Villingen-Schwenningen Statt Bombe war nur Schnaps im Koffer

Felicitas Schück, 15.12.2012 08:56 Uhr

Villingen-Schwenningen - Erstaunlich, was alles so in einen kleinen Trolley passt. Eine Flasche Kirschwasser, Bier, Rotwein, eine Tüte vom Drogerie-Markt, Kabel, elektrische Geräte, wirr geordnete Herrenklamotten, Heiligenbilder, ein Kartenspiel und schließlich sogar Waschzeug förderten die Experten vom Sprengstoffteam aus Stuttgart am Villinger Busbahnhof aus dem Behältnis zutage.Seit 7 Uhr morgens stand dort ein zunächst unbeachteter und unscheinbarer kleiner blauer Koffer am Bahnsteig I. Gegen 10.38 Uhr traf ein Notruf bei der Polizeidirektion VS ein. Der Beschäftigte eines Busunternehmens machte sich Sorgen im Hinblick auf den Koffer. Sofort ließ Polizeidirektor Roland Wössner das gesamte Gelände absperren. "In solchen Tagen muss man bei herrenlosen Koffern auf Bahnhöfen mit allem rechnen", schilderte er, warum die Polizei außerdem den Bus- und Zugverkehr einstellen ließ. "Das kann alles Mögliche sein. Dieser Koffer wurde nicht als vermisst oder gestohlen gemeldet, wir können ihn nicht zuordnen."

Der Polizeidirektor überwachte das Geschehen am Busbahnhof persönlich, leitete die vielen Schüler, die wie gewohnt am Busbahnhof einsteigen wollten, zu Haltestellen am Kaiserring.

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Aber auch das Landratsamt war auf dem Fußweg für ein paar Stunden unerreichbar. Weil der Koffer etwa 30 Meter entfernt vom Fußgängeraufgang zum Landratsamt stand, wurde dieser ebenfalls abgesperrt. Murrend mussten Fußgänger auf die Straße in Richtung AOK ausweichen, die rechts und links von Schnee umsäumt war. Unterdessen trafen durchaus noch Züge ein. Die ankommenden Reisenden erhielten per Durchsage die Information, dass sie den Bahnhof geradeaus durch den Haupteingang verlassen sollten.

Gegen Mittag erschien eine aufgeregte junge Dame bei einem der zehn Polizeibeamten, die das Gelände vor dem Aufgang zum Landratsamt absperrten. "Der Koffer meiner Oma wurde vertauscht. Ich soll mich hier um 12 Uhr mit jemanden treffen, der ihren Koffer hat." Sie hatte den dringenden Verdacht, es könne sich bei dem am Bahnsteig I stehenden Behältnis um den Koffer der Großmutter handeln. Aber das blaue Gepäckstück war ja schon seit 7 Uhr am Busbahnhof. Klarer Beweis also für alle: Das kann nicht der Koffer der Oma sein.

Das Stuttgarter Expertenteam vom Landeskriminalamt, das zufällig gerade in Freiburg weilte, traf gegen 12.15 Uhr mit einem roten VW-Bus ein. Innerhalb weniger Minuten hatten die Männer den Koffer durchleuchtet und schließlich geöffnet.

"Ein interessanter Inhalt", findet Roland Wössner, der schon eine Ahnung hat, wem der Koffer gehören könnte. Einem Fernreisenden vielleicht, der schon in der Frühe mit einem Bus in seine osteuropäische Heimat aufbrechen wollte. Der Koffer kommt jedenfalls bis auf Weiteres ins Fundbüro. Dass er absichtlich hingestellt wurde, etwa, um die Polizei zu narren, schließt der Polizeidirektor aus. "Die Heiligenbilder und das Kartenspiel weisen deutlich auf einen Osteuropäer hin, der nach Hause fahren wollte", sagte er. Es gebe ein Reiseunternehmen, das jeden Morgen nach Osteuropa, also Bulgarien, Kroatien und Slowenien fahre. Man habe jedoch bisher keinen Kontakt zu diesem Unternehmen herstellen können.

