Villingen-Schwenningen - Am Montag platzte beim Leuchtenhersteller Hess AG eine Bombe: Wegen des Verdachts einer Bilanzfälschung wurden, teilt das Unternehmen über eine Ad-hoc-Meldung auf seiner Homepage mit, die beiden Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler, fristlos gefeuert.

Erst im Oktober 2012 wagte die Hess AG als erster Mittelständler in dem schwierigen Börsenjahr überhaupt den Sprung an die Börse. Der Börsengang hatte für Furore gesorgt. Als Bekenntnis zur Region war den Anlegern eine bevorrechtigte Zuteilung ermöglicht worden. Nach Vollzug strahlten die beiden Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler um die Wette. Nun steht ein düsterer Verdacht im Raum: Bilanzmanipulation. Für gestern war eine Sondersitzung des Aufsichtsrats einberufen worden. Dabei seien die Vorstände Hess und Ziegler "aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung" vor die Tür gesetzt worden, heißt es. Parallel dazu habe der Aufsichtsrat Till Becker zum Mitglied des Vorstands der Gesellschaft bestellt – ein, so Unternehmenssprecher Marco Walz, "Externer, der mit Hess in der Vergangenheit keinerlei Berührungspunkte hatte".

Auf der Homepage des Unternehmens, das rund 360 Mitarbeiter beschäftigt, steht seit gestern die Ad-hoc Mitteilung dazu. Darin ist zu lesen, dass es "wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum mit Kenntnis des Vorstands zu Verstößen gegen Bilanzierungsregelungen gekommen ist. Es besteht unter anderem der Verdacht, dass die Hess AG zumindest seit dem Jahr 2011 fingierte Umsätze ausgewiesen hat." Die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage sei in den Finanzberichten der Gesellschaft für 2011 und 2012 zu positiv dargestellt worden.

Marco Walz, Sprecher des Unternehmens, nahm gestern im Telefonat mit unserer Zeitung Stellung zu den Vorgängen. Gegen 14.30 Uhr sei die Entscheidung, den beiden Vorständen fristlos zu kündigen, vermutlich gefallen. Das geschah in einer Sitzung der drei Aufsichtsräte – ein einfacher Mehrheitsbeschluss sei dafür ausreichend. Zum dreiköpfigen Aufsichtsrat gehört neben Wolfgang Rombach sowie dem Aufsichtsratsvorsitzenden Tim van Delden (seit Dezember 2011 Aufsichtsratsmitglied der Hess AG) auch der Vater von Christoph Hess, Jürgen Georg Hess. Van Delden ist der zweitgrößte Aktionär nach der Familie Hess – sie hält 40 Prozent.

In dessen Stimme schwang gestern im Telefonat mit unserer Zeitung große Betroffenheit mit, nachdem sein Sohn geschasst worden war. Jürgen G. Hess wird auf der Homepage als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender benannt, bezeichnete sich selbst aber lediglich als "ein Mitglied des Aufsichtsrats" und verwies für Stellungnahmen zu den aktuellen Vorgängen auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Till van Delden. Er selbst befinde sich aktuell im Ausland, so Jürgen G. Hess, und bitte um Verständnis dafür, dass er zu den Vorgängen "im Moment keine Aussage" machen wolle.

Sein Sohn hatte das väterliche Unternehmen 2007, nach dessen Umwandlung in die Hess AG, als Vorstandsvorsitzender und Mehrheitsgesellschafter der Hess AG Form + Licht in VS übernommen und führte das von seinem Großvater Willi gegründete Unternehmen in dritter Generation weiter.

In der Doppelstadt bewegt sich Christoph Hess auch auf dem gesellschaftlichen Parkett, ist geschätztes Mitglied in vielen Vereinen und Organisationen und war am Wochenende beispielsweise als Generalfeldmarschall des Katzenmusikvereins Miau Villingen bei deren Zunftball in Aktion. Gestern jedoch war Christoph Hess für die Presse nicht zu sprechen, blieb eine Rückrufbitte unbeantwortet und wurde beim Anruf unter seiner Mobilfunknummer aufgelegt, nachdem sich unsere Redaktion namentlich gemeldet hatte.

Bei der Firma Hess in Villingen-Schwenningen war unterdessen Entsetzen spürbar. "Ich weiß es selber noch nicht so lange", erklärte eine hörbar mitgenommene Mitarbeiterin am Telefon und skizzierte das Stimmungsbild kurz und knapp mit den Worten: "Wir sind in keiner guten Stimmung – alle."