Am UCI Mountainbike-Weltcup gestört haben sich schon einige Albstädter, bevor klar wurde, dass die zusätzlichen Hygienemaßnahmen auch zusätzlich kosten würden. Die schlechte Nachricht hatte Finanzbürgermeister Steve Mall im Verwaltungs- und Finanzausschuss am vergangenen Donnerstag überbracht – und damit das Fass vollends zum Überlaufen gebracht. In den "Sozialen Medien" tobte die Diskussion: Unverantwortlich sei es, dass die UCI auf den Nasen der Gemeinderäte herumtanze. Bei einer explodierenden Inzidenz sei es ohnehin unfassbar, solch eine Sport-Großveranstaltung auszurichten, während Schulen und Sportvereine sich durch den Lockdown quälen.

Das Weltcup-Wochenende sollte zeigen, ob die Veranstaltung zum Corona-Hotspot würde. Das Gegenteil war der Fall: Binnen einer Woche ein Hygienekonzept zu überarbeiten, ist nicht leicht – und das ganz ohne Vorerfahrung und Testlauf. So häufig getestet wie Sportler und deren Teams, Organisationskomitee und Medienvertreter wurde am Wochenende wohl niemand im gesamten Zollernalbkreis.

Hinzu kommt: Die Profis hatten nur minimalen Kontakt mit Einheimischen – sich an den Gästen aus aller Welt zu infizieren, war für Letztere also nahezu unmöglich. Und vier positive Schnelltests – bei insgesamt 5000 Proben macht das rund 0,0008 Prozent positive Ergebnisse aus – bestätigen, dass eine Absage des Weltcups Albstadt nicht gerechtfertigt gewesen wäre. Zumal auf Hoteliers und Dienstleister in der Region durch ihre Einnahmen an dem Weltcup-Wochenende ein warmer Regen niedergegangen ist – Geld, das sie dringend brauchen. Albstadt hat mit der Ausrichtung des Weltcups eine Vorbildfunktion eingenommen. Weltweit kann das Hygienekonzept als Modell dienen, und weltweite Aufmerksamkeit hat Albstadt durch die Übertragung von "Red Bull TV" ohnehin bekommen – für das Marketing der Stadt ein echter Erfolg. Wenn die Einnahmen daraus die Ausgaben übersteigen, ist auch dem Letzten, der die Zusatzkosten kritisiert, der Wind aus den Segeln genommen.

Der Zuschauerverzicht war schmerzhaft. Das Zwitschern der Vögel im Bullentäle wird in normalen Jahren von den Rasseln der Fans übertönt. Im Profisport ist das aber seit Mitte vergangenen Jahres völlig normal. Viele Kritiker des Weltcups sollten sich an die eigene Nase fassen, wenn sie fordern, den Weltcup abzublasen, gleichzeitig am Samstagabend aber die Spiele der Fußball-Bundesliga anschauen. "Wenn hier Fußball statt Mountainbike angesagt wäre, gäbe es wahrscheinlich weniger Gegenwind", erklärte ein Streckenposten – und hat vermutlich Recht. Oder wie kommen sonst die konstant hohen Einschaltquoten der Profi-Sportveranstaltungen im Fernsehen zustande?

Die Dankbarkeit der Sportler bestätigt überdies, wie wichtig es war, den Weltcup auszurichten. Olympia ist ein Lebenstraum für jeden Profisportler – hätte Albstadt abgesagt, bliebe ihnen nur eine Möglichkeit, sich für Olympia zu qualifizieren.

Die Covid-19-Fallzahlen im Zollernalbkreis waren übrigens schon Tage vor der Anreise der Weltcup-Teilnehmer die höchsten im Land. Wer ist eigentlich dafür verantwortlich? Jetzt den Weltcup zum Sündenbock zu machen, wäre unfair. Und Fairness ist nicht nur im Sport wichtig.

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