Udo Schäfer bietet donnerstags in Sulgen Pilz- und Pflanzenexkursionen an. Foto: Riesterer

Pilz-Experte Udo Schäfer vermittelt wöchentlich in wenigen Stunden Unmengen an Wissen – das kann man immer gebrauchen, denn "in d’ Pilz zu gehen", das liegt im Trend. Noch dazu gibt es viele schöne Anekdoten und eine gute Portion frische Luft.

Schramberg-Sulgen - Nur ein Mal hatte Udo Schäfer nicht sofort die Antwort parat: "Vielleicht, weil es dieses Jahr so viel geregnet hat. Dann hat sich rumgesprochen, dass es überall Pfifferlinge gibt und das Thema war präsent", lautet seine Erklärung, warum seine mit der Stadt Schramberg donnerstags in der Nähe des Beschenhofs in Sulgen angebotenen Pilzexkursionen 2021 so stark nachgefragt werden, gar teils ausgebucht sind.

 

In der Hinsicht des Interesses ist es ein "gutes" Pilzjahr. Pauschal oder bezogen auf einzelne Arten könne man das aber nicht sagen: 2020 etwa "kamen die Sommer-Steinpilze erst Ende Oktober, weil es so lange nicht geregnet hatte – die gibt es für gewöhnlich schon viel früher". Und einen "besonderen Bad Boy" gebe es 2021 in Mengen wie kaum einmal zuvor.

So viel sei gesagt: Es ist unmöglich, sich alles zu merken, was aus Schäfer in den Runden entlang der Trimm-dich-Pfad-Wege an Wissens- und Unterhaltungswertem heraussprudelt. "Also mir platzt bald der Kopf", drückt es ein Teilnehmer aus der Ortenau, der mit seiner Frau und zwölfjährigen Tochter "einfach mal aus Interesse" dabei ist, scherzhaft aus. Er betont aber: "Es ist wirklich super spannend." Denn egal, was in dem Wald, in dem Schäfer seit 40 Jahren unterwegs ist, dahergetragen wird: Der 78-jährige geprüfte Pilzsachverständige wird es bestimmen.

Und das läuft immer gleich: Man prüfe unter anderem Farbe, Form des Huts, Größe, Geruch – hat der Stiel ein Muster? Steht der Pilz am Waldboden, welche Bäume sind in der Nähe? Sind da Lamellen oder Röhren? Sind die Lamellen starr oder elastisch? Schritt für Schritt kommt man so dem Streifling, Röhrling, Risspilz oder Krempling (da hat der Hut – wer ahnt’s – eine Krempe) näher, den der Betrachter in der Hand hält.

Graben, nicht schneiden

Pilze zur Bestimmung am Stiel abzuschneiden ist übrigens falsch: "Mit dem Messer ausgraben", rät Schäfer, denn der bekannte giftige grüne Knollenblätterpilz (ein Wülstling) etwa ist auch an eben jener zu erkennen. Ist ein solcher Knollenpilz hingegen cremefarben und mit grauen Hüllresten und verletzte Stellen färben sich rot – dann ist es ein essbarer Perlpilz. "Da sind aber viele verständlicherweise zögerlich beim Mitnehmen", sagt Schäfer. Karottenrot ist derweil auch ein gutes Zeichen bei den Milchlingen, die bei einer Gewebeverletzung eine milchartige Substanz aussondern: "Dann ist es eine der heimischen fünf Arten der Reizker – alle essbar."

Generell rät Schäfer jenen, die die heimische Küche um einen "neuen" Pilz erweitern möchten: "Lassen Sie ihn sich lieber mehrfach von einem Experten zeigen und erklären. Die Gefahr durch ›Doppelgänger‹, die zum Beispiel nur anders riechen, ist immer da."

Auch wenn die Teilnehmer sich nicht alles merken können, eines ist Schäfer zumindest 2021 wichtig: "Wir werden sicher einen tödlich giftigen Pilz finden", kündigt er besagten "Bad Boy" an, der direkt vor unserer Haustüre wächst und von dem kleinste Mengen die gesamte Exkursionsgruppe töten könnten: der Orangefuchsige Raukopf. "Allein die beiden Haufen hier sind mehr Exemplare, als ich in den vergangenen zehn Jahren gesehen habe", sagt er.

Berührung nicht giftig

Durch Berühren allein kann man sich zwar keine Pilzvergiftung holen, dennoch müsse die komplette bisherige "Beute" entsorgt werden, falls sich doch ein Giftpilz dazugemogelt hat. Viel häufiger sei aber ein anderer Fehler: "Neun von zehn Vergiftungen stammen nicht von Giftpilzen, sondern Lebensmittelvergiftungen, weil Speisepilze nicht mehr gut waren", weiß der Experte. Wird der Pilz zu alt oder ist schimmlig – weg damit.

Vor einiger Zeit war unser Videoteam mit dem Pilzexperten Thomas Herrmann aus Freudenstadt auf Streifzug durch den Wald. Seine Tipps gibt es im Video:

"Ah, da haben wir einen Anfängersteinpilz", freut sich der Sulgener. Er sieht aus wie ein Steinpilz – hat aber rosa Röhren und ein schwarzes Netz überm Stiel. "Steinpilze haben weiße Röhren und ein weißes Netz", sagt aber Schäfer. Die Teilnehmerin hat einen Gallenröhrling in der Hand. Der gelernte Maschinenbau- und Elektrotechniker hatte einst als Anfänger den gleichen Bestimmungsfehler gemacht – es war der Moment, an dem er die Leidenschaft für das Metier entdeckte. In den Raum Schramberg ist der Rheinländer 1971 von Düsseldorf ursprünglich aus beruflichen Gründen gezogen. "Ich habe mich sofort wohlgefühlt hier."

Nicht nur Pilze sind bei Führung Thema

Und nicht nur Pilze sind Thema: Schäfer zeigt Orchideenarten, verschenkt "Hexenkraut" und verspricht der jüngsten Teilnehmerin: "Ich erklär’ dir jetzt was, das du niemals vergisst." Einst, bevor es Matratzen gab, hätten Menschen, die auf Stroh und Heu schliefen, unter Läusen gelitten. "Das Moos hier", deutet er auf einen grünen Ring um einen Baum, "war besser. Denn es trocknete schnell und konnte dann – ohne Läuse – monatelang als Matratze benutzt werden." Warum? "Moos hat keine Fressfeinde, weil es keine Nährstoffe hat." Deshalb sei dieses Moos bekannt als Schlafmoos.

Wenn gerade kein Pilz zum Bestimmen gereicht wird, erklärt Schäfer Allgemeines: Das, was wir sehen, ist nur die Frucht wie der Apfel. Der Pilz selbst ist das Netzwerk feinster Fäden darunter, die Myzelien. Pilze können als "Aufräumer", weil Zersetzer organischen Materials, auftreten ("Ohne sie würde der Wald im eigenen Abfall ersticken"). Ebenso in einer Symbiose mit Bäumen beziehungsweise deren Wurzeln, oder – "Das gibt’s bei Menschen leider auch" – als Parasiten. Egal in welcher Form, sie sind ihre Art Lebewesen: "Pilze sind keine Pflanzen. Sie haben ein eigenes Reich", sagt Schäfer. Und es lohnt sich, in dieses mit ihm einzutauchen.