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Aichhalden Volkssturmmänner mit Wein ermutigt "in die Schlacht zu ziehen"­

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Der Ortskern von Aichhalden mit der Kirche vermutlich in den 1940er-Jahren.Foto: Gemeinde-Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Aichhalden. "Alles, was an Hitler und das Dritte Reich erinnerte, verschwand. Fahnen und Uniformen wurden verbrannt", erinnert sich ein Zeitzeuge aus Aichhalden in seinen Aufzeichnungen an die Zeit um den 20. April 1945.

"Bilder wurden in Trümmer geschlagen, Papiere zerrissen, Ehrendolche vergraben. Vergraben wurde aber auch manch anderes, Speck, Eingemachtes, Schmuck, Wäsche. Überall wurde fieberhaft gearbeitet. In den Läden wurden die letzten Vorräte ausgegeben, stundenlang standen die einen Schlange, während die anderen im Hause ›Ordnung‹ schafften. Auf dem Rathaus berieten die Machthaber des untergehenden Systems über ihr ferneres Verhalten". Dabei seien sie "so vernünftig" gewesen, klein beizugeben und still von der politischen Bühne zu verschwinden, heißt es weiter in den Aufzeichnungen.

Inzwischen seien dann auch die Volkssturmmänner heimgekehrt. Wenige Tage zuvor seien sie "nicht ohne zuerst im ›Engel‹ mit Wein ermutigt, in die Schlacht gezogen." Dabei seien sie in die Gegend Peterzell/Fluorn marschiert, andere nur bis Rötenberg. Beim Herannahen der feindlichen Panzer hätten sie sich "taktisch einwandfrei" zurückgezogen. Ihr Führer indes, der Rötenberg noch habe verteidigen wollen, sei mit Lynchen bedroht worden.

Alle Männer in der Heimat bis 60 Jahre waren laut dem Chronisten zuvor aufgerufen und gezwungen worden, in die Volkssturmformation einzutreten, sich dort ausbilden zu lassen "und beim Herannahen des Feindes sich zum Kampf zu stellen". Mit der Ausführung des Befehls sei der vom Militär zurückgekehrte Lehrer Hugo Uebele betraut worden. Er sei der einzige Uniformierte gewesen, erst später seien zwei weitere Uniformen dazugekommen. Zu Vorführzwecken habe es an Waffen zwei Gewehre gegeben – und eine einzige Panzerfaust, die zu Übungszwecken abgefeuert worden sei. Und während der Volkssturm den Westen absicherte, seien die Franzosen vom Osten angerückt. "Was mit dem Volkssturm erreicht wurde, war einzig die Verlängerung eines schon verlorenen Kriegs und viel Blutvergießen dort, wo er zum Einsatz kam", merkt der Chronist an.

Drei Volkssturmmänner, die bei einer anderen Abteilung im Raum Hochmössingen/Waldmössingen gewesen seien, sowie ein Zivilist auf dem Weg nach Oberndorf, seien von den Franzosen "geschnappt" worden und in Gefangenschaft gekommen.

Gemeinde übergeben

Gegen Mittag des 20. April sei Aichhalden bereit gewesen, "die Feinde zu empfangen. Aber sie kamen nicht." Von Freudenstadt kommend, sei die französische Armee bis Peterzell gelangt und habe von dort einen Abstecher nach Rötenberg, [das damals noch nicht zu Aichhalden gehörte] gemacht. Einige seien nach Dunningen gezogen, andere nach Sulgen, während sich schon vorher ein Teil Richtung Alpirsbach und Schiltach gewandt hatte. So sei Aichhalden langsam eingeschlossen gewesen.

"Überall kündeten Rauchsäulen und der Kampflärm den Weg der Feinde. Als auch in Sulgen gleichzeitig drei Häuser niederbrannten, wurde manches Herze bang. Da setzte sich ein Zivilfranzose, der hier in Arbeit gestanden, mit dem Amtsdiener Sekinger aufs Motorrad, fuhr nach Sulgen in den "Bären", wo die Kommandostelle war, und übergab den Franzosen die Gemeinde. Deshalb kamen diese erst gar nicht hierher, sondern zogen weiter, Schramberg zu und Hardt zu. Wir aber sind von dem bewahrt worden, was viele Gemeinden beim Einmarsch getroffen hat, Plünderungen, Vergewaltigungen, Erschießungen und so weiter und sahen erst nach Tagen die ersten französischen Soldaten, als die größte Wut schon verraucht war", geht der Zeitzeugenbericht weiter.

