„Wir müssen die Studierenden ernst nehmen, sie aber auch fordern“, sagt Thomas Schadt. Foto: Filmakademie Baden-Württemberg/Roland Mönch

Wie wirkt sich die neue Sensibilität im Umgang und in der Sprache auf die Hochschulen aus? Deutlich, sagt Thomas Schadt, Direktor der Ludwigsburger FiImakademie. Und wenn man sich eine Diversitäts-Charta auferlege, bediene man dieselben Klischees, die man eigentlich abschaffen möchte.

Stuttgart - In Sönke Wortmanns aktuellem Kinofilm „Contra“ bekommt ein Professor Ärger, weil er eine Studentin mit Migrationshintergrund beleidigt. In der aktuellen Netflix-Serie „Die Professorin“ interessieren sich Studierende weniger für den Roman „Moby Dick“ als dafür, wieso dessen Autor Herman Melville seine Frau geschlagen hat. Ein Gespräch über die Diskussionslage an einer realen Hochschule.

 

Herr Schadt, wie sehr müssen Sie heute aufpassen, was Sie sagen?

Vor 15 Jahren konnte ich frei Schnauze reden, heute kommt jede Formulierung auf die Goldwaage. Es geht es nicht nur darum, was ich sage, sondern auch darum, wie ich es sage. Ich muss sehr vorsichtig sein und weiß nie, ob ein Handy mitläuft. Alles wird ganz schnell öffentlich. Dabei glaube ich nach wie vor, dass die konstruktivsten Auseinandersetzungen diejenigen sind, in denen man frei reden kann, wie man denkt.

Wie hat die neue Sensibilität die Lehre verändert?

Gesellschaftsrelevante Themen standen immer um das Kernthema Film herum, jetzt rücken Gender, Rassismus, Diskriminierung, Diversität selbst ins Zentrum und nehmen immer größeren Raum ein. Die Studierenden führen mitunter sehr emotionale Streitgespräche. Diese Diskurse gilt es abzubilden und so anzulegen, dass die Studierenden sich entwickeln können. Wir müssen ihre Einwände ernst nehmen, sie aber auch fordern. Sonst kann man sie im Diskurs nicht ernst nehmen.

Wie meinen Sie das?

Wir bringen den Studierenden nicht nur bei, wie sie Filme machen, sondern wie sie in diesen Filmen Diskurse führen. Deshalb achten wir sehr auf die Qualität der Auseinandersetzung und versuchen, emotional aufgewühlte Durcheinanderdebatten zu vermeiden. Wenn sich jemand nicht mit sexistischen Inhalten beschäftigen möchte, muss ich das respektieren. Das hat ja Gründe, die kann man nicht einfach abtun. Auch wenn ich persönlich denke: Wenn du den Schritt nicht gehst, dich mit Inhalten auseinanderzusetzen, gegen die du dich wehrst, und das nicht analysierst, wirst du auch mit deinem Studium nicht weiterkommen. Wenn man das ausspricht, heißt es gleich: Alter weißer Mann! Besserwisser! Auch wenn man eine Geschmacksdebatte führt, ist es vorbei. Wir müssen den Diskurs versachlichen, analytische und intellektuelle Kriterien finden und Formate anbieten, innerhalb derer angstfrei gesprochen werden kann. Viele haben Angst auszusprechen, was sie nicht möchten. Deshalb empfinde ich diese Debatten oft als oberflächlich, weil so viel Angst im Spiel ist.

Was bedeutet all das für die Lehrenden?

Sie müssen gute Moderatoren sein. Wir brauchen jetzt auch Philologen und Sozialwissenschaftler, weil man diese Grundsatzdebatten gar nicht mehr filmspezifisch führen kann. Wir kooperieren zum Beispiel mit der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, die Filmethik anbietet.

Welche Fragen sind den Studierenden besonders wichtig?

Welche Filme wollen wir noch sehen und welche nicht? Müssen wir Werk und Künstler voneinander trennen oder in zwingender Verbindung sehen? Muss der Filmkanon neu geschrieben werden? Wie gehen wir mit Persönlichkeiten wie Woody Allen und Roman Polanski um? Darf man „Der letzte Tango in Paris“ noch zeigen? Das muss alles in ein komplett neues Licht gerückt, diskutiert und erörtert werden, was ich im Grundsatz auch richtig finde. Die Ungleichstellungen in der Filmbranche müssen aufhören, Produktionsfirmen müssen sich fragen, welche Klischee-Rollenbilder sie unter die Menschen bringen. Das ist alles zwingend notwendig und richtig.