Und wie mag es dem Reisenden ergangen sein, als er bei seiner Ankunft in der Heimat feststellen musste, dass der Schnaps, das Bier und der Rotwein sowie die Heiligenbilder, das Kartenspiel, das Waschzeug und die Tüte fehlten? Im Koffer wurden außerdem Preisschilder gefunden. Mit den dort aufgedruckten Codes wolle man versuchen, die Identität des Eigentümers zu ermitteln. "Aber eigentlich ist der Fall für uns jetzt abgeschlossen, im Koffer war kein Sprengsatz", so Wössner gestern Nachmittag.

Bis 12.25 Uhr wurde der gesamte Bahnhofsvorplatz geräumt, die Bahnhofstraße von der Bickenstraße bis zur Luisenstraße gesperrt.

 
 
Kommentare (4)
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DEZ
16
Markus Hilser, 23:47 Uhr

Bedrohung / Absperrung

@Michael Manthey Ich habe nicht den Eindruck, dass die Medien und die Presse hier Hysterie und Angst in unsere Gemüter gebracht haben. Ich würde Berichterstattung und Interpretation voneinander trennen. Selbstverständlich entwickeln manche aus der Berichterstattung heraus Angst oder Hysterie, das ist aber ein Problem des Einzelnen im Umgang mit Informationen. Die Absperrung des gesamten Geländes halte ich für in Ordnung. Klar, die Wahrscheinlichkeit sprach dagegen, dass es sich beim Koffer um eine ernsthafte Bedrohung handelt. Trotzdem bestand ein geringes Risiko. Wer kann ruhigen Gewissens entscheiden, ab welchem Risiko eine Absperrung Sinn macht? Wieviel Schelte hätte es erst gegeben, wenn das Ding ohne Absperrung trotz der geringen Wahrscheinlichkeit in die Luft geflogen wäre? Selbst bei einer angenommenen Wahrscheinlichkeit von weniger als 1% kann die Sicherstellung von maximal möglicher Sicherheit von größerem öffentlichen Interesse sein als gewohnheitsmäßiges Verkehren von Passanten, Bussen und Bahnen.

DEZ
15
Michael Manthey, 18:22 Uhr

Hysterie

Ja, willkommen, endlich ist sie ganz bei uns in D angekommen: die Hysterie und die Angst. In Amerika gezüchtet und geschürt, hat sie durch Medien- und Pressehype ihren Weg ins unsere Gemüter gefunden. Ein herrenloser Koffer? Oh mein Gott, wir werden alle sterben … Und dann wird die ganze Panikmaschine in Gang gesetzt. Ob da nun Menschen ihre Anschlusszüge oder -busse bekommen, ob Terminpläne durcheinandergeraten und ganze Straßenzüge abgeschottet werden – ach was soll’s, Hauptsache ordentlich Aktionismus gemacht und gezeigt. Und blinde Hysterie. Und, ganz nebenbei, unterschätzt mir, liebe Leute, ja nicht die Sprengkraft von Alkohol. Die Gebrüder Molotow z.B. liebten ihn geworfen, nicht gerührt … Oh mein Gott, wir werden alle sterben. Übrigens, hat jemand (m)einen Koffer gesehen?

DEZ
15
Burak, 17:07 Uhr

@Denker...

Ja genau..die Auto-Lobby und die Politik! Fast 5000 tote scheinen nicht zu interessieren - Hauptsache man kann mit seinem 'Suv' dick tun und die Automobilindustrie unterstützen. Autobahn in Dt. wird immer mehr zu einem 'survival of the fitest' wo Leute ihre primitiven Reflexe ausleben dürfen. Allen Bombenterrorverängstigten rate ich immer eine Bombe im Koffer bei sich zu tragen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Bomben zur selben Zeit am selben Bahnsteig sind geht gegen null;-)

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