In Bangladesch ist Cricket der mit Abstand beliebteste Sport. Und die besten Spieler sind Stars weit über ihren Sport hinaus. So sehr, dass der populärste unter ihnen seit Kurzem auch Politiker ist – obwohl seine Sportlerkarriere noch gar nicht beendet ist.
In einem Spiel der Bangladesh Premier League im vergangenen Jahr gellt plötzlich eine laute Stimme durch die Arena. Shakib al-Hasan, der bekannteste Spieler auf dem Platz, stürmt wild auf den Schiedsrichter zu und beschwert sich. Der gegen ihn geworfene Ball vom Gegner sei ungültig, findet er. Und die TV-Kommentatoren schütteln mal wieder den Kopf: „Oh, das ist nicht gut! Ich weiß nicht, ob er das hinterfragen sollte. Diese Reaktion, ich weiß nicht!“
Sogar seine Wutausbrüche verzeiht man ihm
Aber von Shakib al-Hasan ist man so ein Verhalten längst gewohnt. Im Cricket, dem mit großem Abstand beliebtesten Sport Bangladeschs, ist der Allrounder der wohl beste Spieler, den das Land je hervorgebracht hat. Er ist sportlich derart herausragend, dass man ihm selbst im von Benimmregeln geprägten Cricket die regelmäßigen Wutausbrüche verzeiht. Und vermutlich ist genau das ein wichtiger Grund dafür, warum der 37-Jährige seit Kurzem nicht mehr nur Sportler ist, sondern auch Politiker. Im südasiatischen Land von rund 172 Millionen Menschen wurde al-Hasan bei den Wahlen im Januar ins nationale Parlament gewählt, während er Cricketprofi bleibt. Ist diese Doppelfunktion zu bestehen?
In Bangladesch ist man sich nicht sicher. Was aber zu beobachten ist: Die Jubelstimmen in Medien und Gesellschaft sind deutlich lauter zu hören als diejenigen, die das Ganze skeptisch sehen. „Es ist gut, dass er als Cricketspieler jetzt auch Politiker ist. In seiner Sportlerkarriere hat er ja bewiesen, dass er ein echter Spieler und auch Anführer ist“, sagt zum Beispiel Moziful Islam, ein Lokalpolitiker in der nördlich gelegenen Region Rangpur. „Das hilft ihm in seiner Laufbahn als Politiker. Wir hoffen hier, dass er ein Toppolitiker in der Regierung wird.“
Sportler werden Politiker – aber erst nach Ende ihrer ersten Karriere
Dass bekannte Sportlerinnen in die Politik gehen, lässt sich immer wieder auch anderswo beobachten, Deutschland inklusive. Claudia Pechstein, mehrmalige Goldmedaillengewinnerin im Eisschnelllauf, ist in der CDU aktiv. Der einstige Box-Weltmeister Vitali Klitschko ist regierender Bürgermeister von Kiew. Die Liste ließe sich fortführen.
Aber der Fall Shakib al-Hasan ist doch ein besonderer, betonte kurz vor der Wahl auch der indische TV-Sender Firstpost: „Das Folgende unterscheidet Shakib von Personen aus dem Sport vor ihm“, analysierte im Januar die prominente TV-Journalistin Rupha Ramani: „Alle anderen Sportler wurden Vollzeitpolitiker, also erst nach ihrer Karriere. Aber eine Ähnlichkeit zwischen Sport und Politik ist, dass man beides nicht wirklich als Teilzeithobby betreiben kann.“
Sein Engagement ist ein Riesen-PR-Erfolg
Warum versucht sich Shakib al-Hasan als aktiver Cricketspieler in dieser völlig anderen Karriere – wo man sich zudem mehr benehmen muss? Leo Wigger, der beim Berliner Thinktank Candid Foundation die Programme zu Südasien sowie Eurasien leitet, erkennt den Sinn. Vor allem beim Blick auf die Partei: „Shakib al-Hasan ist einfach ein Star, nicht nur in Bangladesch. Ihn politisch einzubinden ist ein Riesen-PR-Erfolg für die Awami League von Sheikh Hasina.“
Die Awami League ist die Partei, die das Land seit 15 Jahren auf zusehends autoritäre Weise regiert. Kritische Stimmen gegenüber Premierministerin Sheikh Hasina wurden über die letzten Jahre oft beseitigt. Die Wahl im Januar, die al-Hasan zum Politiker machte, wurde von der Opposition als Farce bezeichnet und boykottiert. Es gab Proteste, gefolgt von Festnahmen. Nun auf das Gesicht von Shakib al-Hasan zählen zu können ist für die Regierung daher von großer Bedeutung, sagt Leo Wigger: „Gerade auch bei vielen jüngeren Wählerinnen und Wählern ist die Politikverdrossenheit sehr hoch, weil es eben das Gefühl gibt, dass die Sieger in Wahlprozessen sowieso schon feststehen – und das ist die Awami League, dass es keine freien Wahlen gibt.“ Außerdem gebe es kaum junge Politiker.
Aber warum bei den Rechten?
Sheikh Hasina hat sich ohnehin seit Jahren gern mit al-Hasan ablichten lassen, besuchte ihn gar im Krankenhaus. Während al-Hasan bis vor Kurzem beteuerte, mit Politik nichts am Hut zu haben, scheint er nun einen Nutzen zu sehen. Der indische Sender Firstpost, der das Phänomen aus dem eigenen Land kennt, glaubt: „Die aktive Karriere eines Cricketers dauert ungefähr zwölf bis 15 Jahre. Je nachdem, wie erfolgreich er oder sie ist, wird sich die Öffentlichkeit an sie erinnern.“
Wobei unklar ist, wie positiv der Werbeeffekt sein kann: „Politisch besonders in Erscheinung getreten ist Shakib al-Hasan bisher allerdings nicht“, sagt Leo Wigger. Viele zeigen sich hinter vorgehaltener Hand enttäuscht von ihrer Ikone. Denn indem er sich der Regierungspartei angeschlossen hat, werde er gegen deren autoritären Stil kaum etwas tun – sondern ihn vielmehr mit seinem Ruhm legitimieren.