Von Kiel über die Färöer nach Island, Grönland und letztlich nach Kanada: Eine Dornstetterin verbringt die Pause bis zu ihrem Masterstudium mit Forschungsarbeiten im Polarmeer.
Dornstetten - Franziska Zepf aus Aach ist auf Forschungsfahrt mit Polarforscher Arved Fuchs. Per Telefon und Internet berichtet sie über ihre Aufgaben auf dem Expeditionsschiff "Dagmar Aaen".
Wie sieht denn Ihr Tagesablauf bei der "Ocean Change"-Expedition aus.
Wir sind am 17. Juni in Kiel gestartet und über die Färöer-Inseln nach Island gesegelt. Nun geht es weiter über Grönland zu Baffin Island und nach Labrador. Geplant ist, dass wir Ende September in Lunenburg, Kanada, ankommen, wo die "Dagmar Aaen" überwintern wird. Meine Aufgabe bestand bisher darin, für die Mannschaft zu kochen, zudem bin ich für die Farbbestimmung des Wassers verantwortlich. Aber bleiben wir mal beim Kochen. Auf dem Schiff kann man im Prinzip alles kochen. Aufläufe kommen bei der Mannschaft immer gut an, aber auch Risotto oder Nudelsalat. Bei hohem Seegang oder wenn nicht viel Zeit ist, fällt das Kochen aber auch mal aus, dann gibt es an Bord lediglich Trockenmahlzeiten. Bei unserem nächsten Halt kommt dann Elisa an Bord, die war schon öfter dabei und übernimmt dann die Kombüse.
Steht auch viel Fisch auf dem Speiseplan? Gibt es eine Angel an Bord?
Nein, Fische fangen wir unterwegs keine. Wir hatten auch zwischen Dänemark und den Färöern viel See, da denkt keiner mehr ans Angeln. Im Hafen decken wir uns mit Lebensmitteln für die nächsten Etappe ein, auch mal mit frischem Fisch. Das Highlight bei der Ankunft im Hafen ist aber die Dusche und die Waschmaschine.
Was gehört noch zu Ihren Aufgaben an Bord?
Arved hat mir die Aufgabe übertragen, einmal am Tag per Bild und App die Farbe des Wassers und damit auch dessen Klarheit zu bestimmen, alle zwei bis drei Tage zusätzlich mit der Farbtafel. Dazu kommen natürlich die Wachen an Bord. Jeder muss jeden Tag zweimal eine vierstündige Wache übernehmen. Alle Wachen sind doppelt besetzt. Der Smutje, also der Schiffskoch, ist theoretisch wachfrei, ich mache aber trotzdem mit.
Was macht die Wache? Piraten gibt es im Nordmeer glücklicherweise keine.
Wenn nicht auf Autopilot gefahren wird, übernimmt die Wache das Steuer oder setzt bei Bedarf die Segel. Fortlaufend muss die Wache auf Hindernisse achten, auf andere Schiffe, manchmal ist auch das GPS-Signal kurz weg. Der Autopilot muss im Auge behalten werden. Zudem führt die Wache das Logbuch. Und wenn die Maschine läuft, muss sie alle zwei Stunden abgeschmiert werden.
Eine Polarexpedition ist keine alltägliche Aufgabe für eine junge Frau aus dem Schwarzwald. Wie kamen Sie dazu?
Das hatte mehrere Gründe. Mich hat einerseits der Hintergrund der Expedition gereizt, die Beschäftigung mit dem Golfstrom. Ich habe ja Geowissenschaft studiert, da ist es mir ein Anliegen, den Klimaschutz in die Öffentlichkeit zu tragen. Dazu kommt aber auch die Freude am Abenteuer. Und die Tatsache, dass ich hier extrem viel lernen kann. Meine Erwartungen haben sich bereits jetzt mehr als erfüllt, nicht nur was das Segeln anbelangt. Ich habe auch viel über Social-Media-Arbeit gelernt, oder wie man auf engstem Raum lebt oder für eine große Gruppe kocht. Dann das Segeln: Wir segeln, sofern es geht. Ich bin ja ohne Erfahrung eingestiegen, einige Manöver habe ich bereits gelernt. Segelmanöver werden oft mit allen gemacht, da braucht man jede Hand. Jeden Tag kommt irgend etwas Neues dazu. Dazu kommen die vielen neuen Kontakte. Hier in Husavik hat Arved viele Freunde, die haben uns eingeladen. Gestern war ich mit auf einer Whale-Watching Tour, wir haben viele Delfine und Grind- und Buckelwale gesehen. Es war gigantisch, der Wahnsinn.
