Die Erkenntnisse über die Erbanlagen sollen das Hundeleben erleichtern. Oder nervige Fragen nach der Rasse. Foto: Steve Przybilla

Stäbchen ins Maul, DNA-Probe einschicken: Gentests für Hunde sind einfach wie nie. Sie sollen Abstammungen und Krankheiten nachweisen. Doch wie zuverlässig sind sie? Und will man das Ergebnis wirklich wissen?

Der Schlüssel zum Hunde-Genom kommt per Post. In einem gepolsterten Briefumschlag liegen zwei Stäbchen, an deren Enden sich eine Bürste befindet. Mit diesem Werkzeug nehmen Frauchen oder Herrchen einen Abstrich der Mundschleimhaut: Maul auf, Stäbchen rein, Bürste zwischen Lefze und Kiefer führen.

 

Das Ganze erinnert an einen Coronatest mit einem ungeduldigen Patienten. 45 Sekunden soll man die Bürste im Hundemaul drehen – eine lange Zeit für einen Vierbeiner, der den Fremdkörper am liebsten zerbeißen würde.

Endlich geschafft! Stäbchen trocknen lassen, zurück in den Umschlag, ab ins Labor. Die Prozedur dient dazu, die Gene des Vierbeiners zu testen. Eine Handvoll Anbieter verkaufen in Europa solche Tests an Privatpersonen. Zur Auswahl stehen meist zwei Varianten: eine Rassebestimmung und ein Gesundheitscheck.

Bei der Rassebestimmung erhält man einen Stammbaum, der zeigt, welche Vorfahren im eigenen Liebling stecken sollen. Beim Gesundheitscheck untersucht das Labor, ob genetische Mutationen vorliegen, die das Risiko für bestimmte Krankheiten erhöhen. „Ob Krebs, Diabetes oder Übergewicht – Hunde leiden immer mehr unter den gleichen Zivilisationskrankheiten wie wir Menschen“, sagt Michael Geretschläger, Geschäftsführer der Feragen GmbH. Das Unternehmen aus Salzburg ist einer der großen Player auf dem Gebiet der Hunde-Gentests.

„Gerade junge Leute wollen alles über ihre Hunde wissen“, sagt Geretschläger. Das fange schon bei der Frage nach der Rasse an. „Manche machen den Test aus Jux und Tollerei, anderen geht die permanente Fragerei beim Gassigehen auf die Nerven.“ Auch für Züchterinnen und Züchter würden die Tests immer wichtiger: So könnten sie angeblich zweifelsfrei nachweisen, dass ihre Tiere gesund und reinrassig sind.

Beim Gesundheitscheck wiederum gehe es um Prävention: „Wenn ich weiß, dass mein Hund eine Prädisposition für eine Herzkrankheit hat, werde ich ihn nicht unbedingt zum Agility-Champion aufsteigen lassen“, sagt Geretschläger. „Wenn ich weiß, dass er Augenprobleme bekommt, werde ich vermeiden, im Winter ewig im Schnee zu gehen.“ Der Laborchef beteuert: „Wenn ein Hund einen Gendefekt hat, wird die Krankheit früher oder später auftreten.“ Wer darauf vorbereitet sei, könne dem Tier ein möglichst langes Hundeleben ermöglichen.

Ein naheliegender Wunsch. Doch stellt sich die Frage: Wie zuverlässig sind solche Prognosen? Gelten Geretschlägers Aussagen wirklich für jede Art von genetischer Mutation? Und was bedeutet es, wenn der Test ein Risiko feststellt? Wird mein Hund dann zwangsläufig erkranken?

In der Fachzeitschrift „Nature“ hat sich ein Team um die Bioethikerin Lisa Moses (Harvard Medical School) schon 2018 mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Ihr Urteil fällt vernichtend aus: „Haustier-Genetik muss unter Kontrolle gebracht werden“, heißt es in dem Aufsatz. Geschehe das nicht, würden Unternehmen von irreführenden, ungenauen Informationen profitieren, während „Hundebesitzer unnötig leiden“. Die befürchtete Gefahr: Menschen könnten ihre Haustiere falsch behandeln oder sogar „vorsorglich“ einschläfern lassen, um ihnen unnötige Leiden zu ersparen.

Denn die Vorhersagen seien nicht so genau, wie es die Anbieter glauben machen wollten. Zwar gebe es tatsächlich defekte Gene, die eine Krankheit auslösen könnten; ob sie aber wirklich ausbreche, sei unklar. „Einige Anbieter publizieren Fallstudien anhand einiger weniger Hunde – aber nichts in der Größenordnung, die für statistisch zuverlässige Ergebnisse nötig wäre“, monieren die Wissenschaftler.

Ist diese Einschätzung noch aktuell? „Ich weiß, dass es Fortschritte in der Test-Methodik gibt, aber wir haben immer noch keine Ahnung, wie die jeweiligen Firmen ihre Ergebnisse bekommen“, antwortet Lisa Moses. Es gebe auf diesem Feld weder Mindeststandards noch externe Kontrollen. „Als Tierärztin bin ich besorgt, dass Hundebesitzer die DNA-Ergebnisse als Gewissheiten ansehen und ihre Hunde unnötigen, teuren Tests aussetzen.“

Auf die Kritik beziehungsweise Problematik angesprochen, beteuert Feragen-Chef Geretschläger, dass sich die Technik in den vergangenen fünf Jahren deutlich weiterentwickelt habe. „Wir wissen heute sehr genau, welche Gene für welche Krankheiten verantwortlich sind. Aber natürlich gibt es unter 100 000 Hunden auch mal einen, der einen Gendefekt hat und trotzdem nicht krank wird.“

Forscher im deutschsprachigen Raum fällen denn auch ein milderes Urteil. „Die Tests sind schon sehr genau“, sagt Karin Weber, Molekularbiologin an der Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. In der Praxis könnten sie daher durchaus hilfreich sein. „Manche Collie-Rassen vertragen bestimmte Medikamente nicht“, erklärt Weber. „Das ist für Tierärzte natürlich gut zu wissen, bevor sie den Hund entwurmen.“

Auch Tosso Leeb, Direktor des Instituts für Genetik der Universität Bern, arbeitet mit Laboren zusammen, die Hunde-DNA untersuchen. „Natürlich sollte ich mir als privater Hundehalter überlegen, ob ich das Ergebnis wirklich wissen will“, mahnt er. „Andererseits spart man vielleicht Tausende von Euro an unnötiger Diagnostik, wenn klar ist, für welche Krankheit ein Hund anfällig ist.“

Und wie verhält es sich auf dem Gebiet der Rassebestimmung? Hier sind sich die befragten Fachleute einig, dass die Gentests recht genaue Ergebnisse liefern – zumindest, wenn nicht allzu viele Rassen involviert sind. Bei bunten Mischungen wie Straßenhunden sei die Bestimmung von jeher schwierig.

Der kanadische Fernsehsender CBC schickte Proben ein von denselben Hunden an vier verschiedene Test-Anbieter, um deren Rassen bestimmen zu lassen. Bei jedem Labor erhielten sie ein unterschiedliches Resultat. Ähnlich erging es dem US-Sender WBZ-TV, der zum Spaß auch eine DNA-Probe der Hundehalterin einschickte. Auch sie erhielt ein genaues Ergebnis ihrer vermeintlichen Abstammung: 28 Prozent Bulldogge, 40 Prozent Border Collie, 32 Prozent Cane Corso.