Villingen-Schwenningen - Erstaunlich, was alles so in einen kleinen Trolley passt. Eine Flasche Kirschwasser, Bier, Rotwein, eine Tüte vom Drogerie-Markt, Kabel, elektrische Geräte, wirr geordnete Herrenklamotten, Heiligenbilder, ein Kartenspiel und schließlich sogar Waschzeug förderten die Experten vom Sprengstoffteam aus Stuttgart am Villinger Busbahnhof aus dem Behältnis zutage.Seit 7 Uhr morgens stand dort ein zunächst unbeachteter und unscheinbarer kleiner blauer Koffer am Bahnsteig I. Gegen 10.38 Uhr traf ein Notruf bei der Polizeidirektion VS ein. Der Beschäftigte eines Busunternehmens machte sich Sorgen im Hinblick auf den Koffer. Sofort ließ Polizeidirektor Roland Wössner das gesamte Gelände absperren. "In solchen Tagen muss man bei herrenlosen Koffern auf Bahnhöfen mit allem rechnen", schilderte er, warum die Polizei außerdem den Bus- und Zugverkehr einstellen ließ. "Das kann alles Mögliche sein. Dieser Koffer wurde nicht als vermisst oder gestohlen gemeldet, wir können ihn nicht zuordnen."

Der Polizeidirektor überwachte das Geschehen am Busbahnhof persönlich, leitete die vielen Schüler, die wie gewohnt am Busbahnhof einsteigen wollten, zu Haltestellen am Kaiserring.

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Aber auch das Landratsamt war auf dem Fußweg für ein paar Stunden unerreichbar. Weil der Koffer etwa 30 Meter entfernt vom Fußgängeraufgang zum Landratsamt stand, wurde dieser ebenfalls abgesperrt. Murrend mussten Fußgänger auf die Straße in Richtung AOK ausweichen, die rechts und links von Schnee umsäumt war. Unterdessen trafen durchaus noch Züge ein. Die ankommenden Reisenden erhielten per Durchsage die Information, dass sie den Bahnhof geradeaus durch den Haupteingang verlassen sollten.

Gegen Mittag erschien eine aufgeregte junge Dame bei einem der zehn Polizeibeamten, die das Gelände vor dem Aufgang zum Landratsamt absperrten. "Der Koffer meiner Oma wurde vertauscht. Ich soll mich hier um 12 Uhr mit jemanden treffen, der ihren Koffer hat." Sie hatte den dringenden Verdacht, es könne sich bei dem am Bahnsteig I stehenden Behältnis um den Koffer der Großmutter handeln. Aber das blaue Gepäckstück war ja schon seit 7 Uhr am Busbahnhof. Klarer Beweis also für alle: Das kann nicht der Koffer der Oma sein.

Das Stuttgarter Expertenteam vom Landeskriminalamt, das zufällig gerade in Freiburg weilte, traf gegen 12.15 Uhr mit einem roten VW-Bus ein. Innerhalb weniger Minuten hatten die Männer den Koffer durchleuchtet und schließlich geöffnet.

"Ein interessanter Inhalt", findet Roland Wössner, der schon eine Ahnung hat, wem der Koffer gehören könnte. Einem Fernreisenden vielleicht, der schon in der Frühe mit einem Bus in seine osteuropäische Heimat aufbrechen wollte. Der Koffer kommt jedenfalls bis auf Weiteres ins Fundbüro. Dass er absichtlich hingestellt wurde, etwa, um die Polizei zu narren, schließt der Polizeidirektor aus. "Die Heiligenbilder und das Kartenspiel weisen deutlich auf einen Osteuropäer hin, der nach Hause fahren wollte", sagte er. Es gebe ein Reiseunternehmen, das jeden Morgen nach Osteuropa, also Bulgarien, Kroatien und Slowenien fahre. Man habe jedoch bisher keinen Kontakt zu diesem Unternehmen herstellen können.

Und wie mag es dem Reisenden ergangen sein, als er bei seiner Ankunft in der Heimat feststellen musste, dass der Schnaps, das Bier und der Rotwein sowie die Heiligenbilder, das Kartenspiel, das Waschzeug und die Tüte fehlten? Im Koffer wurden außerdem Preisschilder gefunden. Mit den dort aufgedruckten Codes wolle man versuchen, die Identität des Eigentümers zu ermitteln. "Aber eigentlich ist der Fall für uns jetzt abgeschlossen, im Koffer war kein Sprengsatz", so Wössner gestern Nachmittag.

Bis 12.25 Uhr wurde der gesamte Bahnhofsvorplatz geräumt, die Bahnhofstraße von der Bickenstraße bis zur Luisenstraße gesperrt.