Hatten sie Sorge wegen der Seekrankheit?
Es geht mir an Bord und an Land unfassbar gut. Anfangs hatten wir viel Nebel, teilweise war das Wasser wärmer als die Luft. Inzwischen ist das Wetter hier in Island unfassbar gut. Wir haben hier Hochsommer mit Sonnenschein, haben kurze Hosen und T-Shirts an. Gerade sitze ich vor den schneebedeckten Bergen Husaviks in der Sonne. Und seekrank war ich nur drei Tage. Es war nicht so schlimm, ich konnte noch kochen und zur Wache gehen, und seither ist alles gut.
Gibt es an Bord Freizeit und was macht man dann?
Freizeit gibt es schon mal, aber jeder hat zu anderen Zeiten frei, wegen der Wache. Nur an Land können mal alle zusammen was unternehmen. Was wir an Bord machen, kommt auf den Seegang an, manchmal Spiele…
Wann kommen Sie wieder nach Dornstetten?
Vermutlich kommen wir Ende September in Kanada an, danach geht es für mich ziemlich direkt nach Deutschland, Mitte Oktober beginnt ja mein Studium an der Uni Hohenheim. Sobald es geht, werde ich dann meiner alten Heimat und vor allem auch meiner alten Pfadfindersippe einen Besuch abstatten. Wenn möglich, möchte ich auch beim VCP Dornstetten an der Königskanzel wieder Gruppenstunden übernehmen. Dort wurde ich auch so nett verabschiedet.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ab Oktober werde ich an der Uni Hohenheim den Masterstudiengang "Earth and Climate System Sciences" belegen. Und was die "Dagmar Aaen" anbelangt: Die überwintert in Kanada und sticht nächstes Jahr wieder in See. Ob ich wieder mitfahre, weiß ich jetzt noch nicht. Eher ja, bis jetzt gibt es keinen Grund, weshalb ich das nicht noch mal machen würde.
Zur Person Arved Fuchs
Arved Fuchs ist Polarforscher, Buchautor und Umweltaktivist, der zu Fuß, mit Hundeschlitten und mit Expeditionsschiffen die Polargebiete erforscht. Mit Reinhold Messner marschierte er 1989 zum Südpol, im selben Jahr erreichte er – ebenfalls zu Fuß – den Nordpol. Seither verlegte er den Schwerpunkt seiner Forschung aufs Wasser. Dafür baute er den ehemaligen Haikutter "Dagmar Aaen" zum eisgängigen Expeditionsschiff um.
Derzeit erforscht er mit seiner Crew für das Umweltprojekt "Ocean Change" in arktischen Gewässern die Auswirkungen des Klimawandels auf die Meeresfauna und -flora.
Bei der aktuellen Fahrt untersucht er Veränderungen in den polaren Ausläufern des Golfstroms.
Zur Person Franziska Zepf
Franziska Zepf aus Dornstetten lernte Arved Fuchs vor einem halben Jahr über einen gemeinsamen Bekannten kennen. Sie hat im März 2021 das Bachelorstudium in Geowissenschaften an der Universität Tübingen abgeschlossen. Nun nutzt sie die Zeit bis zum Beginn ihres Masterstudiums im Herbst, sich der Forschungsexpedition anzuschließen.
Zepf bildet mit Arved und Brigitte Fuchs das Kernteam, das die ganze Fahrt von Flensburg bis Kanada mitmacht. Alle anderen Teilnehmer der meist zehnköpfigen Crew fahren lediglich auf Teiletappen mit. Zwischen Island und Grönland begleitete zudem zwei Wochen lang ein ZDF-Team die Expedition. Aktuelle Informationen von der "Dagmar Aaen" gibt es unter beluga.geomar.de/ocean-change-2021 oder bei www.arved-fuchs.de.