Der Ebinger Kammerchor und seine engagierte Leiterin Brigitte Wendeberg haben in der Pauluskirche in Tailfingen Perlen des Chorgesangs zum Leben erweckt. Foto: Ulrike Zimmermann

Mit einer erstklassigen Leistung und unglaublicher Klangfülle hat der Kammerchor Ebingen unter der Leitung von Brigitte Wendeberg seine Zuhörer in der Pauluskirche in das Reich von Leben und Tod entführt. Das Publikum war gebannt und begeistert.

Im Herbst 1977 hatte Brigitte Wendeberg, damals Kantorin der Ebinger Martinskirche, den „Kammerchor Ebingen“ aus der Taufe gehoben. Damals wie heute nehmen etliche Sänger eine weite Reise in Kauf, um sich zweimal jährlich zu den Probenwochenenden zu treffen, denen in aller Regel an einem weiteren Wochenende jeweils zwei Konzerte folgen. Nach dem Konzert am 26. März gab der Chor das zweite Konzert in der Pauluskirche in Tailfingen.

 

Es gehört wohl zu den besonderen Eigenheiten christlicher Musiktradition, dass sich die reizvollsten Früchte ihrer Gesangsliteratur oft um Tod, Leid und Erlösung drehen.

Auffallende Klangfülle zieht sich durch alle Dynamikbereiche

Ausgewählt hatte Brigitte Wendeberg europäische Chormusik aus drei Jahrhunderten; wunderschöne Stücke mit auffallender Klangfülle durch alle Dynamikbereiche. Die Vertonung von Bibeltexten reizte Komponisten zu allen Zeiten und so war es kein Wunder, dass die 36 Sängerinnen und Sänger – passend zum Novembermonat – den Nöten der menschlichen Seele, der Vergänglichkeit und dem Tod nachspürten. Dabei schaffte der Kammerchor eine Atmosphäre solcher Dichte, dass sie die Zuhörer vom ersten Ton bis zum letzten gefangen nahm.

Leichte Kost war das nicht: Beginnend mit dem geistlichen Lied von Johann Sebastian Bach „Komm, süsser Tod“ über Jehan Alains (1911-1940) „Messe de Requiem“ bis hin zu „Immortal Bach“ (Unsterblicher Bach) des Norwegers Knut Nystedt (1915-2014) spannte sich der Bogen vom Wunsch auf Erlösung vom irdischen Leid bis zum Glück der seligen Ruh’.

Kaum ein Komponist hat sich so intensiv mit einer Gattung auseinandergesetzt wie Heinrich Schütz (1585-1672) mit geistlicher Chormusik. Seine Motetten sind von melancholischer, schwermütiger Schönheit und klarer Klangsprache. Aber auch bei Gottfried August Homilius (1714-1785) verbinden sich eingängige Melodien mit einer klaren Aussage. Aus der Motette „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“ spricht Hoffnung und Zuversicht, dass alle Tränen zu einer Quelle des Glücks und des Friedens werden können.

Die Qualitäten der Sängerinnen und Sänger und ihrer mitreißend dirigierenden Chorleiterin kamen auch in den englischen Kompositionen „O Jonathan“ und „When David heard“ von Thomas Weelkes (1576-1623) voll zum Tragen. Glasklar schwebten die Stimmen mit beeindruckendem Gleichklang durch das Kirchenschiff und besangen in „O Jonathan“ eine Männerliebe zwischen Königssohn Jonathan und dem einfachen Schafhirten David, die nicht sein durfte, und mit dem Tod Jonathans auf dem Schlachtfeld endet. Davids Klagelied ging tief unter die Haut.

Immer wieder gelingt es Brigitte Wendeberg, seltenen zu hörenden musikalischen Schätzen neues Leben einzuhauchen. Ein solch beeindruckendes experimentelles Klangwerk ist der vielstimmige Chorsatz des ersten Satzes von „Komm, süsser Tod“ von Johann Sebastian Bach in einer zeitgenössischen Bearbeitung von Knut Nystedt aus dem Jahr 1988.

Dazu verteilten sich die Sängerinnen und Sänger in fünf Gruppen in der ganzen Kirche. Nur drei Minuten lang wurde das Lied im individuellen Tempo gesungen, überlagert sich dabei teilweise, um dann – immer leiser werdend – vereint ganz leise auszuklingen.

Wie gefesselt blieben die Zuhörer schweigend sitzen. Kein Laut war zu hören, bis der Beifall aufbrauste, zu dem das begeisterte Publikum aufstand.