Nicole und Hakan Ardic nehmen ein Anzucht-Set für Laien unter die Lupe – für den Cannabis-Anbau ihrer Anbauvereinigung im großen Stil stehen sie und ihre Grower in den Startlöchern. Foto: Cornelia Spitz

Die erste Anbauvereinigung im Schwarzwald-Baar-Kreis sitzt in den Startlöchern – und das tut sie bereits mit hunderten Mitgliedern.

Nicole und Hakan Ardic können es selbst kaum fassen. Nicht nur, dass sie der Cannabis-Legalisierung seit Jahren entgegen gefiebert haben – hinter ihnen liegt auch ein steiniger Weg.

 

Nicht immer war klar, dass sie den Samen für die Hanf-Anzucht im Schwarzwald-Baar-Kreis tatsächlich erfolgreich würden säen können.

Das war „das Problem“

Lächelnd steht Nicole Ardic in ihrem Laden in der Schwenninger Jakob-Kienzle-Straße. In den Regalen liegen CBD-Produkte und alles rund um die Hanf-Pflanze mit den gefingerten Blättern, die in der Region ab dem 1. Juli sprießen soll. An der Wand klebt eine Tapete mit Urwald-Motiven als Allover-Print mit Fauna und Flora – fast, als wäre sie ein Symbol für den Dschungel, durch den sich die zwei Cannabis-Liebhaber wühlen mussten.

„In Großstädten gab es solche CBD-Shops schon früher“, erinnert sich die blonde junge Frau. Also hätten sie und ihr Ehemann Hakan, nachdem ihre Karriere im Einzelhandel wegen der Insolvenz ihres Arbeitgebers geplatzt war, im August 2021 einen solchen in Schwenningen eröffnet. „Aber der Start war schwierig“, sagt sie nachdenklich. Hakan Ardic, der selbst mit „Renzo Gracie“ in Villingen eine Kampfsportschule betreibt, erzählt, warum: „Die Behörden waren das Problem“ – mit dem Gesundheitsamt und dem Gewerbeamt hätten sie in Kontakt gestanden. „Wir verkauften CBD-Blüten.“ CBD steht als Abkürzung für Cannabidiol, ein Stoff aus dem weiblichen Hanf, der den Pflanzenextrakt so besonders macht. Doch der Absatz der Knospen von Nutzhanfpflanzen habe der Stadt „nicht so gepasst“. Es habe Bußgelder gehagelt, „andere Läden wurden sogar zugemacht“. Sie selbst hätten schließlich keine Blüten mehr verkauft.

Sie gehören zur Kundschaft

Für die Kundschaft sei das ein bitterer Schlag gewesen – Jung bis Alt zählten dazu, auch Kranke, die beispielsweise nach einer Chemotherapie auf die Wirkung des CBDs schwörten. Die Ardics verstanden die Welt nicht mehr – „erst bekamen wir eine Gewerbesteuernummer und alles, und dann auf einmal das“, Nicole Ardic schüttelt den Kopf. „Wir haben die Rechtslage nicht verstanden und dachten, was man in Frankfurt darf, darf man auch hier“, ergänzt ihr Mann und ist sich sicher: „Da gab es ein Stigma, die Aufklärung fehlte!“

Jetzt atmen beide auf – mit viel Kreativität hätten sie ihren Laden Wasser gehalten. Aus dem For Twenties sei „Nici’s Nightmarket“ geworden, Eine Art Späti, also eine Spätverkaufsstelle – Süßigkeiten, Kaffee, Tabakwaren rückten im Sortiment auf. Und natürlich „Pflanzenaufzuchtsachen“, erzählt Hakan Ardic, denn viele Leute hätten sich auf die Legalisierung vorbereitet, sich ein Zelt, Licht, eine Aufzuchtanlage und gegebenenfalls Aktivkohlefilter zugelegt – „dann stinkt es nicht so für die Nachbarn“.

