Der „Große Kurfürst“ 1675 bei Fehrbellin Foto: imago/imagebroker

Mit dem Sieg über Schweden bei Fehrbellin legt Friedrich Wilhelm 1675 den Grundstein für den Aufstieg Preußens zur Großmacht. Den Beinamen „Großer Kurfürst“ verdient er sich aber vor allem jenseits des Schlachtfelds.

Er ist der einzige Herrscher der europäischen Neuzeit, der, ohne König zu sein, als Großer bezeichnet wird: Friedrich Wilhelm, am 16. Februar 1620 in der Hohenzollern-Residenz zu Cölln an der Spree geboren, schuf als Kurfürst von Brandenburg und Herzog von Preußen ein schlagkräftiges Heer und eine zentrale Verwaltung – und legte so den Grundstein für den Aufstieg Brandenburg-Preußens zur Großmacht. Den Beinamen „Großer Kurfürst“ bekam er wegen seines Sieges über die Schweden bei Fehrbellin 1675. Aber seine Größe lag nicht allein im Militärischen.

 

Der Hohenzollernprinz erlebte eine turbulente Kindheit. Als der Dreißigjährige Krieg anno 1627 seinen unheilvollen Schatten über das Kurfürstentum Brandenburg legte, ließen seine besorgten Eltern den Siebenjährigen zuerst in die Festungsstadt Küstrin, 1634 dann nach Holland bringen.

Flucht ins holländische Exil

Am eigenen Leib zu erfahren, vor auswärtigen Mächten außer Landes fliehen zu müssen, konnte Friedrich Wilhelm zeitlebens nie vergessen. Prägend waren für ihn auch die Jahre im holländischen Exil. Dort lernte er Weltoffenheit, Staats- und Heeresorganisation sowie eine florierende Wirtschaft kennen. Die Niederlande sollten das Leitbild sein, nach dem der Kurfürst sein eigenes Land zu gestalten trachtete.

Nach seiner Rückkehr 1638 fand der Prinz einen kränkelnden Vater und ein darniederliegendes Land vor, das von schwedischen, dänischen und kaiserlichen Truppen heimgesucht worden war. Als zwei Jahre später sein Vater starb, übernahm der 20-Jährige die Regierung unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen.

Spielball fremder Mächte

Das Kurfürstentum hatte im Krieg schwer gelitten. Zwei Drittel der Bevölkerung waren umgekommen, weite Landstriche verwüstet. Hinzu kam, dass sein Land kein zusammenhängender Flächenstaat war, sondern ein von Maas bis Memel verstreuter Flickenteppich, bestehend aus Kurbrandenburg, dem Herzogtum Preußen und den niederrheinischen Gebieten Kleve, Mark und Ravensberg.

Im Dreißigjährigen Krieg war sein Land den Großmächten schutzlos ausgeliefert. Die Schlussfolgerung, die Friedrich Wilhelm daraus zog, war unmissverständlich: Brandenburg sollte nicht noch einmal das „Theatrum“ sein, „darauf man die Tragödie spiele“.

Ein stehendes Heer für Preußen

Nur ein schlagkräftiges Heer könne verhindern, dass sein Land abermals zum Spielball fremder Mächte werde. Und dieses habe „über den Krieg hinaus zu stehen bleiben“, und sollte nicht mehr aus Söldnern bestehen, sondern aus Berufssoldaten. Umfasste die brandenburgische Armee 1641 rund 3000 Mann, standen 1688, im Todesjahr des Kurfürsten, 30 000 Soldaten fest unter Waffen.

Um deren Unterhalt finanzieren zu können, musste der Kurfürst auf sämtliche Ressourcen seines Staates zurückgreifen können. Das ging aber nur mit einer zentral gelenkten Verwaltung und einer Stärkung der landesherrlichen Autorität in allen Landesteilen.

