Pohl (Christoph Maria Herbst) und Naima (Nilam Farooq) Foto: Constantin

Christoph Maria Herbst brilliert als unkorrekter Professor in Sönke Wortmanns Kinofilm „Contra“. Darin geht es um Vorurteile, Integrationsperspektiven und Bildungsarroganz.

Stuttgart - Naima (Nilam Farooq) ist entsetzt: Als sie ein paar Minuten zu spät zur Vorlesung erscheint, demütigt Professor Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) sie im vollen Hörsaal vor aller Augen mit despektierlichen Äußerungen über ihren Migrationshintergrund. Natürlich ist seine süffisante Tirade wenig später online – und ein Skandal. Der Präsident der Frankfurter Universität (Ernst Stötzner) fordert Buße: Um seine Professur zu retten, soll Pohl sich bei Naima entschuldigen und sie für den internationalen Debating-Wettbewerb coachen. Zähneknirschend willigt er ein, doch Naima hat zunächst gar keine Lust, mit dem aufgeblasenen Chauvinisten auch nur eine Minute zu verbringen.

 

Der französische Film „Die brillante Mademoiselle Neïla“ (2017) diente dem Regisseur Sönke Wortmann als Vorlage für „Contra“, der Drehbuchautor Doron Wisotzky hat den Stoff mit einem starken deutschen Fokus und neuen Wendungen versehen. Seine wichtigste Zutat sind starke Dialoge, in denen Naima und Pohl um gesellschaftliche Grundfragen ringen: Wie ist es bestellt um Integrationsperspektiven und Aufstiegschancen? Welche Rolle spielen dabei wohlsituierte Bürger, die in wohlgewählten Worten das Gift von Vorurteilen in die Köpfe pflanzen und ihren Bildungsvorsprung mit unverhohlener Arroganz vor sich hertragen wie einen Freibrief für Überheblichkeit?

Herbst rezitiert „Faust“ vor der Frankfurter Oper

Von Christoph Maria Herbst (55) weiß das Publikum spätestens seit der schwarzhumorigen Sitcom „Stromberg“ (2004–2012), dass ihm auch schwierigste Sätze ganz leicht über die Lippen gehen und dass er über ein gutes komödiantisches Timing verfügt. Als Pohl nun übertrifft er sich selbst und versprüht wie selbstverständlich ausgeklügelt formulierte Spitzen, Pointen und Gemeinheiten.

Es gelingt ihm sogar ganz hervorragend, auf den Stufen der Frankfurter Oper eine Passage aus Goethes „Faust“ zu rezitieren – so einnehmend und ausdrucksstark, dass sicher auch im richtigen Leben Passanten staunend stehen bleiben würden. Zum Glück ist dieser Pohl keineswegs ein eindimensionaler Fiesling wie Stromberg, sondern ein Mann mit traumatischer Vergangenheit, der sich zum Menschen wandeln kann – und auch das nimmt man Herbst ab.

Als Gegenüber hat Wortmann Nilam Farooq (32) verpflichtet, die in Berlin als Kind eines pakistanischen Vaters und einer polnischen Mutter geboren wurde. Von 2013 bis 2019 war sie in „Soko Leipzig“ zu sehen, im Kino unter anderem in dem Youtuber-Horrorfilm „Heilstätten“ (2018). Nun meistert sie die nicht einfache Rolle der marokkanischstämmigen Naima, die sich gegen alle Widrigkeiten herausarbeitet aus prekären Verhältnissen – und von einer intelligenten, aber wenig weltgewandten jungen Frau zu einer wird, die ihre Fähigkeiten entwickelt und einzusetzen lernt.

Er fordert sie – und verrät ihr seine besten Tricks

Der Lehrer und seine Schülerin umkreisen einander, nähern sich einander an, lernen einander schließlich schätzen. Dabei macht es Pohl Naima nie leicht, er fordert sie gewaltig – und verrät ihr dafür seine besten Tricks und Kniffe. Entgegen seiner Erwartung behauptet sich Naima in der anspruchsvollen, extrem wettbewerbsorientierten Disziplin des Debatings. Sie punktet unter anderem mit einem Beitrag zum Islam in Deutschland, der rhetorisch so klug aufgebaut und sauber durchargumentiert ist, dass er als exemplarische Blaupause für jede politische Diskussionsrunde dienen könnte. Wisotzky hat das auf den Punkt geschrieben, Wortmann auf den Punkt inszeniert.

Je mehr Fortschritte Naima macht, desto weiter entfernt sie sich zwangsläufig von ihrer bisherigen Lebensrealität im multikulturellen Kiez, den viele Biodeutsche nur vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen kennen. Naimas bester Freund Mo (Hassan Akkouch), der Taxi fährt und sie heimlich liebt, fürchtet, sie zu verlieren. Wortmann zeigt einfühlsam die Beziehungen in einem Milieu, in dem ein großes Potenzial schlummert, in dem junge Bildungsinländerinnen aber um ihre Einbürgerung bangen und die, die Deutsche werden dürfen, „Kartoffelpartys“ feiern. Zu viele Menschen leben dort in zu kleinen Wohnungen, es fehlen positive Vaterfiguren, große Geschwister müssen sich um die kleinen kümmern, Bewerbungen werden abgelehnt allein wegen eines Nachnamens, Illegales wird zur Perspektive.

Ein Plädoyer für differenziertes Denken

Wortmann und Wisotzky spielen die Milieus nie gegeneinander aus, sie suchen Brücken zwischen elitärer Akademikerkultur und migrantischer Plattenbau-Realität. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten in unübersichtlichen Zeiten kontern sie, indem sie für universelle Geistesbildung und differenziertes Denken plädieren, vor allem für deren leidenschaftliche Vermittlung in alle Gesellschaftsschichten hinein. Da ist Idealismus im Spiel, „Contra“ trägt durchaus romantische Züge – und wirkt gerade deshalb wohltuend in der gegenwärtigen Debattenkultur des Halbwissens und der Vorurteile.

Contra. D 2019. Regie: Sönke Wortmann. Mit Christoph Maria Herbst, Nilam Farrooq. 104 Minuten. Ab 12 Jahren.