Ein Fischer fährt mit Stellnetzen voller Hering über den Greifswalder-Bodden (Mecklenburg-Vorpommern) zurück zu seinem Hafen. Foto: dpa

Die Meere sind überfischt, ganze Fischarten sind deshalb vom Aussterben bedroht. Gütesiegel versprechen umweltschonenden Fischfang. Doch kann man sich auf sie verlassen?

Ummanz - Was haben die Makrele, der Alaska-Seelachs, der Rotbarsch und der Seehecht gemeinsam? Alle vier Fischarten sollte man zur Zeit nicht essen. Glaubt man dem Einkaufsratgeber von Greenpeace, gehören sie zu den überfischten Arten. Die Fischgründe des Mittelmeers sind praktisch leer gefegt, im Nordatlantik sieht es nicht besser aus. Zudem belasten Fischzuchtfarmen massiv die Umwelt und gefährden die Bestände von Klein- und Jungfischen in den Meeren. Die Hauptursache ist die Verarbeitung dieser Kleinfische zu Fischmehl als Futter für die Aquakulturen.

Umweltbewusste Verbraucher fragen sich daher: Welche Fischart darf überhaupt noch auf den Teller? Orientierung sollen spezielle Gütesiegel wie etwa MSC, ASC, oder Friend of the Sea geben. Die Zertifikate versprechen nachhaltigen und umweltschonenden Fischfang. Doch kann man sich auf die Gütesiegel verlassen? Laut des Greenpeace-Fischratgebers allenfalls begrenzt. Der Grund: Häufig werden auch unter diesen Gütesiegeln bestandsgefährdete Fischarten angeboten – oder aber sie geben nicht genau an, wo und wie die Fische gefangen wurden. Ist es also überhaupt noch möglich, ohne schlechtes Gewissen Fisch zu essen?

„Wenn Fischliebhaber ihren Fisch beim Fischhändler ihres Vertrauens erwerben – also im Einzelhandel und nicht bei Supermarktketten – sind sie meist auf der sicheren Seite“, sagt Carsten Kühn, Institutsleiter des Institut für Fischerei von Mecklenburg-Vorpommern. „Der Fischhändler kann in der Regel genau Auskunft geben über Herkunft, Zucht- und Fangmethoden.“

Kunden können den Fisch direkt bei der Kooperative bestellen

Eine Kooperative aus Mecklenburg Vorpommern zeigt, wie es geht: Sie vermarktet ihren Fisch mitsamt Informationen. Online gibt sie an, wie und wo der Fisch gefangen wurde. Per SMS oder mit einer App schicken die Fischer, die mit der Kooperative zusammenarbeiten, Fotos und Infos zu ihrem Fang sowie den Standort, an dem sie ihn gefangen haben. Der Clou: Weil er ohne Zwischenhändler online verkauft wird, ist der nachhaltig gefangene Fisch im Fischkaufhaus der Kooperative nicht teurer als andere Fische. Daneben können die Kunden den Fisch auch direkt bei der Kooperative bestellen. In dem Fall legen die Fischer nur die Fangnetze aus, die sie für den bestellten Fisch brauchen – und schonen so die Fischbestände.

Der Ostseefischer Henry Diedrich ist einer der Fischer, die mit der Kooperative der Müritzfischer zusammenarbeiten. Wenn er mit seinem Fischkutter um sieben Uhr morgens in den Kubitzer Bodden vor Ummanz bei Rügen tuckert, ist sein Fang bereits vorbestellt. So weiß er genau, welchen und wie viel Fisch er verkauft bekommt. An diesem Tag geht Diedrich auf Heringsfang, denn gerade im Frühling tummeln sich viele Heringsschwärme im Bodden. Weil die Heringsschwärme meist weit oben im Meer schwimmen, hat der Boddenfischer seine Netze schon gestern knapp unter der Wasseroberfläche aufgestellt. „So kommen kaum andere Fische als Hering in meine Netze und ich habe keinen Beifang, den ich später weit unter Preis verkaufen oder ins Meer zurückwerfen muss“, sagt Diedrich. Der Kostendruck unter dem die meisten Fischer stehen, führe oft dazu, dass viele Fischer nicht mehr selektiv fangen – und dadurch würden die Fischbestände massiv geschädigt.

