Bei öffentlichen Führungen gewährt die JVA Rottenburg ein Blick hinter die Mauern. Foto: Nowotny

Für viele ist das Leben in einer Justizvollzugsanstalt eine fremde Welt. Eine Welt, die man vielleicht aus Filmen oder Fernsehserien kennt. Einen Blick in diese Welt gewährt die Rottenburger JVA. Anlässlich des 200-jährigen Bestehens bietet sie öffentliche Führungen an. Wir waren dabei.

Wie sieht es hinter der hohen Mauer und den Stacheldrahtrollen aus? Wie fühlt es sich eigentlich an, in einer Zelle zu stehen? Und wer sitzt in Rottenburg in Haft?

 

Das zeigt die Rottenburger Justizvollzugsanstalt (JVA) aktuell bei öffentlichen Führungen. Eine der Führungen konnte unsere Redaktion miterleben.

Psychische Betreuung

Um die 30 Besucher stehen in der Besucherabteilung der JVA und hören gespannt den Einweisungen von Matthias Weckerle, Leiter der JVA Rottenburg, zu. Alle mussten zuvor ihre Personalausweise abgegeben und wurden vor dem Eintritt durchsucht. Handys, Kameras und Taschen mussten draußen bleiben.

30 Besucher durften die JVA von innen erleben. Foto: Nowotny/Nowotny

Gemeinsam mit Egwin Büchele, dem stellvertretenden Vollzugsdienstleiter, gibt Weckerle die ersten Infos rund um die JVA. „Aktuell sind hier 420 männliche Gefangene ab 20 Jahren. Die Männer können jede mögliche Straftat begangen haben “, erzählt Weckerle.

„Jeder der kommt, kommt erstmal ins Zugangsgebäude, die ersten Nächte ist keiner allein. Gerade die ersten Tage sind psychisch stark belastend. Auch die Suizidwahrscheinlichkeit ist in den ersten Nächten höher“, erklärt Büchele.

Er habe solche Fälle hier schon erlebt. Deswegen sei gerade in den ersten Tagen auch die psychologische Unterstützung wichtig. „Wir haben neben Sozialarbeitern und Psychologen auch verschiedene Seelsorger im Haus. Zudem gibt es eine Krankenabteilung mit Ärzten und Krankenpflegern“, erklärt Büchele.

Vom geschlossenen bis Wohngruppenvollzug

„Im Regelfall starten die Gefangenen in den Häusern eins oder zwei, das ist der klassische geschlossene Vollzug. Die Gefangenen sind hierbei überwiegend einzeln untergebracht und abgesehen von der Arbeitszeit oder während der „Abteilungsfreizeit“, in den Hafträumen eingeschlossen, insbesondere nachts“, sagt er weiter.

„Nach Bewährung in den geschlossenen Hafthäusern können die Gefangenen in den „Wohngruppenvollzug“ verlegt werden. Dort können sich die Gefangenen in der jeweiligen Wohngruppe (je circa 18 bis 20 Gefangene) auch nachts frei bewegen“, so der JVA-Leiter.

Drogen in der JVA

Die erste Station der Führung ist der Arbeitsbereich. Bei einem großen Acker innerhalb der Mauern erklärt der Leiter, dass Gefangene zur Arbeit verpflichtet seien. 20 Beschäftigungsbereiche gibt es in Rottenburg und auch der Hauptschulabschluss und eine Ausbildung sind möglich. Zudem gibt es Deutschkurse.

Angekommen in einer Halle voller Holzarbeiten, Malereien und anderen Kunstwerken: „Hier findet die Berufsorientierung statt. Die Häftlinge können ausprobieren, was ihnen liegt. Ebenso gibt es eine Beschäftigungstherapie“, so Weckerle. Während der Arbeitszeit werden die Häftlinge vom Werkdienst betreut. Dies sind besonders qualifizierte Handwerks- und Industriemeister.

„Durch die Arbeit wird den Gefangen ein Stück Freiheit gegeben, diese wird aber auch immer wieder missbraucht“, betont Büchele. Ein großes Thema spiele hierbei der Konsum von Drogen, „immer wieder kommen Häftlinge an verbotene Substanzen, jeder Süchtige versucht alles Mögliche, um an seine Droge zu kommen“, so Büchele.