Patientenverein zum Start

Und auch die Ardics wappneten sich. Nicole Ardic gründete den Schwarzwälder Cannabis Patientenverein – beide seien selbst Cannabis-Patienten und glauben an die Wirkung. Sie wegen chronischer Schmerzen und depressiver Episoden, er wegen neurologischer Störungen und ADHS. Wie sie gebe es viele – „wir geben da eine richtig gute Aufklärung“, erzählt Nicole Ardic selbstbewusst und bilanziert rund 200 Leute, welchen der Verein zu Cannabis auf Rezept verholfen habe.

Angesprochen auf mögliche Drogensüchtige, die in ihrer Gruppe eine Anlaufstelle sehen, wo sie leichter an „Stoff“ kommen können, nickt das Paar und weiß: „Es wird immer auch Idioten geben, die Jugendlichen Cannabis geben.“ Doch Hakan Ardic selbst erteile dem eine Absage: „Ich habe selbst früh konsumiert, mit 15, und gemerkt, dass das nicht gut ist.“ In der Wachstumsphase des Körpers sei Cannabis nämlich „etwas komplett anderes“. „Und dann hast Du mit 15 Jahren Kontakt zu Menschen, die Drogen verkaufen, die gleichzeitig auch anderen Mist verticken“, zeigt er den Weg in eine mögliche Abwärtsspirale auf.

Blick auf Suchtprävention

Das Paar begrüße deshalb die strengen Regelungen für Anbauvereinigungen, wonach diese einen Suchtpräventionsbeauftragten benötigen. Selbst haben sie einen solchen längst an Bord. „Wir holen uns Input, wenn wir nicht mehr wissen, was gut ist“, betont Hakan Ardic. Die Anbauvereinigung „Schwarzwälder Cannabis Bund“ mit sieben Gründungsmitgliedern ist ordentlich gegründet und seit dem 5. Februar eingetragen, eine Satzung steht seit dem 30. April, und monatliche Sitzungen, zu welchen 20 bis 50 der mittlerweile über 300 Mitglieder erscheinen, finden statt. Auch eine Kooperation mit der Suchtberatung in Villingen-Schwenningen möchten die Ardics nach eigenem Bekunden knüpfen. Die Grower, wie die Gärtner heißen, hätten schon Schulungen absolviert. Und am 1. Juli soll es voll losgehen mit dem Anbau. Eine Anbaufläche stehe in Aussicht – natürlich unter Dach, „in Deutschland kann man ja nicht draußen growen“.

Das sind die Konditionen

Zehn Euro Mitgliedsbeitrag werden bislang fällig – doch das soll noch überarbeitet und der individuell geplanten Produktionsmenge jedes einzelnen Mitglieds angepasst werden. „Wir müssen non-profit sein“, schildert Hakan und erzählt, dass die Mitglieder je nach Sorte und eigenem Geldbeutel schon ab sechs Euro pro Gramm dabei seien. „Wir wollen den Schwarzmarkt ja bekämpfen.“ Wer Mitglied werden möchte, kann in Nici’s Nightmarket vorbeikommen, ein Formular ausfüllen und muss seinen Ausweis kontrollieren lassen. Mehr als 500 Mitglieder in Summe sollen es nicht werden.

„Unsere Vision beim Schwarzwälder Cannabis Bund ist es, die höchste Qualität im Anbau von Cannabis zu gewährleisten und unseren Mitgliedern die exklusivsten Sorten auf dem Markt anzubieten“, fasst es Nicole Ardic zusammen. Als familiengeführter Verein mit Nicole und ihrer Schwiegermutter Gülay Ardic lege man großen Wert auf Partnerschaften mit anderen Anbauvereinigungen und Cannabis-Bauern weltweit, darunter Partner in Thailand, USA, Spanien und Holland. „Wir möchten dazu beitragen, dass Cannabis als Heilpflanze angesehen wird und seinen Platz in der Gesellschaft findet.“