Foto: dpa/Moritz Frankenberg

„Kreuzimpfung“ lautet die neueste Empfehlung für den Impfstoff von Astrazeneca. Bei vielen Hausärzten klingeln deswegen wieder die Telefone Sturm. Die Corona-Inzidenz liegt derweil so tief wie zuletzt vor fast einem Jahr.

Berlin - Nach der neuen Impfempfehlung für eine sogenannte Kreuzimpfung nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca beklagen die Hausärzte einen „enormen Mehraufwand“. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), Patienten seien verunsichert, erfragten, welchen Impfstoff sie nun bei der Zweitimpfung erhalten würden und wollten auch ihren Termin entsprechend vorziehen.

In großen Impfzentren lassen unterdessen Menschen ihre Termine verstreichen ohne abzusagen. Debattiert wird vor diesem Hintergrund über Bußgelder, aber auch über Bonussysteme. Die Corona-Inzidenz erreichte am Samstag laut Robert Koch-Institut (RKI) das niedrigste Niveau seit fast einem Jahr.

Bei Kreuzimpfung verändert sich Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung

Die beim RKI angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) hatte am Donnerstag überraschend mitgeteilt, dass Menschen, die eine erste Impfung mit Astrazeneca erhalten haben, künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie den von Biontech oder Moderna erhalten sollen, weil die Immunantwort deutlich besser sei.

Damit wird auch der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung verkürzt. Zwischen zwei Astrazeneca-Impfungen liegen neun bis zwölf Wochen. Bei der Kreuzimpfung reichen vier. Die schnellere Impfung soll auch einer weiteren Ausbreitung der als ansteckender geltenden Delta-Virusvariante entgegenwirken.

Die Kreuzimpfung ist eine Empfehlung, kein Muss. Wer möchte, kann auch bei zwei Astrazeneca-Impfungen bleiben. Jede der möglichen Impfstoff-Kombinationen sei wirksam, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag gesagt.

Anpassung der Impfempfehlung sorgt für „enormen Mehraufwand“

Die Anpassung der Impfempfehlung habe bereits am ersten Tag in vielen Praxen für einen „enormen Mehraufwand“ gesorgt, sagte Weigeldt. Für die Patientinnen und Patienten mache der Impfabstand gerade mit Blick auf die anstehenden Sommerferien einen großen Unterschied. Natürlich sei es Aufgabe der Wissenschaft, Empfehlungen dem aktuellen Erkenntnisstand anzupassen. „Das spricht aber nicht gegen eine klare Kommunikation und die frühzeitige Einbindung derer, die letztlich die Empfehlungen umsetzen. Wenn wir ins Schlingern kommen, dann auch die gesamte Impfkampagne.“

Während viele Menschen noch nach Impfterminen suchen, lassen andere ihre ungenutzt verstreichen, ohne vorher zu stornieren. Vermutet wird, dass sich manche im Rennen um Termine an verschiedenen Orten darum bemüht haben und die ungenutzten Termine nicht absagen. Möglicherweise sinkt auch die Impfbereitschaft mit den sinkenden Corona-Zahlen.

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In Berliner Impfzentren werden nach Angaben des Präsidenten des Berliner Roten Kreuzes (DRK), Mario Czaja, inzwischen fünf bis zehn Prozent der Termine nicht wahrgenommen. Im RBB schlug Czaja für solche Fälle Bußgelder von 25 bis 30 Euro vor. Das DRK ist bundesweit am Betrieb vieler Impfzentren beteiligt. Wegen ausgefallener Impftermine würde aber kein Impfstoff weggeworfen, sagte ein DRK-Sprecher am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Spritzen würden immer erst aufgezogen, wenn die Menschen zum Termin erschienen.

Das DRK in Sachsen arbeitet nach Angaben eines Sprechers an einem Bonussystem, um die Impfbereitschaft hochzuhalten. Wer zur Impfung ins Impfzentrum kommt, soll Rabatte für Dienstleistungen oder Produkte bekommen. Details seien aber noch offen. In den Impfzentren im Freistaat ist inzwischen auch spontanes Impfen ohne Termin möglich.

Corona-Zahlen in Deutschland unterdessen weiter niedrig

Die Corona-Zahlen in Deutschland bleiben unterdessen weiter auf niedrigem Niveau: Erstmals seit rund elf Monaten sank die Sieben-Tage-Inzidenz - also die Zahl der innerhalb einer Woche registrierten Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner - auf unter 5. Das RKI gab den bundesweiten Wert am Samstagmorgen mit 4,9 an (Vortag 5,0; Vorwoche 5,9). Zuletzt hatte er am 30. Juli 2020 mit 4,8 unter 5 gelegen.

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen innerhalb eines Tages stieg im Wochenvergleich dagegen leicht an. 671 neue Ansteckungen wurden am Samstag gemeldet. Vor einer Woche waren es 592. Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 16 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 68 Tote gewesen.

Nicht nur Inzidenzwerte in den Fokus stellen

In der Debatte über die künftige Pandemie-Strategie sprechen sich Intensivmediziner dafür aus, nicht mehr ausschließlich die Inzidenzwerte in den Fokus zu stellen. „Mit steigender Impfquote ist der Inzidenzwert alleine weniger aussagekräftig, um die potenzielle Gefahr für das Gesundheitssystem messen zu können“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Christian Karagiannidis, der „Rheinischen Post“ (Samstag). „Wir rechnen damit, dass die Inzidenzwerte im Herbst, wie in England aktuell schon der Fall, stärker steigen werden als die Zahl der Intensivpatienten.“

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) und Gesundheitsminister Spahn hatten am Freitag bereits angekündigt, dass künftig die Zahl der Klinikeinweisungen stärker berücksichtigt werden solle.

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