50 Prozent sind Wiederholungstäter

Trotzdem sei die Arbeit ein wichtiger Teil der Tagesstruktur. „Viele fallen, wenn sie wieder draußen sind, in ein Loch. Da die Struktur fehlt und diese selbst aufzubauen schwerfällt. Deswegen versuchen wir einen strukturellen Ablauf zu vermitteln“, stellt Büchele da. Vieles gehe durch die Haft kaputt. „Der alte Arbeitsplatz ist oft weg oder die Männer hatten noch gar nicht gearbeitet. Aber auch der Sozialkontakt fehlt“, hebt Büchele hervor. Um die 50 Prozent der Häftlinge seien Wiederholungstäter.

„Die Gefangenen werden je nach Schwierigkeit ihrer Tätigkeit nach verschiedenen Lohnstufen bezahlt“, erklärt Weckerle. Die Stundenlöhne bewegten sich zwischen 1,19 und 2,65 Euro.

Dreisiebtel des Lohnes stehe den Gefangenen als „Hausgeld“ zur Verfügung. Davon können sie sich Produkte des täglichen Konsums kaufen oder auch TV-Geräte mieten und telefonieren. Viersiebtel des Lohns werde als „Überbrückungsgeld“ für die erste Zeit nach der Inhaftierung angespart.

Der Blick in die Zelle

Weiter geht es in den Gottesdienstraum der JVA. Hier finden Gottesdienste und auch das Friedensgebet statt. Der Raum befindet sich im Haus eins und ist mit einer Tür direkt mit den Hafträumen verbunden.

„Sie können sich jetzt eine Zelle anschauen, bitte laufen sie zügig durch und dann wieder zurück in den Gottesdienstraum“, heißt es von Weckerle. Es wird still, die Stimmung ist angespannt, als der JVA-Leiter die Tür zu den Hafträumen öffnet.

Es sieht aus wie in den Kinofilmen. Die Hafträume reihen sich auf mehreren Stöcken aneinander. Zwei Beamte nehmen die Besucher in Empfang und zeigen die acht bis zehn Quadratmeter große Zelle. Ein Bett, ein Tisch mit Stuhl, ein Schrank, ein Waschbecken und eine Toilette. An einer Wand ist Platz für Poster und Bilder. Nach dem kurzen Blick geht es wieder in den Gottesdienstraum. Einen Stock drunter laufen ein paar Häftlinge und schauen gespannt nach oben.

„Das war ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn man da die Klappen an den Türen sieht, als ob man im Krimi wäre“, beschreibt eine Besucherin ihre Gefühle nach dem Blick in die Zelle.

Um Fragen direkt zu den Zellen und den Gefangenen zu beantworten, ist der Leiter des Hauses eins dazugekommen. „Wie viel Gewalt herrscht unter den Häftlingen?“, fragt ein Besucher. „Gewalt können wir nicht verhindern, immer wieder kommt es zu Streitigkeiten unter den Häftlingen und auch uns Beamten gegenüber“, erklärt er.

Korruption bei Beamten?

Nach dem Besuch in Haus eins geht es in das Zugangsgebäude. Es riecht nach Zigaretten, wieder können sich die Besucher eine Zelle anschauen. Zwei Betten, zwei Schränke, die Sanitärräume befinden sich hier außerhalb der Zellen. „Es ist wirklich wie in einer anderen Welt“, raunt eine Besucherin ihrer Freundin zu.

Wieder draußen fragt eine Besucherin, wie es mit der Korruption der Beamten sei. „Auch die Beamten sind Teil der Gesellschaft und nicht alle halten sich an die Regeln. Einen Fall musste ich hier auch schon erleben“, so Büchele.

Zurück in der Besucherabteilung bedanken sich die Besucher für den spannenden Einblick. Nachdem jeder wieder seinen Personalausweis hat, geht es zurück nach draußen, in die Freiheit.

Termine der Führung

Führungen
Von März bis Oktober bietet die JVA Rottenburg die öffentlichen Führungen innerhalb der JVA an. Die aktuellen Termine sind bereits ausgebucht. Neue Termine wurden am Dienstag, 21. Mai, unter https://www.200jahrejvarottenburg.de/ bekannt gegeben.