Im Familiengrab auf dem Waldfriedhof ruht neben Willi Wende und seiner Frau Erna deren Schwester und ihre Familie. Die Schmids kamen nach Wildbad, nachdem ihr Tanzcafé im Stuttgarter Eberhardsbau ausgebrannt war, und betrieben in Pacht die Gastronomie in Kursaal und Trinkhalle. Foto: Schwarzwälder Bote

Serie: Kapellmeister stirbt 1985 im Alter von 91 Jahren / Zuvor leitete er zehn Jahre lang das Wildbader Kurorchester

Wenn Willi Wende (1894 bis 1985) den Taktstock schwang, dann waren die Zuhörer fasziniert. Denn der Kapellmeister bereitete seine Orchester sorgfältig vor und machte Musik für alle Altersschichten – auch wenn sein Grabstein auf dem Familiengrab im Waldfriedhof darüber nichts verrät.

Bad Wildbad. Erinnern können sich auch nicht mehr viele an seine Darbietungen, denn er führte das Wildbader Kurorchester nach drei Jahren Kriegsdienst von 1942 bis 1952.

Bis zu 56 Musiker dirigierte er vor fast 80 Jahren in Wildbad. Aus Zeitungsartikeln und Bildern, die sein in der Ludwig-Uhland-Residenz lebender Sohn Hans Willy Wende (88) besitzt, und aus dessen kurzweilig weitervermittelten Erinnerungen, lässt sich das interessante Bild eines namhaften Dirigenten der 1930er-Jahre, Kriegs- und Nachkriegszeit zeichnen. Vor 1939 leitete Willi Wende nach Erfolgen mit eigener Kapelle das Rundfunkorchester beim Reichssender Stuttgart.

Sohn Hans Willy durfte 1938, damals sechs Jahre alt, einen Blick ins Studio werfen. Es wirkte auf ihn "wie eine große Telefonzelle", sagt er. Aufnahmen wurden damals auf Wachsplatten gespeichert. Diese konnten mehrfach verwendet werden. Wurde ein Stück nicht mehr benötigt, dann wurde die Platte einfach abgeschabt. Gespielt wurde nicht nur im Studio, sondern das Sender-Orchester kam auch bei Auftritten im Land herum. So berichtet beispielsweise eine Zeitung unter der Überschrift "Der Reichssender Stuttgart in Ebingen" und mit der Unterzeile "Ein fröhlicher, musikalischer Abend in der städtischen Fest- und Turnhalle": "Nun waren sie da, die Künstler vom Rundfunk, die wir fast täglich am Lautsprecher ­hören."

Brillante Leistung bei Direktübertragung im Radio

Ein paar Zeilen weiter ist zu lesen: "Im Sturm eroberte sich Willi Wende mit seinem ausgezeichneten Solistenorchester die Herzen der Zuhörer." Nicht nur den Jungen habe "es in den Beinen gezuckt", auch den älteren Semestern. "Sämtliche Vorträge waren musikalische Bestleistungen", urteilt der Kritiker. Im letzten Absatz des das Konzert durch und durch lobenden Beitrags heißt es: "Im Anschluss an die Veranstaltung begeisterte Willi Wende mit seiner Kapelle im Bahnhofshotel eine recht große Anzahl Ebinger und spielte der Jugend noch zu einem Stündchen munteren Tanzes auf." Auch in einem anderen Bericht wird das teils Solisten begleitende, "ganze 24 Mann starke Ensemble" für seine brillante Leistung bei einer Radio-Direktübertragung gelobt.

Sohn Hans Willy Wende war 1942 mit den Eltern nach Wildbad gekommen. Er schlug nach dem Abitur den Weg in die Gastronomie ein. Nach einigen Jahren Erfahrung außerhalb und auf Übersee-Schiffen wurde er wieder in der Bäderstadt heimisch. Seine im März verstorbene Frau Lotti, einst "Weinkönigin der Mittelmosel" aus der Pfalz, hatte er bei einer Tätigkeit dort kennengelernt. Als Prokurist betreute er im Sommerberghotel zu dessen besten Zeiten ab den 1960er-Jahren zusammen mit der Besitzer-Familie Baetzner Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen (wir berichteten). Vor alldem stand aber die schwierige Zeit ums Kriegsende. Gemeinsam mit seinem Schulkameraden Bert Grosse suchte Hans Willy Wende Arbeit.

Der Künstler wurde zu Zeiten des Ersten Weltkriegs freigestellt

Als Helfer bei der Heuernte kamen beide in Martinsmoos unter. Gemeinsam stand ihnen ein einfaches Bett zur Verfügung. Aber gut versorgt worden seien sie auf dem Bauernhof, auch anschließend mit ihnen überlassenen Lebensmitteln. Für Vater Willi Wende war das von der Familie in Wildbad beobachtete Kriegsende das zweite. Von der Wohnung beim Olgabad aus konnte 1945 die Übergabe der Stadt vor dem Rathaus an die Besatzung verfolgt werden. Willi Wende hatte schon in den Ersten Weltkrieg ziehen müssen. Aus jener Zeit zeigt ihn ein Foto hoch zu Ross bei den Husaren. Mit diesen kämpfte er in Russland. Die Freistellung als Künstler für Wildbad ein Vierteljahrhundert später war für die Musiker – meist namhafte Könner aus den Staatstheatern Karlsruhe und Stuttgart – mit der Auflage verbunden, zusätzlich bei Gauthier in Calmbach zu arbeiten.