Zwar hätten in den darauffolgenden Nächten immer noch Granaten über Aichhalden hinweggeheult, die von einer französischen Artilleriestellung im Brambach aus in Richtung Wolfach abgefeuert worden seien, hätten in Aichhalden aber keinen Schaden angerichtet. "So kamen wir wohl behalten über diese heiklen Tage hinweg und sollten nicht vergessen, dem Himmel stets dankbar dafür zu sein. Der Krieg war für uns praktisch damit zu Ende. Der Waffenstillstand vom 8. Mai bedeutete für uns nur die Bestätigung dieses Zustands. Trotzdem atmete alles bei dieser Nachricht erleichtert auf und empfand eine aufrichtige Genugtuung, als im August auch der Krieg mit Japan vollends zu Ende ging und das Morgenrot einer kommenden Zeit des Friedens aufstrahlte."

Im Rathaus habe dann eine Zeit lang der genannte Zivilfranzose, im Dorf nur Louis genannt, "die Alleinherrschaft ausgeübt, plötzlich tadellos gekleidet, mit umgeschnalltem Revolver und unterwegs nur mit einem feudalen Motorrad. Manche Aichhalder, sogar solche, die bisher tapfere Parteigenossen waren, freundeten sich sehr rasch und herzlich mit ihm an aus lauter Angst ums Pöstchen oder Vermögen." Dazu vermerkt der Chronist: "Oh Welt, wie bist du charakterlos!"

"Hartes Abliefern"

Bald aber seien die französischen Militärs gekommen und dann sei es an ein "hartes Abliefern" gegangen. Alle Rundfunkgeräte und Fotoapparate hätten abgegeben werden müssen, jede Familie habe eine volle Ausstattung für eine Person stellen müssen – vom Hut bis zu den Schuhen. Autos seien geholt worden, Motorräder beschlagnahmt, dann seien Ablieferungsanforderungen auf Teppiche, Wäsche und Möbel gekommen. Vor allem seien, so der Zeitzeuge, frühere Parteigenossen "gerupft" worden.

Während dies "trotz unserer Bitterkeit" ruhig vonstatten ging" habe etwas anderes große Unruhe ins Dorf gebracht, Plünderungen von Bauernhäusern und Einzelhöfen. Ausländische Arbeiter und Gefangene, "nun im Besitz dere vollen Freiheit, begünstigt von den Franzosen und mit allem Nötigen ausgerüstet, überfielen des Nachts in ganzen Rudeln die Höfe, hielten die Bewohner mit Revolvern, Gewehren und Messern in Schach und nahmen alles mit, was ihnen in die Hände fiel ... oder ihren Gefallen erregte. Die Bauern waren diesem Treiben gegenüber machtlos und mussten froh sein, wenn sie mit heiler Haut davon kamen. Als die Bevölkerung mit Erlaubnis der Besatzungsmacht ... sich zur Gegenwehr organisierte, wurden die Überfälle seltener, hörten aber erst auf, als nach längerem Zuwarten die französische Gendarmerie eingriff."

Angeeignet, aber bezahlt

Auch das Pfarrhaus hatte eines Abends spät "solchen Besuch" erhalten. "Russen hatten das Haus umstellt, andere drangen ein, besetzten das Telefon und alle Ausgänge und wieder andere verlangten zur Garage. Dort stand ein Auto, schöner Adlerwagen, der dem in Stalingrad vermissten Lehrer Moosmann gehörte. Davon hatten die Burschen Wind bekommen. Die Franzosen hatten den Wagen schon holen wollen, hatten aber unter sich Streit bekommen; jetzt holten in die Russen im Mondenschein. Sie waren sogar noch so nobel, dem Bruder des Besitzers den Preis dafür zu bezahlen. – Vom Pfarrhaus selbst wollten sie nichts", merkt der Chronist an.

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – auch in Aichhalden. Einheiten der Ersten Französischen Armee, die ringsum die Gemeinden besetzten, hatten dem Ort aber zunächst keine Bedeutung geschenkt und so mussten die Aichhalder selbst aktiv werden und in Sulgen im "Bären" die Gemeinde übergeben.

Ihre Redaktion vor Ort Schramberg

Stephan Wegner

Fax: 07422 9493-18

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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