Es ist ein Alptraum, was Angehörige von Verstorbenen auf dem Friedhof in der Altstadt erleben. Sie werden auf dem Friedhof belästigt, Gräber werden zerstört. Jetzt melden sie sich zu Wort: „So kann es nicht weitergehen.“
Birgit und Herbert Schneider haben genug. Und deshalb wenden sie sich nicht nur eindringlich an die Stadt, sondern auch an unsere Redaktion. Was sie uns im Gespräch schildern, lässt einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Und die Schilderungen passen zu dem, was sich auch sonst in dem Wohngebiet rund um die Vogelsangstraße nahe des Friedhofs abspielt.
Sie haben vergangene Woche das Grab der Eltern von Birgit Schneider gerichtet. Und wie mittlerweile viele, sind sie schon mit einem mulmigen Gefühl auf den Friedhof gegangen. Wie sie berichten, passt ein – seit Jahren polizeibekannter – Nachbar jene, die die Gräber richten wollen, auf dem Friedhof ab und bedrängt sie verbal und körperlich.
„Er steht dann ununterbrochen ganz dicht neben einem, redet zum Teil anstößiges Zeug, es ist einfach widerlich“, sagen die beiden. Auch andere haben derartige Szenen schon erlebt. Der Mann lässt sich nicht abwimmeln, der Aufenthalt auf dem Friedhof wird zur Tortur.
Immer das gleiche Muster
Das Schlimmste folgt dann später. „Es ist immer das gleiche Muster“, sagen sie. Die Grabstätte, die im Beisein des aufdringlichen Mannes frisch gerichtet und liebevoll bepflanzt wurde, ist einige Tage später völlig verwüstet. Es ist die vierte Grabstätte in diesem Jahr. Die Fotos, die unserer Redaktion zugesandt werden, sprechen Bände: Herausgerissene Pflanzen, ein angebranntes Grabkreuz – ein Bild der Verwüstung zeigt sich auf dem Altstädter Friedhof.
Und meist sei es dann auch noch der Mann selbst, der den Angehörigen „entsetzt“ anruft um ihnen die Nachricht von der Zerstörung zu überbringen. Er selbst weist seine Beteiligung an dem Ganzen jedoch weit von sich.
Frauen trauen sich nicht allein auf den Friedhof
„Uns sind namentlich mehrere Frauen bekannt, die vor dem Herrn (Name der Redaktion bekannt) Angst haben und sich nicht mehr alleine trauen, auf den Friedhof zu gehen, um die Gräber zurichten“, sagt Herbert Schneider. Und es sei ihnen natürlich auch bekannt, dass sich nicht alle Geschädigten trauen, die Sache der Stadt zu melden oder zur Anzeige zu bringen, aus lauter Angst, der Nachbar könnte ihnen weiteren Schaden zufügen.
Ihnen reicht es jetzt. „Ja, sie können unsere Namen nennen, wir stehen dazu“, sagen sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Es gehe hier nicht nur um die Sachbeschädigungen. „Es ist auch schlimm, was das emotional mit einem macht. Das tut richtig weh“, sagt Birgit Schneider. Man wolle die verstorbenen Angehörigen in Ehren halten – und dann sei man Belästigungen und Zerstörung ausgesetzt.
Sie haben den jüngsten Fall zur Anzeige gebracht. Und sie fordern in einem Schreiben an die Stadt als zuständige Behörde, „auf dem Friedhof für einen Zustand zu sorgen, auf dem vor allem Frauen ohne Angst die Gräber besuchen und richten können und dafür Sorge zu tragen, dass die Gräber nicht betreten und verwüstet werden und die Totenruhe nicht gestört wird“. Im Gespräch mit der Polizei sei unter anderem eine Videoüberwachung ins Spiel gebracht worden.
In 83 Anklagepunkten schuldig gesprochen
Um wen es sich bei dem Nachbarn handelt, müssen Schneiders bei der Polizei nicht lange erklären. Der Mann aus der Vogelsangstraße ist wegen zahlreicher Fälle von Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte bekannt, ist im November in einem 83 Anklagepunkte umfassenden Prozess für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er hat Berufung eingelegt.
Welche Möglichkeiten die Stadt sieht, lässt sich urlaubsbedingt auf die Schnelle bei der Verwaltung nicht in Erfahrung bringen, wir werden jedoch berichten. Für Birgit und Herbert Schneider ist klar: „Es muss gehandelt werden. Oder muss erst etwas richtig Schlimmes passieren?“