern wollte sich die Metzgerei Heinrich (Melchingen), die in Hechingen eine Filiale hat.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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