Das Bürgergeld ist mehr als Geld: Im Jobcenter ebnet die Fallmanagerin damit den Weg ins Erwerbsleben.
Wie es mit den Zähnen geht, erkundigt sich die Angestellte des Jobcenters bei ihrer Besucherin. Die Frage zeigt schon, dass es hier nicht einfach ist. Isabelle Otto ist als Fallmanagerin im Jobcenter tätig und die 36 Jahre alte Frau ihr gegenüber ist ihre Kundin, so werden die Menschen genannt, die Rat, Hilfe und natürlich auch eine Arbeit wollen.
Die Bürgergeldreform ist das Instrument dazu, dass auch Leute mit ganz schwierigen und komplizierten Biografien wieder auf eigenen Beinen stehen können.
In der Familie nur Gewalt
Die erste Kundin an diesem Morgen war bisher immer nur auf der Verliererseite. Die 36-Jährige hat vier Kinder. Die älteste Tochter ist 18 Jahre alt. Seit ihr damaliger Mann vor rund zwei Jahren ihr fast alle Zähne herausgeschlagen hat, wird die Frau als Gewaltopfer vom Weißen Ring betreut. Erst nach dem schweren Vorfall hat sie es auch geschafft, sich von dem Schläger zu trennen. Seither versucht sie, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Fallmanagerin Isabelle Otto hilft dabei und führt nun ein einfühlsames Gespräch.
Die Kundin wünscht sich, dass sie ein Praktikum im Altersheim machen kann, um dort später eine feste Beschäftigung zu haben. „Mit alten Leute arbeiten, das wollte ich schon immer“, sagt die Frau, die bisher noch nie eigenes Geld verdient hat und immer ganz schlimme familiäre Verhältnissen kannte.
Fokus liegt auf der Zukunft
Die Fallmanagerin freut sich, dass ihre Kundin jetzt von sich aus aktiv werden will. Doch das Altersheim kann sie von ihrem Wohnort aus nur mit dem Auto erreichen. „Wollen Sie einen Führerschein machen?“, fragt die 41-jährige Fallmanagerin. Auch dies gehört dazu, dass Menschen in die Lage kommen, eine Arbeit zu bekommen. Das Jobcenter zahlt für die Fahrschule 3500 Euro und unterstützt danach die Anschaffung eines kleinen Autos mit maximal 4000 Euro. Auch die Reparaturkosten werden in der ersten Zeit übernommen. Die Kundin ist glücklich: „Das ist toll, dass das Amt das zahlt.“ Ihre Unabhängigkeit kann so ein Stück näher kommen. Die Fallmanagerin freut sich mit: „Wenn Ihnen in Zukunft mal wieder ein Mann negativ zu nahe kommt im Leben, dann fahren Sie einfach weg.“
Die Kundin will sich jetzt um ein Praktikum kümmern. „Wenn es so weit ist, müssen Sie es aber dem Jobcenter Bescheid geben, nicht, dass es noch Schwarzarbeit wird“, ermahnt die Fallmanagerin. Beim Ausfüllen der Formulare hilft Isabelle Otto, weil die Kundin ihre „Brille vergessen hat“. Das habe sie auch etwas stutzig gemacht, sagt Otto als die Kundin weg ist. Denn die vergessene Brille sei eine beliebte Tarnung für Analphabeten. Doch in diesem Fall liegen die Dinge anders, auch wenn die Frau keinen Schulabschluss hat. Wenn sie nicht Lesen könnte, hätte die Kundin nicht nach einer Ausbildung gefragt. „Diese Leute gehen allem, was mit Lesen und Schreiben zu tun hat, aus dem Weg“, weiß die Fallmanagerin aus Erfahrung.
Gegen Sanktionen
Vor dem nächsten Termin muss Isabelle Otto noch den Schreibkram erledigen. „Ich verfasse jetzt einen Vermerk, um zu rechtfertigen, dass es sinnvoll ist, dass sie einen Führerschein bekommt“,sagt sie. Auch der Bildungsgutschein wird dokumentiert. Das ist dann auch schon alles. Mehr geht die Behörde nicht an, bemerkt die Fallmanagerin.
