Kaspar Pfister nimmt in seinem Buch „Die Pflegekatastrophe“ auch die eigene Branche in die Kritik. Foto: BeneVit Gruppe

Kaspar Pfisters Benevit-Gruppe erweitert ihr Angebot in Rottenburg. Zum ambulanten Dienst kommen nun seniorengerechtes Wohnen und Tagespflege direkt am Marktplatz hinzu. Pfister spricht mit unserer Redaktion über sein neues Buch „Die Pflegekatastrophe“.

2023 wurden bis Ende September 489 Pflegeeinrichtungen geschlossen und damit seien Angebote für rund 20.000 pflegebedürftige Menschen weggefallen, sagt Kaspar Pfister, Gründer der Pflege-Unternehmensgruppe Benevit. 80 bis 90 Prozent der Menschen hätten bei Befragungen eine schlechte Einstellung bezüglich Pflegeheimen. Pfister ist sich sicher: Es brauche grundlegende Änderungen im deutschen Pflegesystem. Darüber schreibt er auch in seinem neuen Buch „Die Pflegekatastrophe“.

 

Pflegebranche „lügt sich selbst in die Tasche“

Die grundlegenden Änderungen in Richtung eines neuen Pflegesystems könnten nicht auf sich warten lassen: „Wie viele Einrichtungen der Altenpflege, Heime, Tagespflege, Ambulante Dienste müssen deutschlandweit noch insolvent werden, oder gar schließen? Wie vielen pflegebedürftigen Menschen muss notwendige Hilfe abgesagt werden, weil weder Kapazität noch Ressourcen ausreichend vorhanden sind?“, sagt Pfister.

Das Buch „Die Pflegekatastrophe“ ist eine erweiterte Neuauflage eines früheren Werks von Kaspar Pfister. Foto: Benevit Gruppe

Dabei übt Pfister auch Kritik an der eigenen Branche. Diese „lügt sich oft selbst in die Tasche, unterstützt durch die Verbände der Pflegenden. Frei nach dem Motto: ein bisschen hier, ein bisschen da dran drehen und schon wird es gehen.“ Ein Beispiel dafür sei die vor wenigen Jahren eingeführte generalistische Berufsausbildung, bei der die Altenpflege „der absolute Verlierer“ sei, so Pfister: „Ausbildungszahlen sinken, Abbrecherquoten steigen und nichts passiert.“

Personalgewinnung wird zusätzlich erschwert

Auch die Anwerbung und Anerkennung ausländischer Fachkräfte sei ein „Drama“: „Hohe nicht refinanzierbare Kosten und eine unendlich lange Verfahrensdauer, vor allem im Anerkennungsverfahren ausländischer Examen und bei Sprachkenntnisnachweisen vor der Einreise.“ In Zeiten, wo mehr engagiertes und gutes Personal gebraucht werde, würden die Hürden auf- anstatt abgebaut, fährt er fort.

Eine seiner eigenen Einrichtungen, das Haus Blumenküche in Mössingen, stand 2022 in der Kritik – offenbar aufgrund von Personalmangel. Laut SWR war damals im Bericht der Heimaufsicht, die Mängel feststellte, von einer „zu schwach besetzten Personalsituation“ die Rede. Es habe Fehler gegeben, die nicht hätten passieren dürfen, sagt Pfister dazu. Nach personellen Veränderungen und intensiven Kontrollmaßnahmen seien die Probleme auch in Abstimmung mit den Behörden behoben worden.

Personalgewinnung sei derzeit für alle Betriebe und Unternehmen ein Problem, eine personalintensive Branche wie die Pflege leide darunter aber besonders schwer, sagt Pfister. Home-Office in der Pflege funktioniere „nicht wirklich gut“, es sei Kreativität gefordert. Neben einer überdurchschnittlichen Bezahlung müssten auch andere Komponenten kommen, um die Attraktivität des Pflegeberufes hoch zu halten.

So seien Erfolgserlebnisse wichtig, wenn sich zufriedene Bewohner in ihrem Allgemeinzustand verbessern. Mehr Mitarbeiter und ausreichend Zeit für Bewohner sei wichtig, genauso ein intensives betriebliches Gesundheitsmanagement und eine Vielzahl von Besonderheiten vom E-Bike bis zum Einkaufsrabatt, von Übernahme der Weiterbildungskosten bis hin zu Aufstiegsmöglichkeiten vom Azubi bis zur Heimleitung.

Systemänderung statt Reform

Von vielen Reformen hält Pfister nicht viel. Seit Einführung der Pflegeversicherung habe es über 50 Änderungen der Bundes- und Landesvorschriften gegeben. Im Schnitt seien das pro Jahr zwei oder mehr gesetzliche Anpassungen. Das System sei dadurch so komplex geworden, dass es kaum noch zu verstehen sei, geschweige denn pflegebedürftigen Menschen oder deren Angehörigen noch vermittelt werden könne.

Insgesamt kritisiert Pfister den Verwaltungsapparat, der im Pflegesystem angewachsen sei: „Bürokratie- und Dokumentationspflichten ohne Ende, ohne tatsächlichen Mehrwert für pflegebedürftige Menschen.“ Der Unternehmensgründer spricht von einer „über die Jahre immer mehr perfektionierten Misstrauenskultur“, die eine dringend notwendige Bündelung aller Kräfte verhindere, um endlich zu besseren und nachhaltigeren Lösungen zu kommen.

Wahl zwischen Pest oder Cholera

Als Unternehmen der Pflegewirtschaft habe er die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Eine Umkehr oder positive Richtung könne er derzeit nicht erkennen. „Meinen Optimismus als Unternehmer wird mir keiner nehmen, aber die Realität zeichnet täglich ein düsteres Bild“, sagt er.

Alles nur schlecht zu sehen, scheint Pfister eigentlich nicht zu liegen. Er würde gerne „in fünf Jahren noch ein durchweg positives, anerkennendes und dankend lobendes Buch schreiben“. Der Unternehmensgründer hat dafür schon mögliche Titel im Kopf: „Kurz vor dem Kollaps und gerade noch gerettet“ oder „Nach Jahren der Modellprojekte – Jetzt kommt die Zeit der Umsetzung“. Seiner Fantasie als Autor seien da kaum Grenzen gesetzt. Den Stoff aber würden Politik und Gesellschaft schreiben: „Ich bin da nur einer der Akteure und Chronist von Erfolg und Scheitern“, konstatiert er.