Ein dunkel geheimnisvoll schimmerndes Haus soll nach einem Entwurf von wulf architekten aus Stuttgart in Reutlingens Altstadt entstehen. Foto: wulf architekten /Visualisierung: Brutal&Delikat

Wulf Architekten aus Stuttgart haben einen Coup gelandet: Das Büro plant in Reutlingen ein Haus, das nichts enthält als Luft und Licht – und komplett von Glasziegeln umhüllt ist.

Ein Haus aus Luft, Licht und Glas. Das klingt nach einem Märchen. Oder nach einem Traum eines Luftschlosserfinders, wie Baumeister Solness im gleichnamigen Drama von Hendrik Ibsen einer war. Aber nein, es entsteht wirklich und zwar im schwäbischen Reutlingen in der historischen Altstadt.

 

Genau an der Stelle, wo 1972 ein 800 Jahre altes Gebäude, das so genannte Steinerne Haus, abgerissen wurde – um einen Parkplatz zu schaffen. Und jetzt das: ein allen kapitalistischen Nutzengedanken fundamental zuwiderlaufendes Haus, das nichts beherbergt als sich selbst.

Ein Haus ohne Fenster und Türen

Ein Holzgerüst, komplett überzogen von einer Fassade aus 30 000 gläsernen Biberschwanzziegeln. Ein Haus wird es werden – aber ohne Türen, ohne Fenster. Die kühne Idee von wulf architekten aus Stuttgart wurde vom jüngst gestorbenen Architekten Arno Lederer, der Vorsitzender im Preisgericht des Realisierungswettbewerbs „Historische Häuserzeile Oberamteistraße“ war, und dem Rest der Jury gefeiert. Auch von der Architektin und damaligen Baubürgermeisterin Ulrike Hotz sowie vom Gemeinderat, was bemerkenswert ist, denn nicht immer werden ja die Projekte der Wettbewerbssieger auch umgesetzt.

Häuser schiefer als der Turm von Pisa

Zudem ist das Konzept keine l’art pour l’art, keine „zweckfreie“ Architektur. Der Bau wird die zwei Fachwerkhäuser nebenan stützen. „Die Bürgerhäuser in der Oberamteistraße 28-32 gehören zu den ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands.

Sie entstanden in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts“, sagt Tobias Wulf. „Nur stehen sie inzwischen schiefer als der Turm von Pisa in der Reutlinger Altstadt und drohen einzustürzen“, sagt der Architekt Ingmar Menzer, neben Tobias Wulf einer der vier geschäftsführenden Gesellschafter.

Zeitschichten sichtbar machen

Eine Treppe führt dann in den für den erst 2017 entdeckten historischen Gewölbekeller, und eine führt in die zwei anderen Gebäude nach der denkmalgerechten Sanierung, die jetzt begonnen hat. Alle Spuren der Zeit werden als Ausstellung aufbereitet und können so Zeugnis ablegen über die Reutlinger und ihre Stadt.

„Wir wollen keine Hierarchien, jede Zeitschicht ist wichtig“, sagt Ingmar Menzer, „Blümchentapeten aus den 1970er Jahren und Kritzeleien eines italienischen Gastarbeiters, der da zuletzt lebte, sind für uns nicht weniger wertvoll als historische Funde wie ein barocker Schrank.“

Dennoch: Wie kann das sein, ein Haus mit nichts drin als Luft? Solche Fragen hatten die Architekten öfter zu beantworten. „Wir erklären viel, sprechen mit den Bürgern, für das Haus ja da sein wird“, sagt Tobias Wulf. In Reutlingen hat sich die erste Aufregung über den vermeintlichen Affront sowieso gelegt. Zumal seit eine Finanzierungshilfe durch den Bund zugesagt wurde – als Leuchtturmprojekt für Umbau im Denkmalschutz.

Damit wird dann auch die extravagante Hülle bezahlbar: 33 000 Glasziegel gibt’s nicht im Baumarkt. Weltweit werden sie nur noch von fünf Manufakturen hergestellt, die Glasziegel für Reutlingen kommen aus dem Burgund. Das Sanierungsprojekt soll insgesamt knapp 20 Millionen Euro kosten, davon gehen 5,5 Millionen auf den Neubau.

Links der geplante Neubau mit Gewölbekeller, rechts die alten Fachwerkhäuser Foto: wulf architekten/wa

Architekt Tobias Wulf erklärt es so: „Wir bilden das verlorene Volumen des alten Hauses nach. Die neue Hülle lässt das Innere verschwommen erscheinen wie bei einer lang zurückliegenden Erinnerung. Es entsteht der Eindruck eines Phantoms.“

Bei Dingen, die nur noch in der Erinnerung existieren, wisse man oft nicht mehr so genau, wie sie exakt ausgesehen haben. Dieses Gefühl wollen die Architekten aufnehmen. „Je nach Lichteinstrahlung, Reflexion und innerer Beleuchtung ist das dahinterliegende, hölzerne Fachwerk mehr oder weniger sichtbar, wirkt das Gebäude durchscheinend transluzent oder spiegelnd.“

Geheimnisvolles Schimmern

Das Haus soll abends geheimnisvoll schimmern, daher die gläserne Biberschwanzziegelhülle, die Licht nach außen trägt. Und auch das Fachwerk wird man dann erkennen. Inspiriert wurden die Architekten auch durch die Not – die zwei anderen Häuser wurden zuletzt mit Holzbalken gestützt, weil sie sich seit dem Abriss des Steinernen Hauses immer mehr zur Seite geneigt hatten.