Durch die Vorbestellungen der Kooperative kann Diedrich es sich leisten, in seinem Bodden noch traditionell mit Stellnetzen und Langleinen zu fischen. Das ist besonders nachhaltig: Durch die stehenden Netze werden die Lebensräume der Fische nicht zerstört, da sie nicht wie die üblichen Schleppnetze über den Bodengrund gezogen werden. So bleibt die Wasserpflanzenwelt unverletzt. Und noch etwas spricht für die sogenannte stille Fischerei. „Bei mir steht das Netz ja still im Wasser und wird nicht durchs Wasser gezogen“, sagt Diedrich. „So können kleine Fische durch die Maschen der Netze hindurchschwimmen.“

„Die Zertifizierung nutzt primär dem Zertifizierer“

Das Bestellen des Fisches hilft aber auch den Fischern dabei, ihre Lebensgrundlage zuverlässig zu erhalten. Neben dem Hering hat die Kooperative an diesem Tag Barsche und Zander für ein Berliner Restaurant bestellt. Diedrich fährt deshalb zu den am Vortag ausgelegten Reusen und schaut, wie viel frischen Fisch er an die Müritzfischer liefern kann. Durch die Reusenfischerei kann er genau entscheiden, welche Fische er fängt und welche er wieder ins Wasser setzt: Bei der Reusenfischerei werden die Fische lebend gefangen. „So können die zu kleinen Fische noch ein paar Jahre länger leben und für den Nachwuchs sorgen, der meine Existenz für die nächsten Jahre sichert“, sagt Diedrich.

Industrielle Fischer stehen meist unter so hohem Kostendruck, dass sie alle Fische aus dem Meer ziehen, die in ihren Netzen landen. Carsten Kühn forscht daher an Konzepten und Managementplänen für die nachhaltige Bewirtschaftung von Küstengewässern. Am Jabelschen See in der Müritzregion betreiben Kühn und seine Kollegen zusammen mit den Müritzfischern eine Schnäpel Aufzucht. Die Jungtiere sollen später in der Ostsee ausgesetzt werden und so die Bestände nachhaltig aufbessern. Zukunftsträchtige Fischerei ist für ihn viel mehr als ein paar Fischsiegel und Zertifizierungen: „Die Zertifizierung nutzt primär dem Zertifizierer, denn die meisten Siegel sind kostenpflichtig. Der Kunde und auch der Fischer zahlen so das Siegel mit. Dadurch entsteht neuer Kostendruck – vor allem auf den Fischer“, weiß Kühn. Und benennt ein weiteres Problem: „Viele Verbraucher sehen bei der Vielzahl an Siegeln sowieso kaum mehr durch.“

Durchblick ist aber das Entscheidende, um zu sehen, ob ein Fisch tatsächlich nachhaltig gefangen wurde. Orientierung bietet der bereits genannte Greenpeace-Einkaufsratgeber. Ihn gibt es auch als Kühlschrankposter und als App. Der Ratgeber bewertet 116 verschiedene Fisch- und Muschelarten – vom Aal bis zum Zander.

Diese Fischarten sind nicht akut gefährdet

Essbar Zu den Fischarten, die nicht akut gefährdet sind, gehören nach dem jüngsten Greenpeace-Einkaufsratgeber aus dem Jahr 2016 unter anderem der Afrikanische Wels, der Hering und der Karpfen. Für jede der Fischart gelten allerdings bestimmte Ausnahmen – so sollte etwa der Hering nicht aus dem Nordostatlantik stammen.

Gefährdet Die Liste der gefährdeten Fischarten ist lang. Sie reicht vom Aal über die Pilgermuschel bis zum Zander.

Ratgeber Die Plakat-Version des Greenpeace-Einkaufsratgebers findet man unter: https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/rz_gp_plakfschrgbr_a3_low.pdf

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