Kampf gegen die Eliten

Friedrich Wilhelm, der seine Länder als „Glieder eines Hauptes“ betrachtete, strebte mit großem Eifer danach, die einzelnen Territorien seines zersplitterten Staates miteinander zu verbinden. Kein leichtes Unterfangen, zumal diese ein reges Eigenleben führten. Vor allem die Landstände, die regionalen Eliten, wehrten sich erbittert gegen die Erhebung von Steuern, bei der sie traditionell ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hatten.

In zähen Verhandlungen gelang es Friedrich Wilhelm, die ständischen Vertretungen zu Zahlungen für den Aufbau und Unterhalt des Heeres zu bewegen. Kriegskommissariate erhoben und verwalteten fortan Steuern, ohne dass die Stände Einfluss darauf hatten. Mithilfe dieser Behörden wuchs ein neuer Typ Staatsdiener heran – ein Beamter, der sich vor allem dem Monarchen und seiner Verwaltung verantwortlich fühlte, nicht den regionalen Ständeinteressen.

Seitenwechsel im Nordischen Krieg

Mit der steuerlichen Alimentierung des stehenden Heeres war es Friedrich Wilhelm gelungen, ein Machtinstrument zu etablieren, das ihm die nötige Reputation verschaffte, um auf dem Parkett der europäischen Diplomatie ein gewichtiges Wort mitreden zu können. So vermochte der „Fuchs von der Spree“ auch außenpolitisch flexibel zu agieren.

Im Ersten Nordischen Krieg (1655–1660) wechselte er gleich mehrmals die Seiten, weswegen man sich über sein „Wechselfieber“ mokierte. Doch hinter diesem scheinbar prinzipienlosen Machiavellismus steckte der Versuch, im wechselnden Interessenspiel der Mächte die richtigen Bündnisse zu schließen, um den Krieg zu vermeiden oder wenigstens den Besitz und die Anwartschaft zu sichern.

Asyl für Flüchtlinge

Friedrich Wilhelm unternahm auch große Anstrengungen, um die Wirtschaft in seinem entvölkerten Land anzukurbeln. Früh hatte er erkannt, dass Menschen das größte Kapital für ein Staatswesen sind. Um den Fachkräftemangel zu beheben, öffnete er sein Land schon früh für Zuwanderer. 1671 kamen 50 wohlhabende jüdische Familien, die aus Wien vertrieben worden waren, nach Brandenburg, denen der Kurfürst gegen Geld Asyl gewährte und das Recht, Handel zu treiben.

Für den wirtschaftlichen Aufschwung sorgte auch die Ansiedlung Tausender Hugenotten, die im katholischen Frankreich verfolgt wurden. Im Edikt von Potsdam 1685 versprach Friedrich Wilhelm ihnen ungehinderte Ausübung ihrer Religion, Niederlassungsfreiheit sowie zahlreiche ökonomische Vorteile, darunter kostenloses Baumaterial, Anschubfinanzierungen für Handwerker und eine teilweise Steuerbefreiung.

Willkommenskultur und Wirtschaftspolitik

Mit dieser Willkommenskultur, die einer Mischung aus humanitärer Verpflichtung gegenüber den reformierten Glaubensbrüdern und staatlichem Eigeninteresse entsprang, gelang es dem Kurfürsten, sein Land zu modernisieren.

Religiöse Toleranz, zentrale Verwaltung, effektive Bürokratie, ein schlagkräftiges Heer, kluge Diplomatie, liberale Einwanderungspolitik – die historische Größe des Großen Kurfürsten liegt darin, dass er einem wirtschaftlich daniederliegenden, räumlich getrennten und heterogenen Staatswesen wieder auf die Beine half und so den Grundstein legte, dass aus einem kleinen Fürstentum eine europäische Macht wurde.

Etwas bescheidener klang das aus dem Mund des Kurfürsten. Kurz vor seinem Tod, am 9. Mai 1688, notierte er: „Jeder weiß, in wie trauriger Zerrüttung das Land gewesen, als ich die Regierung begann; durch Gottes Hilfe habe ich es in besseren Stand gebracht.“ Ihm war es gelungen, aus Ohnmacht Macht zu schaffen.