Aber . . .?

Zum Teil bedenklich finde ich, wie wir die Debatte darüber führen, wohin uns das unter Umständen bringt im Denken und welche radikalen Forderungen dabei ins Spiel kommen. Das berührt die Freiheit der Kunst. Wenn man sich zum Beispiel eine Diversitäts-Charta auferlegt, kommt man in dieselben Klischees, die man abschaffen möchte. Die „colourblind“ besetzte Serie „Bridgerton“ halte ich für unverantwortlich, weil sie ein völlig falsches Geschichtsbild des viktorianischen England vermittelt.

Wie empfinden Sie es, dass viele Filmkünstler von gestern heute geächtet werden?

Ich bin in den späten 70ern sozialisiert, in meinem Filmstudium ging es natürlich auch um Allen, Polanski und Bertolucci. Ihre Filme haben meine Lust und Liebe am Kino geweckt. Dürfen wir nun über „Der letzte Tango in Paris“ nicht mehr diskutieren wegen der Vergewaltigungsszene? Müssen wir „Psycho“ wieder in der geschnittenen Kinofassung vom Anfang der 60er Jahre zeigen ohne die Duschszene, weil das eine gewalttätige sexistische Darstellung ist? Da kommen wir tatsächlich in eine Art Zensurdebatte. Und wenn ich das Wort „Zensur“ in den Mund nehme, sträubt sich alles in mir. Mich macht irre, wenn ich höre: Diese Bilder wollen wir nicht mehr sehen, mit diesen Inhalten wollen wir uns nicht auseinandersetzen. Museen sortieren inzwischen ihre Sammlungen neu, und da frage ich mich: Reden wir wieder über „entartete Kunst“?

Was hat sich da verändert?

Meine Generation war darauf aus, sich zu befreien aus dem zensierten Denken der 50er. Wir waren froh, als in den 60ern alles aufgebrochen ist. Deswegen fällt es mir schwer, einengenden Thesen zu folgen. Als ich jung, war, gab es kein Internet, kein Bildmaterial, keine Aufklärung. Wir sind ins Kino gegangen, um etwas mitzubekommen von Themen, zu denen uns niemand etwas erzählt hat. Die jungen Menschen heute werden permanent bombardiert, die haben mit 20 alles gesehen und deshalb oft den Wunsch, das wieder einzubremsen, als wollten sie sich reinigen. Wir waren hungrig – die aber sind übersättigt und haben große Sehnsucht nach Eindeutigkeit.

Was wird denn aus der Filmgeschichte, wenn eine ganze Generation Teile davon ablehnt?

Ich habe neulich die Russisch-Roulette-Szene aus dem Vietnamkriegs-Spielfilm „The Deer Hunter“ von 1978 gezeigt. 100 Studierende, niemand kannte den Film, die Reaktion war sehr heftig, auch abwehrend gegen die Form der Darstellung, obwohl alles erkennbar fiktional ist. Da erschrecke ich, wie wenig historisches Bewusstsein vorhanden ist. Der Film hat auf der Berlinale 1979 für einen Skandal gesorgt, die Russen sind erzürnt abgereist. Viele der heute Studierenden bewegen sich nur in der Zeit, in die sie hineingeboren wurden. Aus unserer Sicht ist es aber unabdingbar, sich für die Zeit und die Filme davor zu interessieren. Man kann sich ja keine Ahnung von dieser Welt verschaffen, ohne sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Und ich habe großen Ehrgeiz, Studierende über die Klippe zu bringen, sich mit etwas beschäftigen zu wollen. Beim „Deer Hunter“ habe ich auch schon erlebt, dass Leute total fasziniert waren und ihn gleich fünfmal angeschaut haben. Diese Filme haben ihre Wirkung ja nicht verloren.

Zur Person: Thomas Schadt

Leben
1957 in Nürnberg geboren. Nach dem Fotografielehre, 1980-83 Studium an der Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin. 1983 Gründung der Filmproduktionsfirma Odyssee-Film, seither Arbeiten als Dokumentarfilmer, Fotograf, Kameramann und Buchautor. 1999 Mitinitiator und seitdem Mitbetreuer der SWR Debüt-Reihe „Junger Dokumentarfilm“, die 2001 und 2002 für den Grimme-Preis nominiert wurde. Seit 2000 Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg im Studienfach Regie/Dokumentarfilm. Seit 2005 ist der der Direktor des Ludwigsburger Instituts.