Geschichte zu vergessen, kann lebensgefährlich sein – das lehrt uns eine Rede am 20. Juli in Albstadt. Denen nachzulaufen, die keine Lösungen, aber ein großes Mundwerk haben, hat noch nie etwas gebracht, meint die Kolumnistin.
Genau das ist das Problem mit Geschichtsunterricht: Viele – zu viele – meinen, sie müssten darin Fakten-Wissen über die Vergangenheit pauken. Eine Vergangenheit, die sie nicht mehr betrifft, nichts angeht. Die Rede von Timm Kern bei der Gedenkfeier in Lautlingen hat das eindrucksvoll gezeigt.
Noch eindrucksvoller aber hat der promovierte Politikwissenschaftler, Historiker und Theologe aber gezeigt, dass mündige Bürger sich nicht nur in „Zeiten von Gewalt und Krieg“ wie diesen des Werts von Menschenrechten und Demokratie bewusst sein sollten.
Timm Kern: „Den Blick der Jugend schärfen“
Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter vom 20. Juli 1944 hätten mit ihrem Versuch, das Nazi-Regime zu stürzen, vor allem Verantwortungsbewusstsein bewiesen. Kerns Zitat von Bundespräsident Roman Herzog bei der Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Berlin 1996 passte perfekt dazu: „Das Allerwichtigste ist es, den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus in den Anfängen erkennt.“
Vor allem anderen komme es auf rechtzeitige Gegenwehr an, so Herzog damals. „Die Erfahrung der NS-Zeit verlangt von uns und allen künftigen Generationen, nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt.“
Kerns Schlussfolgerung daraus ist ebenso bemerkenswert wie Herzogs Zitat: „Ob künftige Generationen ihr Leben in Freiheit, Friede, Wohlstand und Demokratie genießen können, wird in allererster Linie davon abhängen, ob es uns gelingt, bei der Jugend den Blick für die aktuelle politische Situation zu schärfen und kommende Gefahren zu identifizieren.“
Probleme lassen sich nicht durch altes Vokabular lösen
Die aktuelle politische Situation – das ist die Lage in einem Deutschland, in dem sich manche Bürger abgehängt fühlen und noch mehr Bürger die Nase voll haben von Veränderungen, die Krieg und Klima-Krise bringen, und von den Konsequenzen, die sie daraus ziehen sollen: sparen, verzichten, teilen, anpassen.
Allzu schnell wenden da manche den Hals und folgen einer Partei, welche die Klima-Krise leugnet – wie blind kann man eigentlich sein? – und sich gegen solche Anpassungen stemmt – nicht selten mit einem Vokabular, das wir in diesem Land schon mal gehört haben. Ob die Klima-Katastrophe sich dadurch abwenden lässt? Ebenso wenig wie die Taten eines Kriegstreibers, der – alter Großmachtssucht folgend – Tod, Not und Zerstörung über seine Nachbarn bringt.
Die Segel müssen anders gesetzt werden
„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ – es soll der griechische Philosoph Aristoteles gewesen sein, der das gesagt hat, was heute noch gilt. Aus geschichtsvergessener Protesthaltung heraus denen zu folgen, die keine besseren Rezepte, aber das größere Mundwerk haben, hat noch nie etwas gebracht – das war zu Zeiten der ausgehenden Weimarer Republik so und ist bis heute so geblieben. „Wehret den Anfängen“ heißt es seither, doch immer weniger Menschen wollen das hören.
Geschichte ist nicht mehr modern, das alte Zeug! Lieber lenken wir uns durch Instagram-Stories und Youtube-Videos davon ab, dass für 110 Millionen Menschen, die derzeit weltweit vor Diktatoren, Sittenpolizei, Gewalt, Krieg, Naturkatastrophen und Hunger auf der Flucht sind, gerade ihre eigene Welt untergeht.
Fazit: Zugang zur Geschichte durch lokale Ereignisse finden
„Die politische, historische und religiöse Bildung an unseren Schulen muss deutlich gestärkt werden“, lautet daher die Forderung des Politikers Timm Kern. Am besten mit Hilfe von Geschichtslehren wie ihm, der es geschafft hat, seinen Schülern den Zugang zur Geschichte durch lokale Ereignisse zu öffnen. Hand aufs Herz: Wer von uns hätte lieber den einstigen Geschichtslehrer namens Björn Höcke gehabt, der – juristisch bestätigt – als rechtsextrem bezeichnet werden darf? Und wo kämen wir dann hin?