„Wir waren ein bisschen überrascht, dass wir den Wettbewerb gewonnen haben“ , sagt Tobias Wulf, „aber begeistert, weil es für uns auch eine neue Herausforderung ist.“ Umbau im Denkmal gehört nicht unbedingt zum Tagesgeschäft von Wulf Architekten, die mit ihren drei Büros in Stuttgart, Berlin und Basel an vielen Wettbewerben teilnehmen.

Sie planen große Projekte, Schulzentren, Finanzämter, Wohnstifte, Sporthallen, Messebauten, Messeparkhäuser (wie jenes, unter dem der Verkehr auf A8 bei Stuttgart fährt), eine preisgekrönte Mensa mit Medienzentrum in Darmstadt, Büro- und Geschäftshäuser wie das in der Stuttgarter Stiftstraße, das jüngst das Prädikat „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer erhielt.

Renommee brachte auch das mehrfach ausgezeichnete Feuerwehrhaus in Straubenhardt, das komplett nach dem Cradle to Cradle Prinzip gebaut wurde, also so, dass alle Bestandteile bei Rückbau komplett rezyklierbar, wieder verwendbar sind. Solche Umbauten im Bestand wie in Reutlingen, nachhaltige Vorzeigeprojekte wie das Feuerwehrhaus sind „reizvolle Aufgaben“, sagt Tobias Wulf. „Wir wollen uns ja weiterentwickeln und suchen immer wieder neue Herausforderungen.“

Gut fürs Image sind sie auch. Zudem, da gerade die junge Architektengeneration oft viel Wert auf nachhaltige Bauaufgaben lege, bestätigt Ingmar Menzer, machen sich solche Projekte auch bei der Einstellung hoch qualifizierten Nachwuchses bemerkbar, der sich ausdrücklicher solcher Arbeiten wegen bei wulf architekten bewirbt. „Holzbau, arbeiten mit Recyclingbeton, einfaches Bauen mit möglich wenig Technik sind für uns wichtige Themen“, sagt Tobias Wulf, „ebenso aber weiterhin gestalterisch gut und qualitativ hochwertig zu arbeiten.“

Nicht erst seit im vergangenen Jahr Architekten mit einem „Abrissmoratorium“ in einem offenen Brief an Bauministerin Klara Geywitz mahnten, dass möglichst wenig abgerissen und umso mehr Bestand ertüchtig werden soll, widmet sich das im Jahr 1987 Tobias Wulf gegründete Büro dieses Themas. Seit rund 15 Jahren arbeiten sie schon an der Umstrukturierung und Erweiterung der Generaloberst-Beck-Kaserne in Sonthofen, 2024 soll das Projekt beendet sein.

Umbau einer NS-Ordensburg im Allgäu

Die 1956 nach dem Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, Generaloberst Ludwig Beck, benannte Kaserne der Bundeswehr war eine von zwölf in Deutschland verteilten Adolf-Hitler-Schulen zur Ausbildung von nationalsozialistischen Kadern. Als Ordensburg Sonthofen eine von drei NS-Ordensburgen während der Zeit des Nationalsozialismus. Der Lehrbetrieb ging dort bis Kriegsende weiter, ein prominenter Schüler war der Schauspieler Hardy Krüger.

Die Kaserne in Sonthofen wird von wulf architekten saniert und durch Neubauten erweitert. Foto: wulf architekten/wa

„Es geht dabei nicht nur um die Auseinandersetzung mit einem der historisch bedeutendsten Gebäudeensembles aus der Zeit des Nationalsozialismus“, sagt Tobias Wulf, „sondern auch um die Integration der Neubauten in die Landschaft und eine Neuordnung der Frei- und Außenanlagen.“

Nachhaltigkeit geht vor Ideologie und hält nicht davon ab, baulich gute Substanz zu erhalten, zu sanieren, architektonisch Bedeutsames neu hinzuzufügen. Das gilt für alte Kasernen aus der Nazizeit im Allgäu ebenso wie für Bausünden aus der Nachkriegszeit in Reutlingen.

Info

Büro
Das Büro wulf architekten wurde 1987 von Tobias Wulf in Stuttgart gegründet. In den Planungsteams mit Standorten in Stuttgart, Berlin und Basel sind rund 140 Mitarbeiter aus 20 Nationen beschäftigt. Für das Jahr 2022 wurde das Büro mit dem fünften Platz in der Kategorie „Architektur“ ausgezeichnet. Jedes Jahr erstellt competitionline.com ein Ranking der erfolgreichsten Architekturbüros anhand der auf der Plattform gelisteten Wettbewerbsergebnisse.

Auszeichnungen
Jüngst erhielt wulf architekten von der Architektenkammer Baden-Württemberg die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ für den Neubau eines Büro- und Geschäftshauses in der Stuttgarter Stiftstraße. Das Feuerwehrhaus Straubenhardt hat zahlreiche Preise erhalten, darunter die Hugo-Häring-Auszeichnung 2023 BDA (Bund deutscher Architekten) Nordschwarzwald, schaffte es auf die Longlist des Deutschen Architekturpreises (DAM) und erhielt den Fritz-Bender-Baupreis 2022.