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Bisingen Vom Fußballspiel auf dem Appellplatz

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Gut 50 Besucher sind am Holocaust-Gedenktag in Bisinger KZ-Museum gekommen. Foto: Kauffmann Foto: Schwarzwälder Bote

Nicht die Bilder machen den Film über das Durchgangslager Kamp Westerbork aus, sondern das, was sie nicht zeigen: "Aufschub" hat der Gedenkstättenverein zum Holocaust-Gedenktag im Museum gezeigt. Ein Abend, der nachdenklich macht.

Bisingen. Der erste Eindruck sollte wohl doch nicht immer der bleibende sein. An der Wand flimmern Bilder über Menschen, die Fußball auf dem Appellplatz spielen, tanzen, lachen und scheinbar eine unbeschwerte Zeit erleben. Es sind 40 Minuten Stummfilm (siehe Info). 40 Minuten schweigen. Schweigen über die entsetzliche Realität, zu der dieser Film so drastisch nichts sagt.

Die Aufnahmen hat der jüdische Häftling Rudolf Breslauer im Durchgangslager im niederländischen Kamp Westerbork auf Anordnung des Lagerkommandanten drehen müssen. Zum internationalen Holocaust-Gedenktag diesen Montag hat ihn Bisingens Gedenkstättenverein im Museum gezeigt, unterbrochen von vorgelesenen Tagebucheinträgen von Philipp Mechanicus, der etwa zur gleichen Zeit in diesem Lager inhaftiert war.

Sein Tagebuch wirkt wie ein Kontrast zu dem, was die gut 50 Besucher sehen. Er schreibt von einem ausgerufenen Sportwettbewerb, bei dem sich die Insassen in verschiedenen Disziplinen messen zu können, auch im 100-Meter-Lauf, um einen Satz darauf zu fragen: "Warum gibt es nicht auch 100 Meter Durchfall, der immer noch massenhaft herrscht?" Ein Zynismus, der, nimmt man die vorgelesenen Beiträge, charakteristisch für den Stil seines Tagebuchs erscheint.

Auf eine verheerende Weise zynisch mögen manch einem Zuschauer die Szenen vorkommen, die am 19. Mai 1944 spielen. Da sieht man, wie ein Kind aus dem Waggon winkt, wie ein Häftling hilft, die Waggontür von innen zu verschließen, wie eine ältere Frau in einem Wagen herangeschoben wird. Das Ziel: Auschwitz. Dort wird sie kurz nach der Ankunft umgebracht. Ob die Häftlinge gewusst haben, was ihnen in der Tötungsfabrik Auschwitz bevorsteht?

Eine Idylle im Schatten drohender Wachtürme vorgegaukelt

Mechanicus: Der vorige Lagerkommandant habe die Insassen mit "Fußtritten" weggeschickt, sein Nachfolger mit einem "Lächeln". Im Film wird dagegen eine Idylle im Schatten drohender Wachtürme und Baracken im Hintergrund vorgegaukelt. Er zeigt die Häftlinge beim Bügeln, als Ärzte im Krankenhaus, in der Aufnahmestelle, als Musiker in einem Orchester, als Schauspieler auf einer Bühne, gar als Lagerpolizisten. Die Insassen haben viele Aufgaben im Lager zu erfüllen. Karl Kleinbach vom Gedenkstättenverein spricht mit Blick auf solche Aufgabenzuteilungen von "Machtökonomie" – von einem System zum Machterhalt des Wachpersonals.

"Aufschub" zeigt nicht die Realität wie sie war, sondern wie der Lagerkommandant sie zeigen wollte. Warum dieser gewollt hat, dass solch ein Film gedreht wird? Die Gründe dafür sind nicht ganz klar, wie Kleinbach erklärt. Vielleicht wollte der Kommandant seine Position sichern, indem er sprichwörtlich vor Augen führt, dass das Lager auch kriegswichtig sein kann? Vielleicht werden deshalb vor allem Szenen gezeigt, die die Häftlinge bei der Arbeit abbilden?

Den Besuchern im Museum ist die Fassungslosigkeit nach dem Film anzumerken. Wie sollte man über das Unsagbare eine Diskussion beginnen? "Hat jemand eine Idee?", fragt Kleinbach.

Einer Besucherin ist nach dem Stummfilm nach einem Gebet zumute

Nach dem Stummfilm schweigen die Zuschauer. Eine Hand hebt sich: "Mir ist Zumute nach einem Gebet", so durchbricht eine Besucherin die drückende Stille. Einige Minuten können die Besucher sich Zeit nehmen, ihre Gedanken zu sammeln. Danach folgt Redebeitrag auf Redebeitrag. Einer spricht im Hinblick auf den Film von einer "Perversion, die gar keine Grenzen" kennt, andere zeigen sich schockiert über den Kontrast von Film und Realität. Kleinbach zeigt sich als Moderator, der sein Fachwissen gekonnt in die Diskussion einbringt. Kleinbach: "Ich hoffe, Sie werden mit etwas Irritation hier rausgehen." Irritation über das, was man sieht und nicht ist. Über den ersten Eindruck, der besser nicht immer der bleibende sein sollte.

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