Wurde die frühere Schrambergerin Ruja Ignatova bereits vor Jahren ermordet? Oder lebt sie mit neuer Identität, neuem Aussehen und neun Milliarden Euro auf der hohen Kante in Saus und Braus? Nun gibt es wieder einige neue Spuren.
Zum einen endete vor dem Landgericht Münster ein Prozess gegen drei Komplizen der „Cryptoqueen“. Zum anderen plauderte ihr früherer Sicherheitschef Frank Schneider – der frühere Operationschef des luxemburgischen Geheimdienstes – aus dem Nähkästchen. Hinzu kommen mehrere weitere Quellen.
„Home safe (sicher zuhause)“, lautete per SMS das letzte bekannte Lebenszeichen von Ignatova an Frank Schneider. Die Nachricht brachte ihn aber ins Zweifeln – schließlich habe Ruja Ignatova sonst immer auf Deutsch geschrieben. Daher glaubt er, dass Ignatova getötet wurde und ihre Mörder diese Nachricht abgeschickt haben.
Bereits zuvor waren reichlich dubiose Machenschaften zu verzeichnen. Ruja Ignatova hatte mit ihrer betrügerischen Kryptowährung Onecoin eines der umsatzstärksten Unternehmen in ihrem Heimatland Bulgarien. Sie hatte offenbar Kontakte zur politischen Elite, in die Spitzen der Wirtschaft und in die organisierte Kriminalität. Das sei aber in Bulgarien mehr oder weniger dasselbe, gab Frank Schneider der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll. „Das ist ein Mafiastaat“.
SMS als letztes Lebenszeichen
Kurz vor ihrem Abflug von Sofia nach Athen haben sie über ihre „bulgarischen Freunde“ erfahren, dass ein Rechtshilfeersuchen der deutschen Behörden gegen sie vorliege. Sie werde zum Problem für ihre Kontakte, sei sie gewarnt worden. Daher solle sie zum Schein außer Landes geschafft werden.
Ihr Bodyguard habe ihr in Athen ein Ticket für einen Flug nach Thessaloniki gegeben. Dort würden Leute auf sie warten und zurück nach Bulgarien fahren, so Schneider. Bei einem Anruf habe sie gesagt, sie melde sich später. Anschließend kam die besagte SMS – seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von Ruja Ignatova.
Diese sei in einer winzigen Wohnung über einer Metzgerei in Schramberg aufgewachsen. Die Fünftälerstadt verortet die Süddeutsche mit Sitz in München übrigens im Badischen.
Auf einer Yacht ermordet?
Die renommierte Zeitung recherchierte aber weiter über Ruja Ignatova. So soll eine anonyme Quelle ausgeplaudert haben, dass ein Killer, der heute wegen Heroinschmuggels in einem niederländischen Gefängnis sitze, Ruja Ignatova auf einer Yacht im Ionischen Meer ermordet habe. Anschließend habe er sie zerstückelt und ins Meer geworfen. Belegen lässt sich das freilich nicht.
Zweifel an der Sache aufkommen lässt auch die Tatsache, dass Rujas Bruder Konstantin und deren Mutter auch nach der genannten Ermordung noch mit seiner Schwester telefoniert habe. Zudem hätten sie sich überhaupt nicht besorgt gezeigt aufgrund des angeblichen Verschwindens von Ruja Ignatova.
Weiterhin auf der FBI-Liste
Auch das amerikanische FBI sagte einem US-Reporter, es habe seine Gründe, dass Ignatova weiterhin auf der „Ten Most Wanted“-Liste weltweit stehe – sprich, dass sie noch am Leben sein dürfte.
Andere Dokumente gehen sogar von einem für Ruja Ignatova deutlich günstigeren Verlauf aus. So soll diese ihr Unternehmen Onecoin schon 2015 an ein Mitglied einer der mächtigsten Dynastien der Vereinigten Arabischen Emirate verkauft haben. Laut einem Kaufvertrag bekam Ignatova 230 000 Bitcoin auf drei USB-Sticks überreicht. Sollte sie diese Summe noch besitzen, wäre sie heute mehr als neun Milliarden Euro wert.
Urteil vom Landgericht Münster
Im ersten großen Prozess um den Milliardenschwindel mit der Kryptowährung Onecoin wurden vor kurzem die Urteile gefällt. Ein älteres Ehepaar wurde der Beihilfe zum Betrug und zu fünf, beziehungsweise vier Jahre Gefängnis verurteilt. Seitdem gilt Onecoin auch offiziell als Betrugssystem. Zudem erhielt ein Münchner Anwalt für leichtfertige Geldwäsche eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Das Trio hatte viel Geld für Ignatova von Deutschland auf die Cayman Islands gebracht. Etwa 60 000 Menschen aus Deutschland sollen in Onecoin investiert haben. Das Unternehmen hat übrigens immer noch einen Sitz in der Fußgängerzone von Sofia. Mitte Dezember wurde gar ein neues Büro im vietnamesischen Hanoi eröffnet – samt Tänzerinnen mit Schmetterlingsflügeln und scheinbar überglücklichen Menschen.
Obwohl Anleger um Milliarden
geprellt wurden, glauben immer noch viele an das System Onecoin. Vielmehr würden Staat und Banken verhindern, die Revolution des Finanzsystems durch Onecoin zu verhindern, berichten Geschädigte der Süddeutschen Zeitung. Der Staat lüge, der Staat versage, aber Onecoin werde „Ordnung schaffen“.