Alles, was etwa über die Situation der Tochter besprochen wurde, die nun ebenfalls bei ihrem Lebensgefährten in eine Abhängigkeit rutscht, kommt in der Nachbearbeitung des Termins nicht vor und wird auch nicht schriftlich im System des Jobcenters festgehalten. Dennoch ist es für die Fallmanagerin wichtig, dass sie die ganze Situation ihrer Kunden kennt. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die meisten haben solche Biografien“, erklärt Otto.
Distanz und Empathie
Wie hält sie das aus, jeden Tag solche Geschichten zu hören? Drei am Vormittag, zwei am Nachmittag – wenn alle Kunden auch zum Termin kommen. „Das schafft man mit einem intakten Familienleben und professioneller Distanz. Jeder Bauarbeiter hat seinen Schutzhelm, unseren sieht man nicht“, sagt Isabelle Otto.
Doch gleichzeitig brauche ihre Aufgabe auch Empathie und viel Einfühlungsvermögen, um den Menschen, die Hilfe brauchen, auf Augenhöhe zu begegnen. Vom Ausspielen von Macht in der Amtsstube hält die Fallmanagerin überhaupt nichts und auch die jetzt wieder viel diskutierten Sanktionen seien der falsche Weg: „Was bringt es, wenn wir den Menschen was wegnehmen?“ Das Bürgergeld und der Kooperationsplan sind für sie ganz tolle Möglichkeiten, um zu helfen. „Wenn dann einer nicht zum Termin kommt, ist das sein Schaden“, meint die Fallmanagerin.
Fahrt zum Kunden
Beim nächsten Termin an diesem Tag kommt der Kunde nicht zum Jobcenter, sondern das Jobcenter zum Kunden. Die Fallmanagerin fährt dazu nach Donaueschingen, wo sie mit einem knapp 50-Jährigen Langzeitarbeitlosen einen Treff vor der evangelischen Kirche vereinbart hat. Der Mann hat seit Jahren Probleme in geschlossenen Räumen, im Bus bekommt er Panikattacken. Deshalb dieser Außentermin – aufsuchende Beratung nennen dies die Beschäftigen des Jobcenters.
Der Kunde ist nett und jovial, aber dennoch ein komplizierter und vor allem langwieriger Fall. Denn seit zwölf Jahren ist der Mann ohne Beschäftigung. Seine großen gesundheitlichen Probleme haben bisher jede Arbeitsaufnahme verhindert. Aber jetzt will er es versuchen. Bei einem Discounter hat er eine Arbeitsstelle in Aussicht. Drei Stunden pro Woche sollen es für den Anfang sein. Wegen seiner langen Erwerbslosigkeit kann die Fallmanagerin ihren Kunden in das Programm nach Paragraf 16i des Teilhabechancengesetzes nehmen. Dabei bekommt der Arbeitgeber die ersten zwei Jahre den Lohn für seinen Mitarbeiter vom Staat bezahlt, die Förderung geht mit sinkenden Beträgen insgesamt fünf Jahre. Das Jobcenter engagiert sich hier finanziell sehr stark.
Aber die Fallmanager sind überzeugt, dass das Geld gut angelegt ist. Die Arbeitgeber sollen die neuen Beschäftigten kennenlernen und mit dem langen Förderzeitraum tragen sie kein Risiko. Schritt für Schritt können Langzeitarbeitslose so wieder an die beruflichen Anforderungen gewöhnt werden. Auch beim Donaueschinger ist Isabelle Otto sehr optimistisch, dass er es nun endlich schafft. Es komme aber auf ihn an. Die meiste Arbeit liege an ihm.
Hilfe zur Selbsthilfe
Das Gerede von den faulen Bürgergeldbeziehern ärgert die Berater im Jobcenter. Jeder Mensch und damit auch jeder Fall sei anders. Viele sind nicht in der Lage, sich selber zu organisieren und kennen seit Jahren keinen geordneten Tagesablauf mehr. „Bevor die eine Arbeit machen können, gibt es ganz viel zu tun“. Erklärt Geschäftsführer Mike Kalinasch. Da müssen die Fallmanager ganz tief in die Geschichte des Kunden gehen und die Probleme erkennen. Schritt für Schritt werden die Leute in die Lage versetzt, eine Arbeit aufzunehmen. Es geht auf dem Weg zurück ins Arbeitsleben stets um Hilfe zur Selbsthilfe. Ein altbekannter Spruch – aber er gilt für die Aufgaben des Jobcenters immer noch. Durch die Bürgergeldreform wird er mit neuem Leben erfüllt.