Noch zehn Kilometer weiter, und sie wären an der Front gewesen: Corina Oess und Tobias Bartsch haben bei ihrer sechsten Hilfslieferungstour in die Ukraine den Krieg hautnah erlebt – unter anderem einen Bombenangriff unweit ihrer Unterkunft.
Was macht man, wenn es an der ungarisch-ukrainischen Grenze einfach nicht vorwärts geht, die Hilfsorganisation, die Tobias Bartsch und Corina Oess beliefern wollten, nicht registriert ist – und St. Bürokratius sich Zeit lässt? „Eine Dose Lebkuchen hat’s geregelt“, erzählen die beiden Albstädter und schmunzeln: Neben medizinischem Material, warmer Kleidung und Lebensmitteln hatten die Gründer der gemeinnützigen gUG „ToContinue – Help for Hope“ auch selbst gebackene Lebkuchen an Bord – als schnelle Türöffner.
Ihr sechste Hilfstour führte weiter ins Kriegsgebiet als die bisherigen und war schwieriger. Nicht nur, weil Corina Oess tagelang mit einer heftigen Erkältung zu kämpfen hatte und Tobias Bartsch den Kleinbus alleine steuern musste, sondern auch des Winters wegen: „Minus acht Grad und Eisregen“ – nach jeder Etappe waren beide erschöpft und hundemüde.
So konnten sie schlafen, trotz der Einschläge der russischen Bomben und Drohnen: „Schon auf der Rückfahrt von unserem Kontaktmann Wiktor habe ich es blitzen sehen“, erzählt Bartsch von einer Fahrt innerhalb von Charkiw, kurz vor der Grenze zu Russland. Die Einschläge hörte Oess, als sie aus der Dusche kam: „Es war ein Riesenknall, und das Hotel“ – ein Hochhaus – „hat vibriert.“ In unbewohnte Häuser in der Nachbarschaft hatten zwei S300-Raketen eingeschlagen.
Der Arzt im Kampfanzug hat nur noch ein Auge
Trotz dieser Erlebnisse bewältigten sie tags darauf, vorbei an der völlig zerstörten Stadt Isjum, die Etappe bis Kramatorsk zu einer Hilfsorganisation, die Soldaten und ihre Familien direkt unterstützt, luden zwölf Kisten aus, 20 ein – und wunderten sich, wie viel ihr Kleinbus fasst. Die Hilfsgüter sowie ein Ultraschall- und ein Sterilisationsgerät, das Notfallsanitäter Tobias Bartsch in Deutschland gespendet bekam, brachten er und Corina Oess nach Karachowe, zehn Kilometer vor der Front, zu Wiktors Bruder Sergej: Er sei Arzt in einem Krankenhaus, das kaum noch Fensterscheiben, sondern nur noch Spanplatten zum Schutz vor der Kälte und viel zu viele schwer verletzte Patienten habe. „Er selbst hat schon ein Auge verloren – durch einen Scharfschützen“, berichten die Albstädter.
Im Kampfanzug statt im Arztkittel empfingen Sergej und sein Team die „Crazy Germans“, wie Bartsch und Oess dort genannt werden: weil sie verrückt genug seien, ins Kriegsgebiet zu liefern, während ihre Landsleute im Warmen und in Sicherheit die Weihnachtszeit genossen.
„Irgendetwas ist über uns geflogen“, berichten sie von ihrem kurzen Aufenthalt in Karachowe, wo das Krankenhausteam sie drängte, schnell wieder los zu fahren – aber nicht, ohne Corina Oess ein besonderes Erlebnis zu bescheren: Ein Soldat schenkte ihr sein „Patch“, eine Art Aufnäher, wie bisher nur Bartsch – der Mann im Helfer-Duo – sie bekommen hatte. „Das war eine schöne Art, Danke zu sagen“, betont Oess. „Wie ein Ritterschlag!“
„Um uns herum war wie ein Schutzschild“
Dass Tobias Bartsch schon aus langer Erfahrung als Notfallsanitäter die Fähigkeit besitzt, auch ohne Navigationsgerät und GPS zurückzufinden, war auf der Rückfahrt nach Charkiw Gold wert, denn GPS-Signale kamen nicht rein – und das bei Eisregen und heftiger Glätte. „An diesem Tag haben unsere Schutzengel Überstunden gemacht“, sind beide überzeugt, und tatsächlich: „Wir waren keine halbe Stunde aus Karachowe raus, da wurde die Stadt erneut angegriffen; es gab viele Tote und Verletzte“, sagt Bartsch, dem erst Tage später bewusst wurde, „wie nah wir dran waren an der Front. Überhaupt hatten wir eine Art Schutzschild: Mehrere Orte wurden angegriffen unmittelbar bevor wir kamen und kurz nach unserer Abreise.“
Auch in Charkiw erlebten sie noch einen Luftalarm, ehe sie die 1200 Kilometer Richtung Kiew fuhren und dort einen Ruhetag einlegten: „Täglich zwischen 5 und 6 Uhr aus dem Bett und 6000 Kilometer in sieben Tagen bei solchen Bedingungen“ – das schlauchte beide doch gehörig.
In der ukrainischen Hauptstadt besuchten sie eine Gedenkstätte, wo für jeden gefallenen Soldaten ein Fähnchen steckt, und aßen zum ersten Mal auf der Reise etwas Warmes: „Sonst haben wir im Auto aus der Kühlbox gelebt“, berichtet Oess, die mit ihrem guten Freund Bartsch längst ein eingespieltes Team ist: „Vor dieser Fahrt wusste jeder, was er zu packen hat – wir müssen uns kaum noch absprechen“, betonen beide.
„Unsere sechste Tour war die wichtigste“
Nach ihrer sechsten Tour sind sie sich einig, „dass dies die wichtigste war, weil alles an ein Krankenhaus direkt an der Front ging, wo sonst wirklich keiner etwas hinliefert“. Außer den „Crazy Germans“ aus Albstadt, die nach ihrer Rückkehr richtig dankbar sind: vor allem all jenen, die gespendet haben, und der Firma RB Messwerkzeuge aus Onstmettingen für den Kleinbus: „Das Auto ist mega“, schwärmt Corina Oess, und Tobias Bartsch fügt hinzu: „Es hat diesmal eine Kriegsverletzung davongetragen – aber nur einen Steinschlag an der Windschutzscheibe.“
Die beiden Freunde aber sind wieder heil zurück und denken schon über eine nächste Hilfslieferung nach: „Batterie-Packs werden dort dringend gebraucht, weil sie in den Krankenhäusern oft halbe Tage ohne Strom auskommen müssen“, sagt Bartsch. „Aber die kosten 1000 Euro pro Stück – und ob wir wieder fahren, hängt davon ab, ob wir genügend Spenden bekommen.“
Wer spenden will, findet alle Informationen im Internet unter www.tocontinue.de. Das Spendenkonto bei der Sparkasse Zollernalb hat die IBAN: DE 27 6535 1260 0134 0681 14 und die BIC SOLADES1BAL.